Julia Weber arbeitet an ihrem zweiten Roman, als sie schwanger wird. Ein zweites Kind? Wie wird ihr Leben sein? Woher Kraft und Zeit nehmen für zwei Kinder und das Schreiben? In der Angst, dass das Leben und seine Forderungen ihre Kunst auffressen könnten, beginnt Julia Weber schreibend ein Gespräch mit ihren Romanfiguren. Der Alltag drängt sich in ihre Kunst und die Kunst drängt sich in den Alltag, dazu die Frage, wie es gelingen könnte, das Leben zu viert mitsamt ihrer Kunst. Sie protokolliert Gespräche mit H., ihrem Mann, sammelt Briefe an ihre Freundin A., Nachrichten ihrer Mutter, Erinnerungen an das eigene Kindsein, das Hineinwachsen in einen Frauenkörper, in einen erwachsenen Alltag der Notwendigkeiten, das Dagegenhalten gegen die Notwendigkeiten mit Hilfe der Kunst, das Dagegenhalten gegen die grosse Traurigkeit, gegen die Angst, und immer wieder die Anläufe in den Roman, die Verwandlung des Lebens in Literatur, Bewusstheit, Glück. «Die Vermengung» ist eine eindrückliche Beschreibung des weiblichen Körpers und seiner Transformationen und die Erkundung einer weiblichen Biografie von heute zwischen Berufstätigkeit und Familie, zwischen Leben und Kunst, Freundschaft und Gesellschaft. Sie entwirft zugleich eine Poetik weit abseits einer hartnäckig überlieferten Genietradition, eine radikale und doch weiche, auf das Leben gerichtete Auffassung von Kunst. Ein hochpoetischer Text von grosser Kraft und Aktualität!
"Und ich könne mich noch gut an den Gesichtsausdruck von B. erinnern, als ich ihr erzählt hätte, dass er, H., und auch ich vor ihr bereits ein Leben gehabt hätten, also dass es sie einmal nicht gegeben habe. Dass wir nicht einmal gewusst hätten, dass es sie einmal geben würde, dass wir nicht einmal mit der Möglichkeit eines ihr ähnlichen Menschen hätten rechnen können, ja, vielmehr hätten wir selbst einmal nicht gewusst, dass es uns nicht immer gegeben hätte." (S.297)
Es ist mir unmöglich, dieses Buch zu beschreiben, schon die Bewertung fiel schwer. Es passte so gut zu diesen klebrigen Tagen, ich durfte eintauchen in Julia Webers Welt, wollte gern in ihrem Kopf leben für eine Weile und ihr Denken teilen. Es weckte Sehnsucht nach Alltäglichem, Morgenkaffee, Nebelschwaden, Kinderhände, mit Käse überbackener Blumenkohl. Verstanden habe ich es nicht.
Die Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind ist speziell - Autorin Julia Weber untersucht dies autobiografisch und fiktiv. Mehrere Erzählebenen und Figuren verbinden sich zu einem dichten Netz, die eigene Geschichte wird erweitert. Ein faszinierendes Konstrukt voller Einfälle und intimen Gedanken.
Der Titel des Buches macht seinen Namen alle Ehre. Es ist wirklich einer Vermengung von alles und allem, aber leider einfach zu viel. Die Erzählung in der Erzählung hätte für mich nicht sein müssen. Die verschiedenen Arten des Perspektive häufen sich ohne Struktur an, spätestens ab Seite 100 gab es keine Differenz mehr. Erzählungen verschwimmen und jetzt nach dem Beenden, kann ich nicht mal mehr genau sagen, wer oder was gesagt wurde. Wenn ich auf meine Markierungen im Buch zurückblicke, dann sehe ich tolle Zitate, aber mehr nicht. Nichts was von sich selbst aus oder in seiner Gesamtheit in Erinnerung bleibt.
Immer noch ist alles schön - das Buch hat mich aber nicht so sehr abgeholt wie das vorherige. Sehr viele schöne Gedanken und Gedanken-Fragmente drin. Die eingestreuten Zitate reichern das Buch extrem an, man bekommt ein Gefühl für Julia Webers Denken. Lieblings-Ausschnitt: «Meine Kunst hat nichts mit Vollkommenheit zu tun, viel mehr mit dem Fehlem von vielem. Leerstellen. Fehlen von Klarheit zum Beispiel. Fehlen von Schärfe. Fehlen von Wissen auch. Schneetreiben, das die Sicht erschwert, und mein Gesicht gegen den Himmel, versuchend, die Augen offen zu halten.»
mmh spannendes Konzept mit den Abschnitten, hat sich leider gezogen. Es wurde eine schon privilegierte Sichtweise, die unreflektiert bzw. sich dessen nicht wirklich bewusst war, verwendet.
Mein Lieblingssatz:
„Das Weinen sei ein Auflösen. […] Eigentlich sei das Weinen ein Streicheln, ein Sich-selbst-Streicheln“