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Tabor Süden #12

Süden und das verkehrte Kind

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Tabor Süden, der Kommissar der Vermisstenstelle der Münchner Kripo, erzählt hier von einem 6-jährigen Mädchen, das nach einem Streit mit der Mutter verschwunden ist. Vor dem Grund für ihr Verschwinden kann er nicht lange die Augen verschließen: Es sind die „schwache“ Mutter, der brutale, dumme Vater, und der wesentlich ältere Bruder, die das kleine Mädchen, das „verkehrt“ ist, dazu trieben weg zu laufen...

Friedrich Anis ungewöhnlicher Erzählstil wird von Christoph Lindert, einem der professionellen Hörbuchsprecher, stimmig interpretiert. Mit seiner warmen Stimme trägt er die sehr realistischen Beschreibungen der Polizeiarbeit mit den minuziösen, geografischen Angaben vor; gleichzeitig schenkt er dem „zerbrechlichen“ Kommissar, der über seiner Ermittlungsarbeit an seine eigene, verletzte Kindheit erinnert wird, eine glaubwürdige, nachvollziehbare Stimme. Tabor Süden gerät in diesem Fall mehrmals an seine Grenzen. Sei es der Alkoholismus seines Kollegen und ältesten Freundes, Martin Heuer, oder die Katastrophen, die sich aus den Befragungen der alkohol- und tablettensüchtigen Mutter, des ganz und gar verschlossenen Bruders und des gefühllosen, rohen Vaters ergeben -- Christoph Lindert, der freie Film- und Fernsehschauspieler mit Bühnenerfahrung trifft die passende Tonlage für den Kommissar.

Sicher spricht er auch die unterschiedlichen, sehr gut charakterisierten Figuren. Besonders den Hauptverdächtigen, den Vater, gibt er brillant wieder. Tobias Kolb wird in seiner Lesung zum Inbegriff eines dummen, menschenverachtenden Angebers, überzeugt von seiner Potenz und seiner Schläue. Nicht weniger lebendig zeichnet er auch die kraftlose Mutter, die sich von ihrer 6-jährigen Tochter derart provoziert fühlte, dass sie das Kind schlug…

Friedrich Ani erhielt für seine Arbeit, unter anderem schreibt er auch für den Tatort Drehbücher, zahlreiche Auszeichnungen. Seine Romane mit dem Hauptkommissar Tabor Süden erhielten 2002 und 2003 den Deutschen Krimipreis. Fazit: Christoph Linderts Lesung über die Grausamkeit hinter den modernen bürgerlichen Fassaden, und die Verletzungen, die Kindern von ihren „schwachen“ Eltern zugefügt werden, ist eine beeindruckende Interpretation eines Tabu-Themas in unserer Gesellschaft. Schicht für Schicht entblättert er die Ungeheuerlichkeit, die dieses kleine „verkehrte“ Mädchen aus dem Leben getrieben hat.

Ungekürzte Lesung, Spieldauer: ca. 231 Minuten, 3 CDs. -- culture.text

192 pages, Paperback

First published July 1, 2004

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About the author

Friedrich Ani

103 books29 followers
Friedrich Ani, 1959 in Kochel am See geboren, lebt heute als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in München. Neben Kriminalromanen schreibt er Lyrik, Erzählungen, Jugendromane und Drehbücher. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen u. a. den Tukan-Preis und dreimal den Deutschen Krimipreis.

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Profile Image for Janine2610.
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February 29, 2020
Eltern, die ihre Kinder nicht verkraften

Hierbei handelt es sich um den 12. Band mit dem Vermisstenfahnder Tabor Süden. Die Bände davor habe ich bereits gelesen und sehr gemocht. Da in jedem Buch ein Fall behandelt und abgeschlossen wird, kann man "Süden und das verkehrte Kind" selbstverständlich auch lesen, ohne die Vorgänger zu kennen. Das Privatleben von Tabor Süden und seinen Kollegen nimmt in Anis Krimis einen relativ großen Platz ein, nichtsdestotrotz verpasst man nicht viel, wenn man mit irgendeinem Band zu lesen beginnt, da sich Privates immer wiederholt und sich eigentlich kaum verändert.

Tabor Süden ist ein unkonventioneller Ermittler, der sich ungern was vorschreiben lässt und bei Vernehmungen lieber steht als sitzt. Sein Kollege und Freund Martin Heuer ist, noch um ein Eck mehr als Süden, ein Melancholiker, ein Trinker, ein Depressiver. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit, sie sind zusammen groß geworden ... Friedrich Ani erzählt uns, wie es dazu kam, dass Tabor und Martin Polizisten und schließlich Ermittler geworden sind. Südens und Martins Privatleben ist so eng verwoben mit ihrem Beruf, dass es den Leser nicht verwundert, wie die beiden beschrieben werden: als psychische Wracks. - Der eine mehr als der andere. Menschen zu suchen, besonders, wenn es um Kinder geht, und diese dann nicht oder nur mehr tot zu finden, ist belastend. Sehr belastend. Man kann es sich so vorstellen: für jedes tot aufgefundene oder verschwunden gebliebene Kind, legt sich ein weiterer schwerer Mantel um einen, den man nicht wieder ablegen kann. Für feinfühlige bzw. emotional labile Menschen ist so ein Beruf nichts, wenn man sich nicht selbst eines Tages komplett verlieren will. Der Autor bringt uns in seinem Buch genau das näher: wie es einem gehen kann, wenn man mit all den Vermissungen nicht umgehen kann und privat wenig bis gar keinen Rückhalt hat.

Ani gewährt uns auch wieder einen Einblick in ein Familienleben, das eigentlich keins ist. Geprägt von Lügen, Gewalt und Schweigen sind die Kolbs - der Familie von der vermissten 6-jährigen Nastassja. Man kommt als Leser nicht umhin, sich zu fragen, warum die Leute eigentlich nicht kooperieren und anfangen zu reden. Der erfahrene Süden als wandelnder Lügendetektor weiß genau, wer was weiß und wer lügt. Schon frustrierend das Ganze, nicht nur für Süden. Auch ich kann hier natürlich die Schwere fühlen, die auf der ganzen Geschichte lastet. Ich liebe zwar Anis Schreibweise mit seinen oftmals vorkommenden Wortschöpfungen, aber wer dieses Buch lesen mag, muss sich auf viel Melancholie und belastenden Inhalt einstellen. Dass man sich über die eine oder andere Buchfigur ärgern muss, wird ebenfalls nicht ausbleiben. Die Buchfiguren schaffen es nämlich mit Bravour, die Ermittlungen nur schleppend vorangehen zu lassen, was auch anstrengend sein kann, wenn man als Leser keine Geduld hat.

Empfehlenswert ist "Süden und das verkehrte Kind" vor allem jenen, die Authentizität schätzen, gerne über familiäre Abgründe lesen und mit schwerer, eher tragischer Handlung, aber lebensnaher Art zu schreiben, zurecht kommen. Freude wird man mit dem melancholischen Inhalt zwar keine haben, aber auch schwerer Inhalt kann gut sein und das ist dieser allemal.
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