Ein Plädoyer für eine neue Debattenkultur und eine Öffentlichkeit, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist
Die Öffentlichkeit unserer zerstrittenen Spätmoderne ist in einer desolaten Lage. Klug und scharfsinnig untersucht der Autor ihren Zustand, benennt ihre Feinde und Bedrohungen und stellt die Schicksalsfrage: Wie können wir eine zukunftsfähige Öffentlichkeit schaffen? Ein hochaktuelles, aufrüttelndes Debattenbuch.
Die Öffentlichkeit ist der zentrale Wert unserer Demokratie. Nur wenn sich freie Meinungen ohne Angst begegnen, können sie das verhandeln, was alle angeht. Ohne eine funktionierende Öffentlichkeit kann niemand seine Interessen formulieren oder seine Meinung bilden. Doch die spätmoderne Öffentlichkeit sieht sich in einer paradoxen Lage. Je mehr Menschen durch die sozialen Netzwerke Zugang haben, desto chaotischer werden ihre Debatten. Radikale Vereinfachungen führen zu einer polarisierten Öffentlichkeit, in der es nur noch Freunde und Feinde gibt. Wer auf sachliche Informationen und einen rationalen Diskurs hofft, wird immer öfter enttäuscht. Dabei steuert unsere Gesellschaft auf eine doppelte Katastrophe zu. Die Zersplitterung des Sozialen nimmt in wachsendem Tempo zu und die Veränderungen des Anthropozäns zeichnen sich immer drohender am Horizont ab. Es ist also höchste Zeit, die Ursachen der zerstrittenen Öffentlichkeit aufzuzeigen. Denn sonst stehen wir bald vor einem brennenden Haus, und statt zu löschen, schreien wir uns alle weiter an.
Um die Diskussionskultur ist es momentan wahrlich nicht gut bestellt. Das allgemeine Erregungslevel steigt gefühlt in zuvor ungeahnte Höhen, während im Gegenzug die Problemlösungskompetenz im steilen Sinkflug begriffen scheint. Man muss nicht über besondere Fähigkeiten verfügen, um eine schwere Störung der öffentlichen Kommunikation zu diagnostizieren. Aus diesem Grund fällt es relativ leicht den kritischen Anmerkungen von Bernd Stegemann in diesem Buch beizupflichten. Es stimmt vieles an seiner Analyse der akuten gesellschaftlichen Probleme, vor allem wenn es um die Auswüchse auf dem identitätspolitischen Feld geht. Aus einst emanzipatorischen sind mittlerweile ziemlich autoritär agierende Bewegungen geworden. Universelle Werte der Gleichheit werden durch einen Widerstreit verschiedener Ansprüche ersetzt, deren jeweilige Absolutheit das gemeinsame Fundament der Öffentlichkeit untergräbt.
Aktuell besonders interessant ist das Kapitel über Protestkommunikation. Um Aufmerksamkeit zu generieren, muss Protestkommunikation zu den Mitteln der Komplexitätsreduktion greifen. Zum Beispiel Tomatensuppe auf ein Gemälde von van Gogh werfen, um Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Das führt allerdings nicht zwangsläufig zum erwünschten Ziel, sondern verschärft in erster Linie den Widerspruch. Eine Frontstellung wird aufgemacht, die alle Beteiligten in Befürworter und Gegner einteilt. Der Raum für ein gemeinsames Handeln verschließt sich auf diese Weise. Stegemann argumentiert vor dem Hintergrund grundlegender Veränderungen unserer Lebenswelt durch das Anthropozän. Wir stehen vor hochkomplexen Herausforderungen, die mit vereinfachenden Kommunikationsmustern nicht mehr bewältigt werden können.
