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Heidelberg - Lesebuch. Stadt- Bilder von 1800 bis heute.

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First Edition 1986 by INSEL VERLAG, Softcover 390 pages w many b/w illustrations, German Language Edition

Paperback

Published January 1, 1986

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Michael Buselmeier

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Profile Image for Klaus Mattes.
803 reviews12 followers
December 23, 2024
Je länger man sich hier in dieser Anthologie aus Bildern, Gedichten, Texten zum Thema Heidelberg umsieht – im Wesentlichen erstreckt sich ihre historische Spannweite von Goethe bis zur APO -, desto klarer erkennt man, dass „Heidelberg“ in Wirklichkeit nie existiert hat und auch heute noch eine bloße Fantasie, eine Behauptung, ein kollektives mentales Konstrukt ist. Was anderen ihre Alhambra, die Insel Mallorca, eine douce France, ihr Renaissance-Antiquarium oder das wirkliche Forum Romanum, die Küste voller Druidensteinen, das pythische Orakel inmitten von Ziegen-Hüteknaben sind, dem deutschen Michel hat es Heidelberg zu sein: die Stätte historisch weitgespannten Geistes und einer launig zufriedenen Innerlichkeit.

Aus Frankfurt anreisend erkundigt sich der Autor Clemens Brentano eine knappe Stunde vor der Stadt bei schwäbischen (!) Landleuten nach dem Weg. Spätnachts am „Münster“ (per Definition eine katholische Mönchskirche) wandelt ein Rheinländer-Doktor namens Joseph Goebbels vorbei. Mal ist sie winzig klein, mal fast zu groß, aber immer liegt diese Stadt geborgen im Tal zwischen Hügeln, nein, hohen Bergen, die aber mit viel saurem Wein umkränzt sind. Die Kiefern, außer denen auf dem Sandstein des Odenwalds so gut wie nichts wächst, finden nahezu niemals Erwähnung. Und von wegen Hügel: 450 Meter Steigung vom Neckarstrand zur vorgeschichtlichen Ausgrabungsstätte und dem mittelalterlichen Kloster auf dem Heiligenberg wird nicht jeder reisende Student aus Münster, Erlangen, Göttingen, Berlin oder Weimar mitmachen.

Aber immerhin getrunken wurde immer schon sehr viel und wird nach wie vor noch jeden Tag, wenn auch wesentlich mehr Bier als jener „leichte Wein“, von dem einer der hier versammelten Beiträge zu raunen weiß. Die Studenten wären wesentlich zurückhaltender in puncto öffentlicher Verunreinigungen, Schlägereien und Vandalismus, als jene stärker besoffenen Korporierten in Halle oder Leipzig. (Was sie nicht abhielt, im seligen Hitlerreich eine Menge Bücher zu verbrennen, ebenso die jüdischen Synagoge, den Rücktritt des liberalen Nationalökonomen Alfred Weber zu erzwingen und weiteren jüdischen Professoren ihre Villenfenster einzuschmeißen.)

Überall lasse es sich so erholsam lustwandeln, lesen wir, dann aber im Grunde immer nur von denselben vier Spazierwegen: 1. hoch zum Schloss und dann weiter hinaus bis zur Waldwirtschaft Wolfsbrunnen, 2. steil hoch zur Klosterruine des Heiligenbergs. Was man da oben erblickt, darüber weichen die Zeugnisse voneinander ab. Entweder sind's die blauen Vogesen oder doch eher die „rheinhessischen Bergländer“, vielleicht sogar die Pfälzer, also nicht rheinhessische Haardt, mit ihrem wiederum sehr namhaften Wein (und den wiederum übersehenen Kiefern). 3. Das Oberste von allem ist der Königstuhl (im Unterschied zu dem auf Rügen mit nur einem s in der Mitte), über dem der Himmel einst jeden Tag blau war und wo ein extrem hoher Aussichtsturm gestanden haben muss, sodass man damals noch überallhin schauen konnte. Auch waren die Augen so scharf, dass sie links die Nadel der von Erich von Steinbach in Straßburg hinterlassenen deutschen Gotik und rechts die etwas kleineren Nadeln der deutschen Romanik in Worms erkennen konnten, wo wir heute allenfalls das Großkraftwerk Mannheim-Neckarau und die BASF in Ludwigshafen ausmachen. Und zum 4. ging es an manchen Tagen auch noch auf die „Plaine“ (Goethe) hinaus, in den Schlossgarten von Schwetzingen, dessen Mischung aus französischem Barock und englischem Landschaftsgarten man aber noch wesentlich unattraktiver empfand als heutzutage. Auch von den Autorallyes im Frühjahr zum Spargelessen ist kaum die Rede.

