Dem Elternhaus ist sie mit knapper Not entkommen, da bemerkt sie, die jüngste Tochter des Pleitebauern: Der Provinz entkommt man nicht. Also schließt sie sich einer Bande von Vandalen und Störenfrieden an, die die Provinz in die nahe Stadt tragen, den Schlachthof plündern und in Tierkadavern Drogen schmuggeln. Sie tanzen und sie wüten, sie spielen mit ihren Leben, weil sie es gewohnt sind, zu verlieren. Die Party ist erst aus, wenn die nächste beginnt, das Motto lautet »Überleben«. Bis plötzlich nicht nur die eigene Existenz auf dem Spiel steht: Sie gebiert einen Sohn, den sie liebt wie einen Erlöser, und wird in dieser Liebe zu einem Scheusal im Kampf gegen die Sterblichkeit.
Adler wurde als Stephanie Helena Prähauser 1983 in Oberndorf bei Salzburg geboren und wuchs auf einem Bauernhof in Anthering auf. Sie begann ein Germanistikstudium und studierte Psychologie und Philosophie an der Universität Salzburg sowie Malerei am Salzburger Mozarteum. Um nicht mit der Schriftstellerin und Künstlerin Teresa Präauer verwechselt zu werden, wählte sie als Künstlernamen Helena Adler, ihren zweiten Vornamen übernahm sie dabei als Teil des Pseudonyms.
Adler lebte mit ihrem Mann, dem bildenden Künstler Thomas E. Stadler, und dem gemeinsamen Sohn in einer Nachbargemeinde von Anthering. Sie starb in der Nacht auf den 5. Jänner 2024 nach langer Erkrankung im Alter von 40 Jahren in Salzburg.
Es scheint so, dass Fretten wie der Vorgängerroman Die Infantin trägt den Scheitel links punktgenau für literarische Preise geschrieben wurde. Fabulierkunst, die vor allem Kritikern gefällt. Da ist jedoch etwas, was mich an den Werken der Autorin persönlich gar so stört. Sprachlich ist dieser Roman derart opulent überorchestriert, dass sehr oft, beziehungsweise fast immer untergeht, was überhaupt in der Handlung passiert. Der Plot ist über die ganze Geschichte total unterkomplex. Da gibts eine Orgie mit Saufen, Kotzen, Drogen, Tanzen, Gewalt und Sex - und bumm, ist im nächsten Kapitel das offensichtlich in der vorhergehenden Szene gezeugte Kind schon mindestens 3 Jahre alt - so schnell und sprunghaft vor und zurück in der Chronologie gehts eben dann auch nicht. Hier wäre eine Dramaturgie-Schulung dringend notwendig.
Aber auch an der Sprachfabulierkunst habe ich durchaus etwas auszusetzen. Zu Beginn bezeichnete ich sie noch als opulent und überbordend, bemerkte aber dann, dass sie des Öfteren einfach immer gleichartigen Mustern folgte, was irgendwie auch das Gegenteil von innovativem Schreibhandwerk darstellt. Hier werden teilweise nicht wirklich zusammenpassende Hauptwörter und Verben miteinander oder mit Adjektiven paarweise, in Trilogie oder Quartett mit demselben Anfangsbuchstaben oder ähnlichen Wortteilen zusammengewürfelt, um neuartige kuriose blumige Sätze zu kreieren.
„Empörung auf ihren Emporen auf die sie steigen, um sich über mich zu erheben. So ein Einzelner sei ein Einzeller, schreien sie, ob ich wisse was ich dem Kind antue.“
„Die tiefe Stimme deiner Marlboro-Mutter und ihr krächzendes Kolorit aus der Kaiserzeit beruhigt dich allmählich, vielleicht ist es aber auch das Papperlapapp der plappernden Pappeln im Wind, unter denen wir stehen, du eingewickelt in die dicke Tuchent und ich halbnackt und barfuß im Schnee.“
Eine Szene hat mich aber sehr beeindruckt, Helena Adler ist die grauslichste, verstörendste und epischste Schilderung einer Geburt ever - aber wahrscheinlich auch die realistischste - gelungen. Wenn die Endorphine der Mutter nicht kicken und sie nachträglich alles schönredet, kann eine Geburtsbeschreibung nahe der Wirklichkeit durchaus so ausschauen. Alleine vor diesen paar Seiten geballte, fürchterlichste Realität kann ich nur den Hut ziehen.
Sonst passiert wie gesagt nicht sehr viel in der Geschichte, wenn man vom Werk die seitenweise künstlich konstruierten Wortschöpfungen subtrahiert: Die jugendliche Protagonistin rebelliert gegen das Dorf, macht sehr viel Party, wird schwanger, ist leidendes und erschöpftes, aber liebendes Muttertier, der Vater des Kindes bleibt völlig im Hintergrund, was kein Fehler ist, der Sohn ist häufig krank und gesundet irgendwann wieder. Das Ende verpufft bedauerlicherweise auch noch.
Fazit: Wer Sprachspielereien eingesetzt wie musikalische Variationen mag, ist hier ganz gut aufgehoben. Alleine für die Geburtsszene gebe ich persönlich drei Sterne. Das war ganz großes Kino, ich muss sie aber mit einer ernsthaften Triggerwarnung für zartbesaitete Gemüter versehen.
