Wie die Hoffnung bewahren, wenn die Welt vor die Hunde geht?
Auf einer stillgelegten alten Saline lebt Zeno mit seiner Mutter Leda. Hier in den Salzmarschen gelten eigene Gesetze, ab und an steigt der Fluss ins Haus, die Vögel werden immer weniger. Als Leda dem Jungen nicht länger beim Verlieren seiner Welt zusehen kann, verschwindet sie. Doch Zeno hält sich noch an die kleinsten Wunder. Über die verschlungenen Wege einer App lernt er Katt kennen, die auf der Flucht vor dem Ende einer Liebe ist – und das Zusehen aushält. Und bald zieht es auch andere, dem Großstadtleben am Rande der Apokalypse müde Menschen in die karge, schöne Marschlandschaft. Ein schillernder Roman über die Sehnsucht nach Natur, lebensrettende Wahlverwandtschaften und die Hoffnung, die in den Gezeiten liegt.
Leona Stahlmann's debut Der Defekt already heavily relied on nature writing, and with her new effeort (that she already presented in parts at the Bachmann Competition a few weeks ago), she goes full climate fiction: The novel centers on Zeno, a child born into the climate apocalypse, i.e. a world which has surpassed the point of no return and is now doomed. The first part is told by Zeno's mother Leda, who tries to explain the end of the anthropocene to her son, but fails and disappears. The longer second part is then told by Katt, a woman who used to work a corporate job and who has been left by her lover. She meets now 12-year-old Zeno on the internet and moves in with him. Zeno assembles a group of five very different people from the city via social media at the salt evporation pond near the river where he grew up, and they face the apocalpyse together - but how do you live when all is lost?
This premise is extremely interesting, and Stahlmann goes all in with the myth (Leda is the mother of Castor and Pollux, who are sometimes depicted as mortal, sometimes as divine; Zeno means "son of Zeus"), the eccentric (we meet people who work at a hotline for maneki-neko or whose job it is to re-fill the pens at a furniture store), and, yes, the pathos - there are paragraphs and paragraphs of depictions of the natural world in decline, details of landscapes overtaken by salt, soundscapes of crackling wood and slushing waters, hallucinations of heat.
The plot meanders, the whole text becomes alive when it starts to rely on various vignettes of scenes, ideas, dialogues, flashbacks, often packed with wicked ideas: A man who creates an archive of fish sounds; the adventures of Stint, the chicken; swimming lessons in a dried up hole. Birds generally feature heavily, and often meet sad ends: Zeno says that when the end nears, you have to look up, not down, but the heavens are no refuge anymore either. The people he lives with feel sorry for the teenager, a symbol of the future in a world without a future. There is no "we" anymore, Katt tells us, only "I" - but wasn't this the attitude that doomed the world in the first place?
This lyrical, often enigmatic text has many flaws: The pacing is weird, the nature writing is excessive, the whole thing is overwritten. But the many inventive, suprising, and often funny and grotesque ideas render the book interesting and daring, so even if it does not fully succeed, it aims high and intrigues with its twists and turns, especially in part two. I'm curious what Leona will do next - I'll certainly read it!
Watch Leona reading from the novel and the jury discussing it at the Bachmann Competition here. You can also listen to Robin and me chatting with Leona about her debut, a BDSM bildungsroman, here.
Wenn ein Buch zur richtigen Zeit in dein Leben tapst, leise und doch mit einer unwillkürlichen Beständigkeit, die nur Bücher in sich tragen können, wenn es Klammern um dich legt und deine Hand nimmt damit DU endlich mal die Punkte setzt und am Ende dein Herz ein wenig bricht, dann ist das sehr nahe an Magie.
Wer den Ingeborg Bachmannwettbewerb dieses Jahr gesehen hat, kennt schon einen Auszug aus dem Roman.
