n der Medienöffentlichkeit ist Identitätspolitik zum Kampfbegriff geworden. Als Verbalkeule dient er nicht zum Verständnis von Minderheiten, sondern schürt Emotionen. Dieses Buch möchte zur Versachlichung der Identitätsdebatten beitragen. Es benennt die Potenziale für einen Pluralismus der Identitäten ohne Diffamierungen und zeigt zugleich ihre Grenzen auf. So plädiert Scheller für eine Politik der Potenzialität. Der Liberalismus muss neu überdacht werden und die Möglichkeit des Individuums, sich immer wieder neu zu entwerfen, gegeben sein. Denn wenn über dem Geschäft des Identifizierens harter Realitäten vergessen wird, dass Menschen auch eigensinnige, schöpferische Wesen sind, dann gilt: keine Identifikation ohne Imagination.
Er erwähnt zwei Mal Daniel-Pascal Zorn. Das ein oder andere gute Argumente bringt er, man muss man ihm dann doch lassen, Identität als solches betrachtet er differenziert. Scheller ist einer der “weder-links-noch-rechts”-Fraktion, was ich persönlich diskutabel finde.
Identitätspolitik ist eines der aufgeladensten Themen unserer Zeit. Entsprechend vorsichtig bin ich an dieses Buch herangegangen. Nach der Lektüre von Prechts Angststillstand war ich besonders sensibilisiert für die Frage, wie Debatten sich verengen und wann Diskurse kippen. Schellers Buch schlägt hier einen anderen Ton an. Nicht laut, nicht provokativ, sondern sachlich und differenziert.
Scheller macht deutlich, dass Identitätspolitik als solche kein Problem ist. Im Kern geht es um Gerechtigkeit, um Sichtbarkeit, um elementare Rechte. Daran ist wenig auszusetzen. Problematisch wird es dort, wo Identität essentialisiert wird. Wenn aus analytischen Kategorien moralische Etiketten werden. Wenn aus Beschreibungen Zuschreibungen entstehen. Du bist weiß also. Du bist Mann also. Du bist queer also.
Genau hier setzt Schellers Kritik an. Identitätspolitik wird von beiden Seiten missbraucht. Von jenen, die komplexe soziale Realitäten auf einfache Schlagworte reduzieren. Und von jenen, die mit dem Verweis auf Identität jede Kritik immunisieren wollen. Sobald jemand eine Identität zugewiesen bekommt, wird es schwer, aus ihr wieder auszubrechen. Differenzierung weicht Lagerdenken.
Besonders überzeugend ist Schellers Hinweis, dass politische Privilegien historisch selten alle Mitglieder einer vermeintlichen Mehrheit betrafen. Wenn es heißt, Männer durften wählen, muss präzisiert werden. Manche Männer durften wählen. Macht war meist an Stand und Vermögen gekoppelt. Solche Differenzierungen sind wichtig, gerade weil heutige Debatten oft pauschalisieren.
Eine offene Gesellschaft sollte sich vielleicht weniger daran messen, wie viele POC Schauspieler in einer Amazon Serie vertreten sind, sondern daran, ob alle Menschen die gleichen elementaren Rechte und realen Chancen besitzen. Repräsentation ist nicht irrelevant, aber sie ersetzt keine strukturelle Gerechtigkeit. Und wenn Identitätspolitik beginnt, Redefreiheit einzuschränken oder rationale Auseinandersetzungen über vermeintliche Identitätsgrenzen hinweg zu torpedieren, dann wird sie selbst zum Problem.
Im Vergleich zu Precht fehlt Schellers Text die provokative Zuspitzung. Dafür gewinnt er an analytischer Tiefe. Wirklich Neues habe ich nicht erfahren. Viele Gedanken waren mir vertraut. Doch gerade die ruhige, argumentierende Haltung macht das Buch lesenswert. Es will nicht polarisieren, sondern klären.
Identität im Zwielicht ist kein Skandalbuch. Es ist ein Versuch, in aufgeheizten Zeiten die Komplexität zurückzugewinnen. Und vielleicht ist genau das im Moment wichtiger als jede polemische Intervention.