Als Marie Bonaparte ihrem Mentor die umfangreiche psychoanalytische Studie über Poe vorlegte, mumelte Freud zerstreut - so stelle ich es mir vor: "Fleißig, sehr fleißig, Marie", und wandt sich wieder wichtigeren Dingen zu. Als Bonaparte andeutete, ein Vorwort von ihm würde den Verkauf "sicherlich" (eines der Lieblingsworte der Bonaparte, darauf wird zurückzukommen sein) befördern, kam Freud dem Wunsch seiner Schülerin zögernd nach, und so steht es noch heute auf meiner Suhrkamp-Ausgabe aus dem Jahr 1981 auf dem Umschlag: Mit einem Vorwort von Sigmund Freud. Ich habe eine Weile danach gesucht und kam schließlich zu dem Schluß, dass wohl die 13 Zeilen von ihm gemeint sind, die der Biografie vorangestellt sind. Die letzten 5 1/2 Zeilen des Vorwortes lauten: "Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie des Dichters erklären, aber sie zeigen, welche Motive es geweckt haben und welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen wurde. Es hat seinen besonderen Reiz, die Gesetze des menschlichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren." Es hat seinen Reiz - kommt nur mir das so vor, oder ist dieses Lob doch recht verhalten für eine mehrbändige Studie, die es auf immerhin über 1200 Seiten bringt?
Aber nun der Reihe nach.
Prinzessin Marie Bonaparte (2.7. 1882 – 21.9. 1962) war eine französische Psychoanalytikern und Freudschülerin; sie trug zur Popularisierung der Psychoanalyse bei. Ihr Buch "Edgar Poe – Eine psychoanalytische Studie" erschien erstmals 1934. Der Titel sagt deutlich, durch welche Brille Bonaparte auf Poes Leben sieht, darum an dieser Stelle auch gleich zur Frage, warum ich diese Bio lese: Bonapartes Poe-Bio befand sich in Arno Schmidts Bibliothek und es ist zu vermuten, dass AS, der sich ab Ende der 50er Jahre mit der Psychoanalyse beschäftigte, sie im Kontext seines eigenen ausufernden Poe-Essays ZETTELS TRAUM gelesen hat - zumindest behauptet Schmidts Alter Ego Daniel Pagenstecher dieses von sich:
"Ziehs du etwa MARIE BONAPARTE vor? Allem Anschein nach kennsDu ja auch=sie?" / ( Du sagst es. Aber der Fall ist 1 bißchen) : "Ihr Buch über POE - (das vom ganzstaarblinden QUINN viel zu hoffärtig behandelt wird; SCHUMANN ist da weit vorsichtiger & klüger) -ist auch einäugig=unzulänglich geblieben. Einmal steht der Wert ihrer paar Erkenntnisse in keinerlei Verhältnis zu der Selbstgefälligkeit, mit der sie vorgetragen werden; zweitens ist der größere Teil davon noch falsch; und drittens endlich, ist ihre Untersuchung der geradezu klassische Beleg für den Satz: daß eine FRAU niemals über einen MANN dissertieren sollte!". (,Und umgekehrt; ich habe weder Lust noch Zeit, überheblich zu sein!)" (aus: Arno Schmidt, ZETTELS TRAUM, zitiert aus der ARTHUR GORDON PYM-Ausgabe aus dem Mare Verlag, S. 482)
Es ist an dieser Stelle zu betonen, dass ich mich von dieser Einschätzung nicht habe beeinflussen lassen, sondern unvoreingenommen an die Lektüre gegangen bin.
Möglicherweise, so hoffte ich, ließen sich Bezüge erkennen zwischen diesen beiden Großdeutungen zu Leben und Werk E.A. Poes (letzteres hat Schmidt gemeinsam mit Wollschläger ins Deutsche übertragen, war also bestens vertraut damit).