Der 12jährige Junge Zeno lebt mit seiner Mutter, die aber seit 30 Tagen verschwunden ist, in einer Saline in den Marschen. Es ist ein ungewöhmliches Setting im Marschland. Das ermöglicht kraftvolle Naturbeschreibungen, auch wenn das Ökosystem gestört ist und immer mehr Tierarten aussterben.
Im zweiten Teil des Buches gibt es einen erzählperspektischen Wandel und mit Katt gibt es eine neue Erzählstimme.
Kennzeichnend für den Roman ist eine glasklare, harte Sprache mit schillernen Sätzen. Teilweise ist es überzogen, zu viele Vergleiche, die zu weit hergeholt sind. Dann gibt es aber auch viele gute Sätze, die zu überraschen vermögen. Es ist ein ungewöhnlicher Roman. Begrüßenswert, wenn AutorInnen etwas wagen und die Sprache zur eigentlichen Hauptfigur machen.
Leona Stahlmanns Roman, "Diese ganzen belanglosen Wunder" beschreibt in meisterhafter Sprache eine durch den Klimawandel geschaedigte Welt und Gesellschaft die ich mir nicht fuer unsere Kinder und Enkel wuensche. Eine alleinstehende Mutter zieht Ihren Sohn, Zeno in einem verlassenen Haus im Marschland auf. Depressiv geworden, verschwindet sie eines Tages. Sich selbst ueberlassen, findet Zeno eine kleine Gruppe von Menschen die zu ihm ziehen und sich um ihn kuemmern. Die Autorin beschreibt dann wie diese kleine Gruppe mit der Hoffnungslosikeit lebt. Es ist keine leichte Lekture. Aber es lohnt sich das Buch bis zum Ende zu lesen. Der Roman hat in mir die Entschlossenheit gestaerkt nicht aufzugeben im Kampf gegen den Klimawandel. Lesen sie es und helfen sie mit den Klimawandel aufzuhalten.
Dieser Roman strahlt eine Intensität gleich der eines einsamen Sternes aus. Das Licht reist durchs Nichts. Es erhellt das Dunkle, ohne es aber zu verdrängen. Statt dessen wird das Dunkle noch dunkler, aber das Helle auch heller. Leona Stahlmanns Roman „Diese ganzen belanglosen Wunder“ beschreibt einen zivilisatorischen Endzustand. Die Welt liegt in Trümmern. Die Isolation und Vereinsamung der Menschen nimmt zu. Sie suchen und versuchen über die Runden zu kommen, aber wissen schon lange nicht mehr wieso, fast als wäre die Utopie nur noch ein physischer Reflex:
„Ich habe keinerlei Anlass, an etwas zu glauben, das weiter entfernt als morgen. Ich bin niemandem etwas schuldig, schon gar kein Übermorgen, keine nächste Woche. Aber ich kann es einfach nicht lassen. Ich würde es niemals laut sagen. Ich glaube an die Zukunft in einem sinnlosen, hartnäckigen Reflex, wie ein Bein, wenn man auf den Knienerv schlägt, immer austreten wird: in die Luft, ins Leere.“
Dies sagt die Ich-Erzählerin Katt, die in die Marschen zieht, um einerseits eine in die Brüche gegangene Beziehung zu vergessen, andererseits um einem zwölfjährigen Jungen namens Zeno Gesellschaft zu leisten. Dieser Junge lebt allein, nachdem ihn seine Mutter, Leda, nach einer ebenfalls unglücklich zu Ende gegangenen Beziehung zurückgelassen hat, inmitten von Salinen, in einem Flussdelta mit seinem Haustier, einem Seidenhuhn namens Stine, und anderen Hühner zusammen. Salz spielt eine große Rolle. Salz auf der Haut. Salz in den Augen. Salz in der Luft. Salz als Quelle von Reichtum und Elend, als Geschmackgeber und Gift zugleich. Wie haben die alten Römer einen Verliebten genannt, fragt eine weitere Gesellschafterin Zenos, Maju, in die Runde:
