What do you think?
Rate this book


Paperback
First published January 1, 1983
„Bei Paschke ist heute Abend Schützenball”, sagte die Frau meines Bruders. „Wenn ihr Lust habt, können wir nachher noch hingehen.”
„Und ob wir Lust haben”, sagten wir.
Wir zogen also nach dem Essen zu Paschke und setzten uns an einen Tisch neben der Theke. Der Schützenball fand im Versammlungsraum statt und durch die geöffnete Flügeltür kamen immer wieder Leute an die Theke, um hier einen Schluck zu trinken und dann wieder in den Tanzsaal zu gehen. Schluck ist eine wendländische Bezeichnung für klaren Schnaps. Wenn man viel davon trinkt, wird man besoffen. Im Tanzsaal war die Tanzerei schon in vollem Gange, aber es ging noch ziemlich zivil zu.
„Das wird sich im Laufe der Zeit aber noch ändern”, sagte die Frau meines Bruders.
„Hoffentlich”, sagte ich. Ich hatte noch nie einen Schützenball mitgemacht und verband damit nur undeutliche aber großartige Vorstellungen.
Stellt euch vor - ein Medium, das rund um die Uhr gefüttert werden muß, doch ohne Gedächtnis, ohne Publikum und ohne Wirkung. Was immer du für den Rundfunk schreibst: es wird zu nichts von dem in Beziehung gesetzt, was bisher geschrieben wurde, da sich dessen niemand erinnert. Was immer der Rundfunk von dir sendet, es wird nicht einmal von deinen Freunden wahrgenommen, da niemand eine bestimmte Sendung, jeder lediglich das Radio einschaltet. Reiner Zufall, wenn jemand den Beginn einer Sendung erwischt, unerheblich, ob jemand sich noch den Abspann anhört. Anschließend dreht er ja doch sofort am Skalenknopf, wodurch das, was er soeben gehört hat, sogleich wieder zurücktritt, ein Fetzen Geräusch wird im Flickenteppich der Geräusche, an dem der Apparat rund um die Uhr webt und webt. Welch abgeklärter Geist in den Redaktionsstuben der Sendeanstalten! Welch tiefe Einsicht in die gänzliche Unerheblichkeit des eigenen Tuns! Kein Wettbewerb um Einschaltquoten, Sendezeiten und Spitzengagen vergiftet dort die Atmosphäre, kein Blumentopf und kein Lorbeer sind zu gewinnen - welch reine Welt!