So weit, so gut. Leider hat auch er keine konkreten Lösungsvorschläge parat. Seine Ausführungen verlieren sich in schwammigen Formulierungen von Transzendenz und Demut. Da bleibt einiges im Unklaren. Obwohl mir ein erst vor kurzem gesehenes Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa zumindest eine Ahnung davon vermittelt hat, was gemeint sein könnte. Die Grenzen des Ichs überschreiten, um den anderen wahrzunehmen. Eine Anwendung religiöser Praktiken also, ganz unabhängig vom Glauben an Gott. Dass der Kritiker der SZ Stegemann vorwarf zu sehr mit dem "Grundkurs-Zettelkasten" zu arbeiten, kann ich dagegen nicht als negativ bewerten. Es wird zwar munter zwischen den Theorien von Habermas, Luhmann und Marx hin- und hergesprungen, aber deplatziert oder störend sind diese Erläuterungen auch nicht unbedingt.
"Wer die Nachtigall mit dem Herzen hören kann, der fühlt, dass nur ein Gott uns noch zu retten vermag. Wer aber weiß, dass Menschen die Augen der Singvögel ausstechen, damit sie in ewiger Nacht immer weitersingen, der ahnt, dass sich kein Gott finden wird, um uns zu retten." (S.290) Das Fazit von Stegemanns bestechender Analyse lautet, dass die wirklich bedrohlichen Gefahren für die Menschheit (Öko- Krise usw.) "transzendent" in dem Sinne wären, dass wir sie nur abstrakt und daher nur im Modus der (emotionalen) "Panik" (How dare you?") bzw. in deren Abwehr (Klimaleugner) erfassen können. Dabei nutzt die Panik wenig, da sie nur den etablierten Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie folgt und "Gerede" provoziert, das geradezu verhindere, über die Lösungen nachzudenken und sie anzugehen. Die öffentliche Erregung nutzt also dem Status Quo, der auch durch ökobewusste SUV- Fahrer vor dem Bio- (Status)- Laden gestützt wird. Aber das ist nur ein Fazit, das die praktischen Auswirkungen der kommunikativen Verwerfungen beschreibt, deren Analyse das eigentliche Anliegen ist. Kurz gesagt verteidigt Stegemann die gute alte Dialektik, also das Denken in Zusammenhängen und nach Maßgabe des Gewordenseins von Problemen als lösbaren WIDERSPRÜCHEN gegen ihre diskursiven Verkürzungen auf bloß blöde Entgegensetzungen (Widerstreit), die - wie in jedem Streit - keine Lösungen kennen, sondern nur Gewinner oder Verlierer. Während die Lösung von Widersprüchen argumentativ und sachbezogen ist, weil hier die gemeinsame Grundlage des Problems anerkannt wird, demontiert der Widerstreit jede Form von Gemeinsamkeit in Richtung auf (moralische) Freund- oder Feindschaft. Lösungen werden verunmöglicht, weil nicht gegensätzliche Standpunkte oder Perspektiven (Interessen!) als solche angenommen, sondern stattdessen Seins- Weisen im Modus des "Guten" versus "das Böse" (Diversity ohne den "alten weißen CIS- Mann") konstruiert werden. Ausführlich widmet sich Stegemann dem Aufzeigen des "blinden Flecks" dieser Konstruktionen. Der folgt regelmäßig aus dem Zirkelschluss postmodernen "Argumentierens", das die Dekonstruktion von etwas betreibt, was vorher konstruiert wurde bzw. konstruiert werden musste, um der Dekonstruktion zugänglich zu sein. So sind beispielsweise Gender- oder Anti- Rassismus- bzw. Postkolonialismus- Debatten als Aufzeigen von "strukturellen Benachteiligungen" nur möglich auf Grundlage vorausgegangener Konstruktionen von "Gender" als dem "sozialen Geschlecht" bzw. von "Rasse" als biologischer Kategorie. Indem man das Konstruierte dekonstruiert und damit das (in welcher Form auch immer) Gegebene (Frauen/ Männer) aus dem Blick verliert, wird alles relativ und ehemalige Sicherheiten im Umgang mit der