„[…] als keiner antwortet, sagt Maju: Gesalzen, sie haben ihn gesalzen genannt, es prickelt auf der Zunge, es macht dir Durst auf das Leben, es juckt in allen deinen offenen Stellen, ist das nicht ein guter Ausdruck? Ich forme die Hände zum Trichter um den Mund und rufe zur unablässig über uns kreisenden Parrot Anafi [Drohne] hin: Wir wohnen im Salz.“
Das Szenario ist apokalyptisch, wie es nur sein kann. Alles ist aus den Fugen geraten. Die Menschen starren auf ihre Smartphones, sitzen in ihren Wohnungen und sitzen die Katastrophe aus, die in Form von Stürmen, Springfluten und Dürren über sie hereinbricht. Nichts von all dem steht im Vordergrund. Mehr das Endspiel eines Miteinander, eines Versuches, wieder eine Art eines Zuhauses zu finden, eine Heimat, eine Kommunikation, ein sinnerfülltes Sich-Verständigen inmitten einer universellen Auflösungstendenz:
„Und jeden Abend flackert an einer verlassenen Bahnstation am Sund ein einsames Licht zu zwei Menschen mit Eimern herüber, einem großen und einem kleinen, die in Ölmänteln zu einem Schuppen aus Teerpappe stapfen, es ist eines von den altmodischen Lichtern, gelb und warm, sie sind nicht so sparsam wie die weißen, bleichen, aber sie flackern beim Angehen, das schafft, so hatte es der Architekt des Bahnhofs bei der Vorstellung seins Entwurfes gesagt, ein vertrautes Gefühl bei den Bewohnern der Katen. Ein Zuhause.“
Stahlmanns Roman besitzt einen eigenen Zauber, einen sehr eigenwilligen Stil, in sich verwobener Parataxen, Katachresen, Allegorien und verstörender Analogien. Er liest sich nicht leicht, nicht gefällig. Er rückt dem Verlassen-Sein auf den Pelz, dem, was bleibt, was sich hinter der dünnen Fassade der Zivilisation abzeichnet, wohin es gehen könnte, in die ungeschützte Einöde, zwischen Abfall und Resten einer längst verschwundenen Illusion, unabhängig und erhaben zu sein und zu bleiben. Stahlmanns Roman erinnert so an Samuel Becketts „Endspiel“ – nur sind es sechs und nicht vier Figuren, nicht Clov, Hamm, Nagg und Nell, sondern Zeno, Katt, Janusz, Maju, Golden und Pella. Alles andere, die Stimmung, das Setting, sind sehr ähnlich. Es ist auch strukturell sehr ähnlich zu Valerie Fritschs „Winters Garten“ und nimmt atmosphärisch viel von Kristine Bilkaus „Nebenan“ und Stephanie von Schultes „Junge mit schwarzem Hahn“ auf. Dennoch komponiert Leona Stahlmann einen unverwechselbaren eigenen Stil, der jeden Satz in ein Leseabenteuer verwandelt, jeden Absatz mit einem Leuchten umgibt, jedes Kapitel um ein Geheimnis herumwebt, so dass das Buch von Seite zu Seite die Verlorenheit des Einzelnen in einer Gesamtbewegung und Gesamttendenz deutlicher vor Augen treten lässt, ohne die Hoffnung zu verlieren:
„Solange wir sprechen, gibt es uns noch, unsere Sprache trägt uns aus unseren Köpfen und in unsere Körper, sie ist überall dort, wo etwas fließt – ein Blut, wo etwas klopft – ein Puls, und wo es einen Strom gibt, können wir zelten, und wo es Trommeln gibt, werden wir im Kreis sitzen und uns erzählen, es darf nie keine Sprache geben.“
In Leona Stahlmanns neuestem Roman löst die Literatur ihr ganzes Versprechen ein, zu verbinden, ohne zu vergessen, zu verknüpfen, ohne zu entblößen, zu kommunizieren, ohne zu bewerten und zu theoretisieren. Mein persönliches, bisheriges, mit Abstand Buch des Jahres.