Krieg als Schicksal, die Ungesichertheit der menschlichen Existenz, Menschen im Bann rätselhafter Umstände und Wahnvorstellungen. Das sind die Themen der in diesem Band gesammelten fünf Erzählungen des weniger bekannten Schriftstellers der Romantik.
Die erste und längste Erzählung, "Die Majoratsherren" liest sich wegen vieler alter Ausdrücke nicht leicht. Ein junger Mann, der Majoratsherr, sieht überall Geister, eine Grenze zwischen seiner Einbildung und der tatsächlichen Wahrnehmung überirdischer Wesen ist jedoch kaum zu ziehen. Mit einer von ihm geliebten Jüdin verbinden ihn ungeahnte, langsam sich enthüllende Umstände. Doch das hält beider Untergang nicht auf. Die vielfältigen Beziehungen der Figuren machen diesen Text so interessant.
"Der tolle Invalide auf dem fort Ratonneau" ist ein kleines Meisterstück der Phantastik. Die titelgebende Gestalt ist von einem merkwürdigen Wahnsinn befallen und wird dadurch zur Gefahr für eine ganze Stadt. Ist er - durch einen Fluch seiner Schwiegermutter - vom Teufel besessen oder ist die Verrücktheit auf eine Kopfverletzung zurückzuführen? Doch in der Liebe seiner Frau findet sich ein Gegenmittel. Ein Musterbeispiel für eine Novelle.
"Seltsames Begegnen und ein Wiedersehen" und "Einquartierung in einem Pfarrhause" variieren ein Thema: Trennung und (Wieder)begegnungen von Personen, die durch die Umstände des Krieges einander fremd sind, ja einander hassen oder sich lieben, wo man eigentlich das Gegenteil erwarten müsste. Die Wirren zur Zeit der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege finden in den vielen Zufällen und Umbrüchen im Leben der Figuren ihre eindrucksvolle Gestaltung.
Veränderungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens kennzeichnen auch "Mistress Lee", eine Dreiecksgeschichte, die ihren Höhepunkt in der Entführung einer Frau durch zwei ungleiche Brüder hat. Liebe und Glück erweisen sich als von leicht veränderlichen Umständen abhängig. Die Psychologie der Figuren ist sehr gut geschildert.
Die unwahrscheinlichen, aber möglichen Situationen und die vertrackten Handlungsknoten mögen den heutigen Leser mit seinem Realitätssinn befremden. Aber in den einzigartigen Begebenheiten lassen sich scheinbare Gespenster am besten als solche aufdecken. Ob dies die spannendsten Erzählungen Arnims sind, vermag ich nicht
Zu sagen. Wer alle phantastischen Erzählungen dieses Autors lesen möchte, der sollte sich das Reclambändchen (RUB 1505) mit den Erzählungen dieses Autors besorgen. Es enthält auch Anmerkungen und ein Nachwort. Die für Moewig-Taschenbücher üblichen Vorbemerkungen sind im Fall eines Klassikers zwar sehr hilfreich, bei Fragen zu Sachverhalten, etwa was ein Majorat beinhaltet, bleibt der Leser auf seine Eigeninitiative angewiesen. Eine erneute Lektüre lohnt sich bei allen Erzählungen.