Wenige Themen polarisieren die Öffentlichkeit derzeit so sehr wie die sogenannte Identitätspolitik und die damit verbundene »Cancel Culture«. Ist sie eine legitime Strategie, um bislang diskriminierten, übergangenen Gruppen und ihren Anliegen Geltung zu verschaffen? Oder verschärft sie am Ende die Spaltung der Gesellschaft?
Jan Feddersen und Philipp Gessler bestreiten in ihrem Buch nicht die Existenz von Rassismus und Traditionen der Benachteiligung, von einer Sprache, die Menschen diskriminiert und übergeht. Doch sie Wer Gruppenidentitäten überhöht, fördert Entsolidarisierung. Wenn sich nur noch diejenigen zu einem Thema äußern dürfen, die davon unmittelbar betroffen sind, lassen sich wichtige Debatten in der Demokratie kaum noch führen. Vor allem dann nicht, wenn mit Hinweis auf Ungerechtigkeiten ein offener Diskurs beschränkt wird. Deshalb plädieren die beiden für eine Rückbesinnung auf den Universalismus, der einmal ein linkes Projekt war. Dafür, dass wir uns als Individuen in unserem jeweiligen Verschiedensein respektieren. Und sie machen Vorschläge für eine fruchtbarere Debattenkultur.
Für das Buch sprachen die Autoren u.a. mit Cindy Adjei, René Aguigah, Till Randolf Amelung, Seyran Ate?, PaulaIrene Villa Braslavsky, Gianni Jovanovic, John Kantara, Daniel Kehlmann, Ijoma Mangold, Ahmad Mansour, Susan Neiman, Ronya Othmann, Susanne Schröter, Alice Schwarzer, Harald Welzer, Ulrike Winkelmann.
„Er sagt, sie sagt dagegen“ ohne theoretischen/begrifflichen Rahmen Zur Seite gelegt bei 51%, eine frustrierende Enttäuschung. Leider bestätigt das Buch gerade das, was an der „Cancel Culture“ bzw. Identitätspolitik kritisiert wird: eine Selbstreferenzialität ohne theoretische/begriffliche Begründung. „Belegung“ vollzieht sich durch Interviews, die meist die These der Autoren bestätigen; Meinungen der ausgewogeneren – etwa Paula-Irene Villa Braslavsky oder Ulrike Winkelmann – die die Identitätspolitik ja nachvollziehen und zum Teil gelassen unterstützen, zum Teil als die Suche nach Macht und einer Stimme seitens marginalisierter sehen, jedoch mit Kritik an den extremen Abweichungen, werden vorgelegt, aber nicht kommentiert bzw. analysiert, sondern nur durch Auflistung der Gegenpositionen „neutralisiert“. Es fehlt ein theoretischer/begrifflicher Rahmen: Seit Adorno und Horkheimer besteht die Kritische Theorie darin, jeden Gebrauch von „Vernunft“ zu analysieren, der zur Unterdrückung führt, aber der Terminus „Critical Race Theory“, wichtig v.a. in den USA, kommt nicht vor. Die Autoren sprechen von Intersektionalität und beweisen dabei ihre Ignoranz: Noch nicht einmal wird das Konzept erklärt, Intersektionalität schließt gerade die Reduktion auf nur Rasse aus. Fürchterlich! Die Autoren schreiben: „Denn dieser Cancel-Forderung lag ja tatsächlich die identitätspolitisch grundierte Auffassung zugrunde, dass Aussagen von Opfern sexueller Gewalt grundsätzlich nicht anzuzweifeln seien“, ohne zu erwähnen, dass das Zeugnis von (überwiegend weiblichen) Opfern sexueller Gewalt angezweifelt wird (Stichwort: Fricker, epistemological injustice). „Vernunft“ ist überwiegend weiß und männlich.
Ist klar, wenn alte weiße Männer (und ja, in diesem Fall entsprechen sie genau dem Grund, warum es diesen Begriff gibt) über Identität schreiben, dann bedienen sie sich Alice Schwarzer und J.K. Rowling um deren Thesen unreflektiert zu reproduzieren und zu sagen, dass dies wohl die meisten Frauen so sehen… . Nachdem ich die beiden Autoren kennengelernt hatte, dachte ich, sie sind durchaus reflektiert, wohl falsch gedacht. Kleiner Tipp am Rande: nur weil man schwul ist, kann man sich nicht erlauben zu beurteilen, was Rassismus oder trans Feindlichkeit ist. Das können n zur die, die davon betroffen sind. Und es hätte nicht geschadet sich intensiv mit den Themen zu befassen, über die man schreibt und zwar nicht nur einseitig, sondern differenziert.