Oft steht das Leben des Verbiografierten der Bewertung der Lebensbeschreibung im Wege, und ein ereignisreiches, „geniales“ oder „schicksalshaftes“ Leben wird so mitreißend sein, dass der Biograf von seinem Gegenstand so sehr profitiert, dass selbst eine mäßig geschriebene Bio noch gerne gelesen wird. In diese Bredouille hoffe ich nicht zu geraten. Ich habe die große Poe-Biografie von Zumbach gelesen und werde mich hier nun vor allem auf die Herangehensweise der Autorin fokussieren(und mich dabei zu vergessen bemühen, dass laut Nabokov die Psychoanalyse Scharlatanerie ist).
Band 1
darf wohl als biografische Anamnese verstanden werden. Es wird hier das Leben Poes berichtet und einige seiner Gedichte psychoanalytisch näher betrachtet. Die Interpretation seiner Prosa erfolgt in den Bänden 2 und 3.
Von Anfang an stolpere ich darüber, dass Bonaparte in kecker Selbstgewißheit niemals daran zweifelt, Poes Motive auch da noch zweifelsfrei zu erkennen, wo sie ihm selbst verborgen bleiben: „(…) Solche Gründe lagen ihm gewiß fern; aber er handelte auch nicht bloß aus bewußter Achtung vor dem Andenken an seine geliebte „Ma“, die sein „Pa“ so schnell ersetzen wollte, sondern aus anderen, viel tiefer liegenden und ihm selbst verborgenen Gründen.“ (92/93)
Wäre sie noch Leben, so würde man Bonaparte wünschen wollen, diese Überzeugung möge ihr erhalten bleiben, denn sie ist ein - wenn auch fraglicher - Grundzug des gesamten Werkes, mit dem ich mich mit einiger Mühe arrangieren mußte, um weiter lesen zu können. Allerdings ist einzuräumen, dass später auch Arno Schmidt diese Anmaßung teilen wird, verborgene Triebfedern und Motive der Verbiografierten nicht nur zu mutmaßen, sondern mit Gewißheit zu (er)kennen.
Auf Poes Biografie werde ich hier nicht detaillierter eingehen, zu erwähnen wäre allenfalls, dass mir biografische - teils oberflächliche - Gemeinsamkeiten zwischen Schmidt und Poe auffielen, als da wären: - Probleme mit dem (Adoptiv-)Vater - extreme Mittellosigkeit - in der Artillerie (Schreibstube) gedient - Leidenschaft für die Astronomie ("die so viele Kinder und junge Menschen in dem Augenblick packt, in dem die Erziehung von ihnen fordert, sie mögen ihre Triebe zurück drängen", wie Bonaparte gewitzt zu ergänzen weiß); bei Schmidt ging die Liebe zur Astronommie so weit, dass er sogar ein noch dickeres Buch als ZETTELS TRAUM über den Astronomen Schroeter schreiben wollte, zu dessen Verwirklichung es leider nie gekommen ist - LILIENTHAL.
Ganz im Sinne des Ödipus-Komplexes sieht Bonaparte eine Rivalität zwischen Poe und seinem Stiefvater, der kontrastierend mit der über alles und für immer geliebten Mutter zum Beispiel als Gegenpol auftaucht in Poes SONETT AN DIE WISSENSCHAFT; Poe stellt der Wissenschaft, die für den Vater steht, ein poetisches Weltbild entgegen; die alten Naturgottheiten werden von der Wissenschaft ins Exil gezwungen „To seek a shelter in some happier star“. Im Frühwerk Schmidts steht die Wissenschaft gelegentlich auch dem Glück des Protagonisten im Wege; so wünscht sich der Landvermesser Philostratos in ENTHYMESIS nichts sehnlicher, als dass die Erde keine Kugel, sondern eine Scheibe sei. Denn eine Kugel hat eine begrenzte Oberfläche und erlaubt nicht die Flucht vor der Menschheit bis in allerfernste Regionen. Aber während sich bei Schmidt der Groll gegen die ganze Menscheit richtet, kommt Bonaparte zum psychoanalytischen Befund, dass bei Poe die Wissenschaft für den verhassten Adoptivvater steht, während die verlorenen (die kranken und toten) Mütter auf ewig die Poesie verkörpern, über das Grab hinaus.
