"Das Politische System Der Bundesrepublik Deutschland" gilt als Standardwerk im Bereich der Politologie. Der Autor Dr. Wolfgang Rudzio, bis 2000 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg, führt dabei in das genannte System ein. Er geht auf Grundlagen des politischen Systems, das politische Kräftefeld, politische Institutionen aber auch soziologische Aspekte deutscher Politik ein.
Das Buch wurde mehrmals aktualisiert, zuletzt 2011, es verarbeitet also auch den Vertrag von Lissabon (2009) auf transnationaler Ebene oder die Bundestagswahl im Herbst 2009.
Lese das Werk im Rahmen des politikwissenschaftlichen Studiums. Es enthält viele relevante und hilfreiche Informationen. Allerdings tritt die politische Haltung des Autors an einigen Stellen sehr stark zu Tage. Das beeinflusst die Darstellung nicht nur an einigen Stellen, sondern verfälscht sie auch.
Beispiele:
S. 82: "Medien rückten anhand von Äußerungen Einzelner die Bewegung [Pegida] ins verfemte rechte Abseits." Lasse ich hier mal so stehen.
S. 455-456: "Repräsentationsdefizite haben aber nicht zwangsläufig zur Folge, dass auch die Interessen unterrepräsentierter Gruppen zu kurz kommen. Der Berufspolitiker fungiert zumeist nicht als Vertreter seiner sozialen Herkunftsgruppe. Auf wenig Relevanz sozialer und demographischer Repräsentationsdefizite deutet auch die Tatsache, dass um 1988/1989 die Bevölkerung selbst auf eine personelle Repräsentativität keinen besonderen Wert legte..." Eine Studie von 1988/1989 dürfte nach Bewegungen wie MeToo und BlackLivesMatter kaum noch aktuelle sein.
S.472: "Das deutsche Volk als Sprach-, Kultur- und Geschichtsgemeinschaft im Sinne Herders lässt sich bis 786 n. Chr. ("theodiscus = volkssprachlich") als staatliche Gemeinschaft zumindest bis Anfang des 10. Jahrhunderts zurückverfolgen." 1. Das ist faktisch falsch. 2. Herder war ein Dichter & Kulturphilosoph des 19. Jahrhundert und nicht in der Lage geschichtswissenschaftliche Aussagen nach heutigen Standards zu treffen. 3. An dieser Stelle, wo es um das Thema deutschen Nationalstolz geht, sehe ich nicht, warum es dafür relevant sein sollte, wie lange es etwas wie das "deutsche Volk" schon gibt. Die Länge einer nationalen Existenz hat nichts damit zu tun, wie stolz man darauf sein kann.
S. 485: "Mit der Rolle der Linken als dritter großer Partei unterscheidet sich das Parteiensystem von dem im Westen, auch wenn Angleichungstendenzen erkennbar sind. Der starken Stellung der Linken entspricht eine Selbsteinordnung der Bevölkerung, die eine Linksverschiebung im Vergleich zum Westen zeigt: 43% ordnen sich links der Mitte ein (deutschlandweit nur 24,6%)." In diesem Kapitel geht es um "Grenzen der Homogenität: Regionale Sonderkultur im Osten". Mit keiner Silbe werden rechte Einstellungen erwähnt. Bei seiner Aussage bezieht sich der Autor auf eine Quelle von 2006. Bei einer 2019 erschienen Auflage (also NACH den Bundestagswahlen 2017) muss man hier von einer groben Auslassung sprechen. Mag die Linke auch noch damals die drittstärkste Partei gewesen sein - wer war denn da die zweitstärkste? Die Quellenverwendung an dieser Stelle ist bei positivster Auslegung veraltet und nicht nachvollziehbar.
S. 488: "Im heutigen Deutschland erscheint aber Rechtsextremismus gering." NSU Walter Lübcke Halle Hanau so viele weitere, die verhindert wurden
Das Kapitel "14.4 Willkommenskultur: Krise pluraler Politikvermittlung?" S. 434-439 macht sprachlos... "Auch sonstige, in der Öffentlichkeit verfemte Parteien (Die Partei, NPD)..." Von politikwissenschaftlicher Differenziertheit kann hier jedenfalls nicht gesprochen werden.
Wenn Sie das Buch kaufen lohnt sich ggf. auch ein Blick auf die Mitgliedschaften in Parteien Rudzios.
Ich rate allerdings vom Kauf ab. Ich werde versuchen das Buch im Rahmen des Studiums komplett fertig zu lesen (bisher 7 von 17 Kapiteln), aber ich hoffe sehr, dass es andere, differenziertere Werke zum Thema gibt.
"Das Politische System der Bundesrepublik Deutschland" kann sicherlich in vielerlei Hinsicht als Standardwerk im Bereich der deutschen Politologie begriffen werden; erschienen bereits in den 80ern wurde es beständig aktualisiert - inzwischen in der 8.ten Auflage (2011) - und ist so über die Jahre sehr gut gealtert bzw. gereift, allerdings mangelt es an einigen Stellen an umfassender Tiefe, obgleich man natürlich hier zugestehen muss, dass diese Verknappung der Übersicht inhärent ist.