Und ich? Ich befinde mich mittendrin und bin nichts weiter als die Berichtbestatterin meiner Gegenwart. Das frische Blut in meinen Adern sei der rote Faden in meinen Geschichten und die Röte in eurem Gesicht. Mehr als ums Überleben, die Welkwehmut und den Existierzorn geht es nicht. Und wem der Sinn nach etwas anderem steht, der erblinde an diesem Text, der verschlucke sich an seiner eigenen Zunge, der erhänge sich am fehlenden Handlungsstrang und folge in gerader Linie dem kurzen Prozess von Leben und Tod.
Auf Fretten habe ich mich sehr gefreut, da ich das Buch „Die Infantin trägt den Scheitel links“ sehr gefeiert habe. Alles, was mir im ersten Buch sehr gut gefallen hat, war mir hier einfach zu viel. Es wirkt ein wenig so, als ob die Autorin jegliche positive Kritik, die sie für den ersten Art Teil erhalten hat, zusammengetragen hat und genau dieses Feedback mit dem zweiten Buch nochmals erreichen wollte, in dem sie eben auf diesem aufbaut, jedoch völlig übertriebenen und überzogen.
Fretten kann man als Art Fortsetzung sehen. Es geht hier um die Teenagerzeit und Jugendjahre der Hauptfigur, die eventuell eine Art Alter Ego von Helena Adler darstellen soll. Das Buch kann aber auch unabhängig gelesen werden.
Im Laufe des Buches werden viele Themen sowie Geheimnisse oder generell Szenen eröffnet, jedoch nicht geschlossen. Es gibt diverse (Unter)Kapitel bzw. Abschnitte, bei denen es sich mir nicht erschließt, für was sie eingebaut wurden. Was beim ersten Buch noch als rotzfrech und charmant beschrieben wurde, ist in diesem Buch im Grunde überheblich, anstrengend und nervig. Ich hatte keinerlei Sympathiegefühl für die Hauptfigur. Muss man ja auch nicht, ihre Beweggründe erschlossen sich mir aber nicht, warum sie tut, was sie eben tut, oder sagt, was sie sagt. Es fehlt das Besondere und Interessante von der Infantin. Im Gegenzug war einfach alles too much. Im ersten Buch gab es einen roten Faden, es wurde eine Geschichte aufgebaut und man erhielt Einblick in das Leben und die Familie. In diesem Buch werden diverse Figuren eingeführt, die existieren dann einfach. Jede einzelne ist auf ihre Art extrem, extrem in ihrem Verhalten oder den Handlungen, die sie setzen oder auch einfach nur extrem dumm. Auch hier war mir einfach alles zu viel.
Ich kann nicht mal genau sagen, worum es im Buch geht. Auf vielen Seiten, um einen Teenager, der mit anderen Teenagern regelmäßig in einen Schlachthof oder ehemaligen Schlachthof einbricht, Drogen nimmt, den Versuch startet, ihren Charakter auszubilden und sich selbst zu finden. Das alles ohne richtigen roten Faden oder Erzählstruktur. Alles wirkte zusammengewürfelt.
Ich war enttäuscht von dem Buch. Dazu kommt, dass es so gut wie keine Absätze gibt und bedingt lesefreundlich gesetzt ist.
Das ist kein Roman - das ist Kunst. Ich hab mir selten so viele Eselsohren gemacht wie hier. Die Art mit der Helena Adler mit Worten umgeht hat mich beim Lesen zutiefst beeindruckt. Die Handlung wurde hier fast nebensächlich. Gespannt habe ich Seite um Seite fast schon gesucht nach den nächsten Sprichwortartigen Vergleichen und smarten Textstellen. Ich hab mich mehrmals gefragt - wie macht sie das? Wie schreibt man so ein Buch?
Aber versteht mich nicht falsch: auch die Handlung hat es in sich. Eine gekonnte Kritik am Landleben und die Geschichte darüber, was dies aus einem machen kann.
Hier ein paar meiner Favoriten:
„In der harten Welt bauscht sich nichts. Die Vaterbäuche waren Kriegswampen, bis oben hin gefüllt mit den Traumata der Vorgenerationen, die Mutterkuchen ausgetrockneter Seen. Alles war ausgeweitet. Ich war umgeben von Tränensäcken, von Hautlappen, ausgedehnten Gebärmüttern, leergesoffenen Mutterbrüsten. Nichts gab Halt, alles gab nach.“ (S. 18)
„Die Sonne fiel auf, weil sie so selten schien, der Regen herunter.” (S. 19)
“Die Bahn rauscht vorbei. Niemand, der zu uns Aussteigern aussteigen will, es ist unser letzter Zug. Unsere Bahn ist eine schiefe Bahn, aber sie fährt.” (S. 44)
“Die Nacht ist süffig, und sobald die Wirkung nachlässt, bestelle ich dreifach nach, um wieder doppelt zu sehen. Alles rührt sich, und niemand regt sich auf.” (S. 88)
Ich wache auf im Kindskörper, im Inneren der alten Bauernbaracke...
- Fretten, S. 1
Ich zähle das jetzt einfach mal als gelesen, obwohl ich nur die ersten 6 Kapitel gelesen habe. Da ich, wie bei "Die Infantin trägt den Scheitel links", jeden Satz sofort wieder vergessen habe, habe ich bei 19% abgebrochen.
Wortgewaltig und eloquent, aber einfach so sehr, dass ich der Handlung nicht folgen konnte, bzw war diese fast unsichtbar, weil jeder Satz ewig lang war und vom roten Faden abgedriftet ist.