Heidelberg, ein lieblicher Dreiklang: Ruine! Universität! Neckarbrücke! „Begünstigter“ gelegen als andere deutsche Orte wie Regensburg oder Görlitz. Unten im schmalen Tal eine alte, traute Stadt als Band am Fluss entlang. In Folge der brutalen Grenzverschiebungskriege aus der Ära Ludwigs XIV. waren, als zum ersten Mal von dieser „alten“ Stadt geschwärmt wurde, kaum mehr als vier, fünf Häuser noch übrig, die dort länger als 100 Jahre standen. Über ihnen das Schloss: „unzweifelhaft die schönste Burgruine Deutschlands“. Bevor feindliche Kanonen, Blitzeinschläge, Brände, Restaurierungsversuche und die Nutzung als Steinbruch es so erschufen, hatte es allerdings mehr wie ein gedrungenes architektonisches Kuddelmuddel ausgesehen. Was man unbedingt tun muss und was daher von etlichen Autoren dieser Anthologie wiederholt wurde: der abendliche Blick von der Aussichtsplattform des Schlosses (eintrittspflichtig) der schwindenden Sonne hinterher. Die blaue Ferne im Westen, hinter den schiefrigen Dächern des akademischen Athens.

Seele, tritt getrost hinaus in die Zeit, drüben wartet auf dich dein guter Hirte!“


„How beautiful!“ Am besten scheint Heidelberg, wenn man noch nie dort war und gerade erst angekommen ist. Am besten eine Nacht (mit Studentenbierhumpen) – und dann gleich weiter, wie die Japaner, Chinesen und Amerikaner es machen. (Rothenburg, Bamberg, München, Prag, Wien!) „Sentimental wie ein Mädchen“ kommt Friedrich Hebbel im April 1836 an, im August findet er es dann aber „grenzenlos langweilig“.

Der Herausgeber dieser Revue, Michael Buselmeier, war mal Berliner, Schauspieler, dann Literaturwissenschaftler und Dozent, bevor er sich aufs Lebensthema Heidelberg geworfen und daselbst seinen Dichtungs-Verlag Wunderhorn gegründet hat. Er ist der absolute Experte fürs Heidelberg-Feuilleton, scheint als solcher aber auch keine verwertbaren Stellen über das gefunden zu haben, was wir in vergleichbaren Städtebeweihräucherungen von Paris, London, New York, Berlin oder Rom finden würden: Geist und Witz der hier Gebürtigen, Kulinarik, Konzerte, Kunst und Kultur, Biergärten, Zithermusik, Volksbräuche, große Kokotten und Kardinäle, Militär, streikende Arbeitermassen, Shoppingparadiese. All dies scheint Heidelberg noch immer nicht zu haben und auch nie gehabt zu haben. Ich schließe daraus, es muss eine Art wunderhübsches Bühnenbild sein, das man wirklich gesehen haben muss, um sich anschließend fesselnderen Dingen zuzuwenden.