In allen von Poe Zeit seines Lebens geliebten Frauen erkennt Bonaparte Poes Mutter Elizabeth wieder: dunkle Haare, heller Teint, einem frühen Tuberkulosetod geweihte jenseitige Engelfiguren, die sich Poe einem unausweichlichen Wiederholungszwang folgend als Mutterersatz aussucht.
„AL AARAAF (…) war die Projektiion der ersten Liebesneigungen Edgars in den Himmel: Nesace, der Geist der Schönheit, war für ihn zweifellos und ohne daß er es wußte, die Verkörperung seiner „Helen“, so wie Ligeia der Geist der allgemeinen Harmonie, seine Mutter war“ - da ist es, das ZWEIFELLOS UND OHNE DASS ER ES WUSSSTE, auf dass sich die Psychoanalyse offenbar so gerne beruft, und dass mir jedesmal einen Schauder über den Rücken jagd (aber irgendwie ja auch schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die nicht dauernd vom Zweifel angenagt werden, und eben gut, dass Bonaparte mit Entschiedenheit weiß, was Poe nicht wußte). Im Sinne wiederholter Spiegelungen möchte man fast hinterfragen, welche eigenen Motive und Triebe Bonaparte zu diesen Ausdeutungen treiben; ist es „nur“ die Brille der Psychoanalyse, durch die sie blickt, oder erfahren wir hier mindestens genauso viel über die Autorin selbst; könnte sie ihr Unbewusstes aus der Arbeit über Poe überhaupt heraushalten, wenn sie zugleich behauptet, dass Poes Unterbewußtsein sich in seinen Werken manifestiert? – und, oh je, was geschieht in dem Moment, wo ich nun auf die Autorin blicke, mit meiner ganz eigenen Brille? Aber so kompliziert scheint es mir mit dieser Studie nicht zu sein, denn recht eigentlich beschränkt sie sich auf die Anwendung einiger weniger psychologischer Ideen.
Drei große Abschnitte erkennt Bonaparte im Leben Poes: „Darum ist der Tod der Frau Allan das zweite bedeutende Datum im Leben Edgar Poes. Das erste war der Tod seiner wirklichen Mutter, das letzte sollte der seiner Frau Virginia sein.“
Was mir Unbehagen bereitet, ist der freizügige Gebrauch pathetischer und heute altertümelnder Begriffe und der Ideen, die dahinter stehen. Auch ein aktualisierter Ödipuskomplex wirkt auf mich etwas gewollt. Hier die Beispielspassage dazu: „Der Tod der Frau Allan beraubte Edgar Poe eines Heims, einer Erbschaft und lieferte ihn dem Elend und Hunger aus. Aber darin bestand nicht seine hauptsächliche Bedeutung. Das Genie, das in dem zwanzigjährigen Edgar Poe schlummerte, wäre gewiß heute oder morgen erwacht; der Tod Frances Allans beschleunigte jedoch das Erwachen des jungen Genies ihres Adoptivsohns. Und dies geschah dadurch, daß der Tod dieser Frau seinen infantilen Ödipuskomplex wieder aktualisierte (…)“ (105)
Raub, Elend, Hunger, schlummerndes und erwachendes Genie – etwas mehr Sachlichkeit würde man sich heute wünschen. Übrigens fällt auch auf, dass Bonaparte grundsätzlich Partei für Poe ergreift und vieles zum böswilligen Gerücht erklärt, ohne dass ein Beweis in die eine oder andere Richtung erbracht werden könnte.
Poe heiratet seine 13-jährige Cousine Virginia, die geistig etwas zurückgeblieben ist. Zuerst vollzieht er die Ehe wegen ihrer Jugend nicht, später nicht, weil sie an Tuberkulose erkrankt. Sie ist äußerlich wie auch in ihrer späteren Erkrankung eine Kopie der Mutter, so dass der Begriff des Wiederholungszwangs nicht von der Hand zu weisen ist: "Der gleiche "Wiederholungszwang" verfolgte ihn sein ganzes Leben hindurch und schützte ihn in jedem Fall davor, die fleischliche Liebe zu versuchen. Krutch hat gemeint, daß wir die Antwort auf das wichtigste Rätselwort aus dem Leben Poes kennen würden, wenn wir wüßten, welche Tote hinter dem Tor zum Grabe liegt, das den Liebhaber von Ulalume auf seinem Weg zu Astarte, dem Symbol der Fleischesliebe, aufhält. Krutch selbst ahnt es: unter dem Gewölbe von Ulalume ruht Elizabeth Arnold (also Poes Mutter)." (141) In doppeltem Sinne spielt in der Beziehung zu Virginia - die Poe übrigens auch Sis nannte - also das Inzesttabu eine Rolle.