Uff, dieses Buch... Ich habe es bis zum Ende gelesen, da ich gehofft habe, eine differenzierte Kritik der Identitätspolitik in der Hand zu haben, die ihre Grenzen, Problematiken und Fehlschlüsse aufzeigt und meinen eigenen Horizont erweitert. Leider ist dieses Buch genau das nicht.
Zwar lassen sich immer wieder gute Kritik- und Ansatzpunkte finden, so zum Beispiel die Kritik am linken Kulturrelativismus, der z.B. Antisemitismus, Misogynie und Queerfeindlichkeit in muslimisch geprägten Ländern aus vermeintlicher Toleranz heraus relativiert, das massive linke Antisemitismusproblem, die Essentialisierung von eigentlich zu überwindenen sozialen Konstrukten wie >>Race<< oder die Unterbetonung der sozialen Frage. Leider sind diese guten Kritik- und Ansatzpunkte verstreut zwischen einer Fülle an Strohmannargumenten und krassesten Vereinfachungen der Gegenargumente, maximal oberflächlichen bis fragwürdigen Analysen, Aneinanderreihungen anekdotischer Evidenzen, die anscheinend irgendwas beweisen sollen und immer wieder absurden und puren Falschbehauptungen.
Ein paar Beispiele:
Im Kapitel "Die Abgründe der Trans*-Diskussion" werfen die Autoren z.B. Angehörgen der "[trans*] Bewegung" (an anderen Stellen auch der "Trans*-Ideologie") vor, anders als die Homosexuellenbewegung, in erster Linie nicht für "bürgerrechtliche Fortschritte, zum Beispiel die Reform von zuvor diskriminierenden Regelungen, wie etwa beim Eherecht" zu kämpfen. Sondern: "Am Ende ging es ihr um die Suspendierung der Biologie, um die Verflüssigung aller Vorstellungswelten." (S. 149). Das ist schlicht falsch und spiegelt weder wieder, dass Transidentität im Einklang mit der Naturwissenschaft steht und sie keineswegs "suspendieren" will, noch, dass es trans* Aktivist*innen genau um "bürgerrechtliche Fortschritte", wie rechtlichen Schutz vor Diskriminierung und Reform diskriminierender Gesetze wie dem ehemaligen TSG geht.
Im gleichen Kapitel wird behauptet, dass "[v]on Inter-Menschen abgesehen" die "klassische duale Kategorisierung [in Mann und Frau anhand der Geschlechtsorgane] [...] ungefähr 99,5 Prozent aller Menschen" betreffe (S. 149). Nicht nur werden inter* Menschen mit ca. 1 - 2% Anteil an der Weltbevölkerung komplett übergangen, weil sie nicht ins Argument passen, auch die Schätzung des Anteils der trans* Menschen ist völlig falsch. Es sind global wohl eher 1 - 3%.
Im "Glossar identitätspolitischer Begriffe", das einseitiger nicht sein könnte, definieren die Autoren Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) so: "Ableism - bezeichnet die Beurteilung von Menschen anhand ihrer Fähigkeiten und wird als behindertenfeindlich angesehen. Aufgrund des Fehlens bestimmter Fähigkeiten würden Menschen mit Behinderung abgewertet. Hieraus könnten Diskriminierung oder gesellschaftliche Vorurteile, gleich welcher Art, entstehen" (S. 223). Auch das ist eine extreme Vereinfachung, die den Kern des Problems einfach nicht trifft und Ableismus als strukturelles Problem, das behinderte Menschen in jedem Lebensbereich z.T. massiv beeinträchtigt und ihnen im schlimmsten Fall das Leben kostet, verkennt.
Bei dem Eintrag: "Snowflake (Schneeflocke) - abschätzige Bezeichnung für >>weiße<< Menschen, die mit den Vorwürfen der Identitätspolitik gegen sie nicht umgehen können und stattdessen zum Beispiel in Selbstmitleid verfallen. Schneeflocken sind auch jene in der woken Bewegung, die wegen gedanklicher Inkonsistenzen gern ins Weinerliche verfallen." (S. 246) frage ich mich ernsthaft, wie die Recherche für dieses Buch überhaupt ausgesehen haben kann. Der Begriff Snowflake ist seit langem ein abschätziger Begriff aus dem rechten Milieu, der sich gegen alle Menschen richtet, die als "woke" wahrgenommen werden, sei es durch ihre Meinungsäußerungen, ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität oder einfach nur durch unkonventionelles Aussehen.
So schafft es das Buch, dass am Ende die tatsächlich wichtigen Kritik- und Ansatzpunkte leider in einem Strudel quellenloser Tatsachenbehauptungen, Falscheinschätzungen und -behauptungen und genereller journalistischer Niveaulosigkeit untergehen. Schade.