gesellschaftlichen Mitwelt verschwinden. Was sind die Folgen? Stegemann meint, nicht nur die Probleme an sich seinen "transzendent", also dem menschlichen Zugriff entzogen, sondern die Reaktionsweisen darauf seien es ebenfalls. "Transzendental" verwies früher auf Gott, der jedoch seit Nietzsches Diktum der Moderne "tot" ist. Angesichts des strukturell gleichgelagerten Problems der Unverfügbarkeit von Natur und Geschichte ähneln sich nun die Reaktionsformen, nur dass eine Rückkehr zur traditionellen Religion mehr und mehr unpopulär ist. An die Stelle christlicher Religiosität treten esoterische Strömungen aller Couleur, die mit der Religion nur das Sendungsbewusstsein der Weltrettung durch "Veganismus", "Feminisierung" oder Klima- Aktivismus teilen. Auf der anderen Seite radikalisiert sich die bisher in Europa aufgeklärte Religion zu neuem Fundamentalismus. Beiden Reaktionsformen eignet ein eingeschriebener Manichäismus, der Diskussion und produktive Auseinandersetzung verunmöglicht. Beide Weisen auf fundamentale Menschheitsprobleme zu regieren, sind ausschließend, weil rechthaberisch. Zwar lösen sie keines der angezielten Probleme, dafür treten sie aber wie einst die Inquisition für die Reinheit der Lehre mit "Feuereifer" auf. Kurz, das kommunikative Aushandeln von Interessen- Gegensätzen im Sinne einer Verständigung über Gemeinschaftsinteressen, wie es die bürgerliche Öffentlichkeit ideal auszeichnet, findet nicht mehr statt, wird gar nicht mehr gewollt und kann auch nicht mehr realisiert werden, da Identitäts- Essentialismus nicht das Verbindende, sondern das Trennende in den Vordergrund stellt. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Was Sahra Wagenknecht in populärer Sprache und bisweilen etwas holzschnittartig zugespitzt politisch analysiert hat, analysiert Stegemann mit dem feinen Stilett intellektueller Brillanz. Im Resultat sind sich beide einig: Die liberale Lifestyle- Linke ist zur Lösung der Menschheitsprobleme unfähig und damit auch nicht mehr "progressiv", obwohl sich die gendernden Fraktionen von SPD, Grünen und Linken so vorkommen. Sie haben in mehrfacher Hinsicht den Kontakt zu einer Realität verloren, die ihnen (beinahe im Sinne der Scholastik) nur als "verkehrte Welt" erscheint. "Real" sind hier einzig die Bezeichnungen der Dinge (politisch korrekte Sprechweise), wodurch die Dinge selbst nebensächlich werden. Das ist "bürgerliches Bewusstsein" und als solches "verkehrtes Bewusstsein". Ohne es direkt auszusprechen, ist Stegemann wieder bei Marx. Es gilt, die verquere Debatte vom Kopf auf die Füße zu stellen und aufzuhören, Geschlechter und Rassen etc. anders zu interpretieren, stattdessen sei die Welt, in der so etwas wichtig scheint, derart zu verändern, dass die wirklich wichtigen Probleme auf die Tagesordnung kommen und GEMEINSAM gelöst werden können. Hoffnung hat Stegemann allerdings wenig. Was sonst? Gut geschrieben. Stringent und logisch. Gegen Ende etwas weniger klar, aber insgesamt ein nötiges Buch zur rechten Zeit. Uneingeschränkt all denen zur Lektüre empfohlen, die sich mit der intellektuellen Faulheit moralinsaurer Gefühlsaufwallungen nicht zufrieden geben wollen. Darüber hinaus ganz meine Art, die Welt so zu sehen, wie sie ist!
So this book “Die Öffentlichkeit und ihre Feinde’ (The public and its enemies) by Bernd Stegemann (Klett-Cotta, 2021) is not too different from the one I just read (by Alexander Bogner) and it also ties in (very much so) with Sahra Wagenknecht’s latest book. So, I guess I’ll move on from this subject for now, I’ve got this covered. Thanks.