Ob Poe überhaupt jemals Sex hatte, scheint nicht belegtt zu sein. Wann immer man es nicht hätte erwarten sollen, verhielt er sich zurückhaltend und keusch, so dass über Impotenz spekuliert worden ist. Für die pathologische sowie jede andere Psychologie ist das Sexualleben von zentraler Bedeutung, so auch in diesem Fall für Bonaparte.
Auf den Seiten 146 - 155 geht´s richtig zur Sache und Bonaparte will den Nachweis führen, dass Poe ein sadistischer Nekrophiler war, dessen Verlangen auf die tote Mutter und die ihr nachfolgenden toten Mütter, sprich Partner, gerichtet war. Damit seine Neigungen nicht ausbrechen sollten, hätte er sie, sprich seine Sexualität, betäuben müssen. Die Beziehung zu Virginia, der Konsum von Alkohol und der von Opium (Bonaparte erläutert, dass Poe die Drogen - unbewußtß - gezielt je nach Situation eingesetzt hat, um Depressionen und Verlangen entgegen zu wirken) waren Mittel; allerdings verfügte Poe noch über eine "besondere Droge": nämlich die Tinte, mit der er das "Dunkelste und Grausamste", das in der Tiefe des Menschen ruht, sublimieren konnte. Was da später in den Grüften von Usher und Co. auf uns zukommen: mag man sich darauf noch freuen?
Um dem möglichen Vorwurf vorzubeugen, Poe sei ein Epigone der deutschen Schauerromantik, schrieb er in seinem Vorwort zu „Tales of the Grotesque and Arabesque”: „Wenn in vielen meiner Schöpfungen die Angst das Hauptthema ist, so behaupte ich, daß dieser Schrecken nicht aus Deutschland kommt, sondern aus der Seele (…)“ Als ich den Satz las, musste ich an einen von Malcolm Lowry aus "Unter dem Vulkan" denken, der mich immer sehr berührt hat: „Und so denke ich manchmal an mich selbst wie an einen großen Forscher, der irgendein unbekanntes Land entdeckt hat und niemals von dort zurückkehren kann, um der Welt Kenntnis davon zu geben; aber der Name dieses Landes ist Hölle. Natürlich liegt es nicht in Mexiko, es liegt im Herzen.“ Aber für Bonaparte geht es darum, dass Poe einerseits in Abrede stellt, er könne nicht über etwas anderes als über Angst und Schrecken schrieben, andererseits aber zugibt, dass der Schrecken seiner Seele entspringt.