Nicht mal die herzigen Vorstadtmädel mit den goldigen Herzen oder die unverschämten Gassenjungen, Taschendiebe und Halbstricher gab's, wie doch gewiss in Paris, Wien, London, Neapel, sondern ein, den Verlauf der amerikanischen Filmgeschichte und das spätere Aufkommen amerikanischer Touristen beeinflussendes Schmachtfetzen-Operetten-Stück von Wilhelm Meyer-Foerster, in welchem der „schwäbische“ Mensch sich so anhört: „Oft, wann i mir a Müh geb‘ und i will’s und will’s zwingen, lustig kann i nimmer sein. I bin auch alt geworden, gelt, da im Gesicht?“

Man arbeitet hier nicht, nicht wirklich. Professoren halten Vorlesungen. Man geht aber nicht hin, um was zu lernen, sondern um einem durchreisenden Bekannten „den alten Voß“ zu zeigen. Die Studentengemeinde stellt eine Art Foyer deutscher Eliten dar. Alle, die künftig noch übereinander schreiben, sich verreißen oder bekriegen werden, sitzen mit „Tobackspfeiffen“ und seltsamen Hüten bei Bierkrügen mit Zinndeckeln und sie sagen sich, dass jetzt, in diesem Moment, weit vom Papa, sie eben noch jung und frei sind. Später, bei ihren Wiedersehensfeiern in Heidelberg werden sie sich dann sagen, dass sie in Heidelberg damals noch frei und jung gewesen waren.

Dem priesterlichen Dichter Stefan George, aus Rheinhessen, hat sein Jünger, der Heidelberger Professor Friedrich Gundolf, per Brief beglaubigt, diese Stätte sei vom Niveau her ihm angemessen, der Ausblick vom vorbereiteten Zimmer neben dem Schloss herrlich. Ist der Meister dann da, reiht Gundolf seine Jünger im Stückgarten neben der Ruine auf, bei dem angeblich in einer einzigen Nacht errichteten Renaissance-Torbogen für die englische Stuart-Prinzessin, und lässt diese Männer (Frauen sind selbstverständlich keine drunter) im Wechselgesang Georges vertonte Gedichte singen. Welche Stätte! Welch ein hehrer Herr! Was für eine Übereinstimmung deutscher Herzen!

Clemens Brentano und Achim von Arnim, die Großen der Heidelberger Romantik, haben hier nie Wurzeln geschlagen, sie sind weitergezogen. Ich rücke an dieser Stelle keine Entzückensbekundungen von ihnen ein. Sondern die Rede des Heidelberger Oberbürgermeisters anlässlich der Grundsteinlegung zur nationalsozialistischen Volksarena auf dem Heiligenberg. Das war im Jahre 1934. Mir kommt es hierbei gar nicht so auf politische Standpunkte an, als vielmehr zu zeigen, wie Politiker so überaus bereitwillig leeres Stroh dreschen. ihr Volk mit einem Overkill an Phrasen einschmieren, sobald sie die Gelegenheit erhalten, sich an was ranzudrücken, was für groß (Frankfurts OB Feldmann an die Eintracht), schön, unvergänglich oder historisch gehalten wird. Der Herausgeber Michael Buselmeier, von Eitelkeit ja nicht frei, wenn er einige Seiten später anfügt, wie er als Achtundsechziger den vielmals wiedergewählten CDU-OB Zundel sich zum Dauerfeind machte, weist darauf hin, dass besagte Nazi-Stätte jahrzehntelang vom sämtlichen Besucherbroschüren dieser Fremdenverkehrsmetropole mit Herz verschwiegen wurde.

Aus seinem roten, blutfarbenen Sandstein wird nunmehr die volksnahe Stätte neuen Schauens und Hörens wachsen. Ein von aller bisherigen Theaterkultur verschiedenes Gebilde, das seine eigenen zukunftsreichen Gesetze lebt, das keine Kulissen und keine Ränge, keinen Klassenkampf und Standesdünkel mehr kennt, das die Kluft zwischen Dichter, Spieler und Zuschauer nicht mehr bestehen läßt, das in der Glut nationalsozialistisch-volkhaften Denkens uns alle zusammenschmiedet zu einer einzigen, großen politischen Gemeinschaft innersten Erlebens; aus Gestein und Erde dieses Berges wird die Stätte entstehen, in der kämpferische nationalsozialistische Erziehungsarbeit dichtester Gegenwart geleistet werden wird, die nach dem großen, von uns allen ersehnten Dichter und Gestalter ruft, die Stätte der großen völkischen, politischen und kultischen Feiern.
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