A few take-aways:
1. We have reached a very peculiar point in public discourse whereby anyone can say anything, where there’s a platform and an audience for the most absurd opinions, while a majority (as per a recent survey in Germany) feel they can’t freely express their opinion. Both is true. Of course, people are free to utter whatever they want through their social media channels but that is not what is meant by the 60 or so per cent of Germans who feel that they can’t freely express themselves. I am going to say this very bluntly but there is indeed a sort of sense of inquisition against those who do not share the values of what Stegeman refers to as the ‘new middle class’, the highly educated, better off ‘globalization winners’ who embrace neoliberalism’s virtues of flexibility, deregulation, scientific rationality and individuality – the key proponents of identity politics. For them, of course, the very idea that anyone feels like they can’t express themselves is propaganda and part of a right wing narrative against cancel culture and political correctness ‘man wird ja nochmal sagen duerfen, dass…’. There core argument is that everyone is free to say whatever they want – which is true – but which misses the point entirely because they are blind to the ideological content of what they understand to be objective and enlightened values of the public discourse. This is also why their constant shit storms and moral outrage is so futile, but also cute.
2. Side note on the endless source of amusement which is identity politics and related obsession which inclusive and non-offensive language. So I have been binge watching Princess Charming for the past week or so. In one great episode, there was ‘group date’ in which the girls had tea, bubbly and vagina shaped cupcakes and talked about female sexuality. After this, one of the ‘non-binary’ gay person (they/them) told the other girls (sorry of that’s offensive) that they found it problematic to reduce female sexuality to vagina shaped cupcakes given that this excludes people identifying as women with dicks, aka trans women. Then one of the more CIS woman gay girls said that, for her, gay sex means, essentially, having sex with another person who has a pussy. LOL. Then the non-binary person lectured her and told her that what she just said was very, very upsetting as it is transphobe and she is excluding all the women with dicks! And the gay girl goes like ‘but my sexual preference is to have sex with a woman with a vagina….’ And so on. It was priceless.
3. Stegemann equates populism and identity politics as two dominant forms of reducing complexity. I find this a very useful lens. Take, for example, the ‘refugee crisis’. The right wing populists oppose migration and primarily blame the refugees themselves, etc., no need to go into this xenophobic discourse. The ‘new middle class’ reduces this very complex issue of global displacement due to wars, climate change and poverty (aka imperialism) to a moral demand for openness, ‘refugees welcome’, ‘wir sind mehr’ etc – which is meaningless and does not address the issue. You cannot turn the issue of global migration into one of diversity – it is absurd LOL. Of course, for people who have borne the brunt of 30 years of deregulation and precarity, the idea that we open our social security system to the real and imagined global poor is perceived as a threat. But any attempt to reject this moral demand and actually discuss the need to a) address the root causes and b) the necessity to regulate and limit migration – from the left – is treated as populist and an attempt to appeal to the racist masses (again, it was quite instructive to see how the party Die Linke dealt with Sahra Wagenknecht in this regard). It’s the same with the EU, the populists simply reject the EU for nationalist reasons while the educated elites do not tolerate any criticism of the EU as such – we have seen in the Brexit debate wonderfully how this plays out. In reality, if we wanted to address the complexity of the EU – which remains to this day a neoliberal, technocratic free market project – we would need to move beyond these two forms of reductionism. We would also need to have a discussion on the nation state in a globalized world beyond nationalism, something which sounds regressive and ‘dangerously populist’ to the progressive neoliberalists for whom the EU symbolizes like few other things their moral demand for openness, freedom and overcoming the regressive nation state (which for others primarily symbolizes protection) etc. – I have zero interest in this debate itself but these two examples are very good to illustrate the impasse we have reached in terms of allowing a form of discourse that can address the necessary level of complexity.
4. Then Stegemann tuns to the actual problem which is our current inability to address the most complex question of our time which is climate change. Again, the new middle class and its ethical consumerism (essentially addressing climate change within the mechanisms of the market etc.) and a climate activism which focuses on the symbolic and the spectacle will not lead to the kind of transformation that would be required as it essentially reduces climate change to another frontier in the culture war. Contra this Stegemann proposes a way of thinking and public discourse which he calls ‘ecological’ thinking and there I got a bit lost in the call for humility (LOL I guess I don’t do humility) and recovering the transcendental (say what?). But I guess in the end what this means is that we cannot solve climate change within the paradigm of neoliberal capitalism and by focusing on individual moral superiority - in late capitalism this is typically expressed through morally superior consumption, especially food and dietary choices (hello, vegan hipsters!). Ugh, ugh, this book left me a little demoralized so I guess it’s time for some more dating shows!