Virginias Blutstürze treiben Poe in die Kneipen. Bonaparte sieht in diesen Fluchten nicht eine Reaktion auf Schmerz und Trauer, sondern die Flucht vor dem sträflichen Sexualideal, der sadistischen Nekrophilie: „Wenn Poe seine Frau nach jedem Anfall ihrer Krankheit nur umso heißer liebte, so geschah dies nicht deshalb, weil jeder neue Anfall sie ihm zu rauben drohte, sondern weil jede Krise und jede Hämoptoe seiner geliebten Virginia in seinem tiefsten Innern die schreckliche unbewußte Erinnerung aus seiner Kindheit wieder aufleben ließ, indem sie aus Virginia ein Bild machte, das neben dem seiner niemals vergessenen sterbenden Mutter lag und ihm immer ähnlicher wurde. Wenn er dann, um seiner unerträglichen Angst zu entgehen, in ein Wirtshaus Wirtshaus floh, geschah dies nicht deshalb, weil diese Angst aus einem Schmerz hervorgegangen war, sondern aus der für die Sexualität dieses sadistischen Nekrophilen furchtbaren Versuchung, die von jener Vision immer wieder geweckt wurde.“ (179)
Poe wird im Laufe der Zeit auf seinen Fluchten zur „Beute“ mehrerer wilder platonischer Leidenschaften, angeführt von Frances (wie Allan!) Osgood, die auch mit ihren dunklen Haaren und dem blassen Teint Poes Mutterbild entspricht und vier Jahre später ebenfalls an Tuberkulose sterben wird. (An dieser Stelle wird mir das Fehlen eines Registers schmerzhaft bewusst; Osgood S. 202)
Ich stelle mir vor, dass sich Poes Leben phasenweise in einer privaten Vorhölle bewegte: Zwischen Opium, Suff und der Liebe zur sterbenden Virginia, Kneipenexzessen und so intensiven wie platonischen Liebschaften. Wenn mir im Traum jemand etwas Böses will, macht sich das nicht unweigerlich im „realen“ Umgang miteinander bemerkbar? Grenzen verschwimmen, und es kommt zu diversen Konflikten. Interessant der zwischen Poe und Clark. 1843 sollte ein Clark Teilhaber an Poes Zeitschriftenprojekt Stylus werden, wozu es allerdings nach einem vollkommen unnötigen Streit nicht kam. Als Poe 1845 einen anderen Clark trifft, der Leiter einer rivalisierenden Zeitung ist, überschüttet Poe diese mit Vorwürfen und Provokationen. Hier verschmelzen die beiden Clarks Poe, der an Verfolgungs- und Größenwahn leidet, zu einem einzigen Gegner. Poes Leben findet, so denke ich, in einem Niemandsland privater Mythologien, Zufällen und (alb-)traumhaften Assoziationen statt. Im Kontext mit dem ungerechten Ausfall gegen Clark II stellt Bonaparte fest:
„So versteht es das Unbewußte, sich einfacher Wortklänge zu bedienen, um tiefere Zusammenhänge herzustellen.“
Da klingt doch schon aufs Trefflichste Schmidts ETYM-Theorie an!!!
Bonapartes Brille hat sehr dicke Gläser, alles, worauf ihr psychoanalytischer Fokus nicht fällt, bleibt unscharf und verschwommen. Mir scheint im Laufe meiner Lektüre zunehmend, es geht um die lehrbuchmäßige Anwendung freudscher Dogmen, denen sich alles unterzuordnen hat oder andernfalls weggelassen wird. Der Mensch, der Literat Poe: sie interessieren Bonaparte nicht. Nur der auf die Couch gelegte Patient - der (glücklicheweise?) schon vor der Behandlung verstorben ist und keine Widerworte gibt.
Nach Virginias Tod betet Poe zwei Frauen zugleich an: Annie Richmond und Helen Whitman (letztere hätte er um ein Haar geheiratet). Alkohol, Laudanum und Verzweiflung bis zum Suizidversuch machen Beziehungen allerdings unmöglich. Ganz erstaunlich ist, wie sachlich Bonaparte diese extreme Phase wiedergibt und keinerlei Funken, keine Bedeutung daraus zieht.
Gegen Ende der Biographie empfinde ich die Lektüre als immer anstrengender: Detailliert erfahren wir von den Irrfahrten Poes die Ostküste hoch und runter, erfahren, wie er eine Frau heiraten will und noch am gleichen Tage einer anderen ewige Treue verspricht. Bonaparte geht auf diese unfassbaren Ungereimtheiten nicht näher ein, entweder ist sie ratlos oder hält die Sache nicht für weiter beachtenswert. Was mag "Muddy" Clemm, Virginias Mutter, veranlaßt haben, diesem Mann, der nach dem Tode ihrer Tochter pausenlos mit anderen Freuen beschäftigt war, treu zur Seite zu stehen; was mag sie gedacht haben? Poes Saufexzesse werden beschrieben, von seinen paranoiden Wahnideen ist die Rede, aber das alles liest sich nur noch wie ein notwendiges Berichterstatten, der lieben Vollständigkeit halber ausgeführt.
