Padre Roque de Guzmán sitzt im Beichtstuhl seiner Pfarrkirche in Madrid und harrt der Sünder und Sünderinnen, die ihn aufsuchen werden. Die meisten von ihnen kennt er und weiß, was sie auf dem Herzen haben. Da ist José María, der immer wieder Bordelle besucht und seine Frau betrügt. Oder Señóra Barros, mit ihrer Wut auf ihren toten Mann. Er legt ihnen Vaterunser und Rosenkränze auf und erteilt die Absolution.
Doch an diesem Tag sitzt ein junger Mann auf der anderen Seite des Gitters, dessen Sünde offenbar so ungeheuerlich ist, dass er sie nicht gleich beichten kann. Erst nach weiteren Besuchen kristallisiert sich heraus, um das es geht. Lucas Hernández fühlt sich zu seinem Nachhilfeschüler hingezogen, der noch ein Kind ist. Und seine Geständnisse erinnern den Padre zum ersten Mal seit langer Zeit daran, dass auch er selbst nicht ohne Sünde ist, wecken Begierden in ihm, die lange unter der Oberfläche schlummerten.
„Die Summe des Ganzen“ von Steven Uhly greift ein wichtiges Thema auf, über das sich schwer sprechen lässt und über das von der katholischen Kirche schon viel zu oft ein Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Es ist manchmal fast unerträglich, sich hier in der Gedankenwelt eines Päderasten zu finden, dessen Rechtfertigungen und Verharmlosungen zu lesen. Gleichzeitig wird in Uhlys Roman auch das unerträgliche Leid deutlich, das durch diese Menschen und ausgelöst wird. Und das noch dadurch vertieft wird, dass ihre Taten verschleiert werden und wurden.
Trotz der Kürze der Geschichte werden hier auch noch andere Themen verhandelt, wie die Frage ob Rache jemals gerechtfertigt sein kann und wie ein Mensch, der unerträgliches erlebt hat, wieder in ein lebenswertes Leben zurückfinden kann. Was braucht es, damit ein Mensch, dessen Leben bis in die Grundfesten erschüttert wurde, wieder Frieden finden kann?
Ich habe den Roman mit großer innerer Anspannung gelesen und muss mich letztlich vor der Kunstfertigkeit verbeugen, mit der die Geschichte aufgebaut wurde und durch die erst nach und nach klar wird, was wirklich die Hintergründe sind. Es macht wütend zu lesen, auf welche Weise Taten vertuscht werden, auch wenn man sich der Gefahr bereits bewusst ist.
Meiner Meinung nach ist es eine der Aufgaben von Literatur, mutig auf Missstände hinzuweisen und diese aufzudecken und das geschieht hier in eindrucksvoller Weise. Gleichzeitig eine Geschichte, die mich sprachlich überzeugt hat, und die menschlichen Abgründe, aber auch tiefes Leid mit großer erzählerischer Kraft darstellt. Absolute Empfehlung.