Das wichtigste vielleicht gleich als Grundlage: Beim vorliegenden Band von Philipp Sarasin handelt es sich um ein Essay. Das ermöglicht gewissermaßen weitere Gedankenausschweifungen und Interpretationsansätze, ohne dass die nach Punkt und Beistrich wissenschaftlich haltbar sein müssen. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Freiheit, die Sarasin auch gut zu nutzen weiß. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen und das Buch als unwissenschaftlich abhandeln, der Autor zitiert ziemlich viel und mit guter Kenntnis der von ihn dargelegten Thematik.
Was tut Sarasin also nun in diesem Buch? Er liest quasi in einem close-reading-Ansatz Werke von Darwin und Foucault (und teils als Verbindungsglied auch Nietzsche) quer und setzt die Textstellen direkt miteinander in Bezug. Dabei "bedient [er s]ich nicht der philsophiegeschichtlichen Methode des metikulösen Nachzeichnens der vielen Einflüsse, Verbindungslinien und intellektuellen Zwischenglieder zwischen zwei Positionen, und [...] unternehme auch keine Diskursanalyse". Das gelingt nur zum Teil, zwar arbeitet hier in erster Linie wirklich der Text für sich, ganz ohne Verbindungen kommt aber auch diese Interpretation nicht aus - was hermeneutisch auch schwer möglich scheint.
Inhaltlich dreht sich das Buch um die beiden großen Trennlinien des Biologismus und Kulturalismus, sehr vereinfacht gesagt. Sarasin versucht aufzuzeigen, dass Foucault von Darwin durchaus beeinflusst und mit diesem übereingestimmt hat, ohne ihn zu zitieren. Diesen Zwischenschritt übernimmt Nietzsche, der von Foucault ja immer wieder zitiert wurde, ein wichtiger Text ist deshalb auch "Nietzsche, die Genealogie, die Historie". Sarasin geht grob chronologisch vor, bei Foucault folgt deshalb eine Interpretation der archäologischen Phase vor der genealogischen.
Sehr schön ist, dass der Autor den zahlreichen in den "Schriften" gesammelten kleineren Texten Foucaults ebenso viel Aufmerksamkeit schenkt wie den klassischen Werken. Durch die Menge der Texte ergibt sich aber auch die Schwierigkeit des Buches: Es wird sehr viel Inhalt auf sehr wenig Raum komprimiert. Während das bei Darwin aufgrund der (im Vergleich zu Foucault) relativ wenig komplexen Thematik locker und flüssig lesbar ist, so sollte man bei den Gedanken zu Foucault bereits ausreichend mit dessen Werken vertraut sein. Ohne Einführung in Foucault wird man hier oft nur Bahnhof verstehen.
Summa summarum liegt hier ein sehr interessantes Buch vor, dass Foucault einmal in einen ungewohnten Kontext setzt, dies aber großteils stringent durchzieht. Abgesehen von der Komplexität des Ganzen ist der Text sehr gut lesbar. Wer ein Buch sucht, bei dem er zwischendurch immer wieder ins Grübeln kommt, sei es, weil Sarasins Argumente nachvollzogen werden, sei es, weil man dasselbe bei Foucault versucht, der wird hier fündig. Gutes Futter für den Geist.
In diesem "Essay" wie Sarasin selbst das Buch mit ironischem Unterton bezeichnet, stellt Sarasin eine Versuchsanordnung auf, die zunächst etwas abstrus erscheint. Sein "Experimentalsystem" zielt darauf ab, das Werk Charles Darwins dem von Michel Foucault gegenüberzustellen und sie sich gegenseitig erhellen zu lassen. Und ob man es glaubt oder nicht: es funktioniert! Sarasin, dessen Auseinandersetzung mit Foucault sich auch in der neuen Junius-Einführung zu eben jenem niedergeschlagen hat, gelingt es, durch die gegenseitige Bespiegelung der beiden Werke zu interessanten Einsichten zu gelangen. Auch wenn er dafür beide Autoren gewissermaßen gegen den Strich lesen muss. So bezieht er Darwins Theorie von der Durchformung des Körpers durch die Zwänge der Umgebung gekonnt auf das Verhältnis von Subjekt und Macht bei Foucault. Oder Individuum und Spezies auf Einzelaussage und Diskurs. Nicht besonders überzeugt haben mich dagegen seine Ausführungen im letzten Drittel des Buches über die Verflechtungen von Foucaults Freiheitsbegriff und der Genetik.
Ob man den hochoriginellen Ausführungen im Einzelnen immer folgen mag, ob man sie immer plausibel findet und auch wenn sie vielleicht aus einer historischen Perspektive manchmal zweifelhaft erscheinen, das Ergebnis ist spannend und die Lektüre gewinnbringend. Es macht Spaß, Sarasin beim Denken zuzuschauen, seine akrobatischen Drahtseilakte zwischen Geschichtswissenschaft und poststrukturalistischer bzw. dekonstruktivistischer Theorie zu verfolgen.
Ob er sein hehres Ziel der Beilegung des Streites zwischen Biologismus und Kulturalismus wirklich erreicht, sei dahingestellt. Es ist wohl auch ein wenig viel verlangt von einem einzigen Buch, einen Bruch zu kitten, der sich spätestens seit einem halben Jahrhundert im Extrem vollzogen hat (auch wenn die Sollbruchstelle quasi Jahrhunderte alt ist). Eine gelungene Bewegung in die richtige Richtung oder (um ein Thema des Buches aufzugreifen) eine minimale Verschiebung des Diskursgefüges qua Einzelaussage ist ihm allemal geglückt.
Ärgerlich ist dagegen ungemein, dass es offenbar keinerlei Lektorat gegeben hat. Auf beinahe jeder Seite findet man syntaktische Fehler, inkongruente Fälle, im Nichts endende Relativsätze und was es an dergleichen Ärgernissen mehr gibt. Gerade von einem Verlag wie Suhrkamp, noch dazu bei einer Hardcover-Ausgabe, darf man mehr erwarten als das (auch wenn das Erscheinen dieses Buches in die Umbruchszeit des Lektorats von Suhrkamp Wissenschaft nach dem Weggang von Herrn Stiegler fällt). Das Lesevergnügen (und teilweise sogar das Verständnis) wird durch die starke Häufung dieser Unannehmlichkeiten doch stark beeinträchtigt.
Ich finde das Buch ziemlich originell, zumal ich Darwin bisher gemieden habe, wie sich das als "gute Sozialwissenschaftlerin" eben gehört. Zu Darwin habe ich also recht viel gelernt. Was Sarasins Foucault-Interpretation angeht, hat sie mich manchmal etwas ratlos hinterlassen, das mag daran liegen, dass er Foucault als Historiker liest und ich mit seinen machttheoretischen Elementen vertrauter bin. Am Ende habe ich mich dann auch gefragt: worum geht es hier eigentlich, was meint Sarasin, wenn er von Freiheit spricht ... und ist das die Freiheit von der Foucault spricht - vielleicht bin ich aus den Thematiken zu sehr raus, um wirklich folgen zu können. Auf alle Fälle aber ein ziemlich anregendes Buch für mich;