Fazit: Der erste Band der Studie, der Poes Leben biografisch schildert, wirkt oft uninspiriert und hat mich durch fragwürdige Formulierungen zahlreiche Male zusammenzucken lassen. Die psychoanalytischen Instrumentarien haben mich oft genug nicht überzeugt, dafür hat mich der anmaßende Tonfall nicht selten verprellt. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ein genauer Leser auch ohne den theoretischen Überbau der Autorin zu tiefgehenderen Erkenntnissen gelangen kann. Und auch stilistisch ist EDGAR POE kein Genuß. Da ich die Folgebände mit den Interpretationen erst später lesen werde, gibt es einstweilen zwei Sterne: einen Stern für diesen ersten Band und einen als Hypothek auf die Folgebände, die hoffentlich ergiebiger sind.
"Before embarking on the analysis of Poe's tales we wrote: 'Works of art or literature profoundly reveal their creators' psychology and, as Freud has shown, their construction resembles that of our dreams. The same mechanisms which, in dreams or nightmares, govern the manner in which our strongest, though are most carefully concealed desires are elaborated, desires which are often the most repugnant to consciousness, also govern the elaboration of the work of art.' " (p. 638)
Bonaparte has written a Freudian psychoanalytical interpretation of Poe's poetry and prose linking his unconscious memories and preconscious representations to his writings. She presents her analysis in a very logical manner making quite a bit of sense in explaining the impact of Poe's early life on his adult psyche. Whether or not you believe in a Freudian interpretation of Poe's art what Bonaparte presents so well gives one pause for thought on some of her conclusions.
Foreword By Sigmund Freud - 3 Stars Book I: Life and Poems - 5 Stars This biographical sketch of Poe divided into 22 chapters starting with Poe's parents until his death in Baltimore has emerged with most of the chaff removed from the wheat with a lot of the falsehoods and malicious rumors of Poe's life finally removed from his biography. As noted in footnote 1 on page 1 "Throughout the biographical section of this work, I [Marie Bonaparte] followed the admirable life of Poe by Hervey Allen, Israfel (London, Brentano's, 1927, 2 Vols., 932 pp.)."
Book II: Tales of the Mother The LIVE-IN-DEATH MOTHER Berenice - 4.5 Stars Morella - 4 Stars Ligeia - 5 Stars The Fall of the House of Usher - 5 Stars Eleonora - 4 Stars The Oval Portrait - 5 Stars The Assignation - 4.5 Stars Metzengerstein - 4.5 Stars
THE MOTHER AS LANDSCAPE Landscape Gardens and The Island of the Fay - 5 Stars Tales of the Sea: The Narrative of Arthur Gordon Pym - 5 Stars A Tale of Earth: The Gold Bug - 4.5 Stars
CONFESSION OF IMPOTENCE Loss of Breath - 4.5 Stars
TALES OF THE MURDERED MOTHER The Man in the Crowd - 4 Stars The Murders in the Rue Morgue - 4 Stars The Black Cat - 5 Stars
Book III: Tales of the Father THE REVOLT AGAINST THE FATHER The Tell-Tale Heart - 4 Stars The Masquerades - 5 Stars Never Bet the Devil your Head. A Tale with a Moral - 4.5 Stars
THE STRUGGLE WITH CONSCIENCE William Wilson - 5 Stars
TALES OF PASSIVITY TO THE FATHER Bedloe, Valdemar, and the Angel of the Odd - 3.5 Stars The Pit and the Pendulum - 5 Stars Eureka - 3.5 Stars
Book IV: Poe and the Human Soul Literature: Its Function and Elaboration - 3.5 Stars Poe's Message to Others - 4 Stars
A mammoth 800-page combination of biography and literary criticism from one of Freud's foremost pupils. THE LIFE AND WORKS OF EDGAR ALLAN POE is, as you would expect, a psychoanalytic exploration of what made the famous author tick, neatly seguing from an early biography section to an analysis of select tales, before closing with some more generalised chit-chat. As expected, Bonaparte makes rather a lot from a little here: we learn, variously, that Poe was a necrophile and a psychopath, theories largely based on a deconstruction of his most famous horror tales. It's fair to say that this is a book that's more than a little dated given its age and debunking of the whole psychoanalytic approach, and some sections do verge on the ridiculous, although I did enjoy the author's broadly confident approach to the material overall.