Die Erzählung spielt in der letzten Woche des Jahres 2004 sowie den ersten Januartagen den neuen Jahres. (Parallel zur Tsunami-Katatrophe in Südostaisen.) Friz, ein Berliner Schriftsteller, fährt mit seiner Herzensfreundin Helen, einer Lehrerin aus dem Rheinland, ins verschneite Tallinn, Estland. Beide sind jetzt Ende vierzig und seit 27 Jahren auf etwas abenteuerliche Weise „zusammen“, zumindest bei ihren Dutzenden von Reisen rund um den Globus, die Friz in den folgenden Tagen noch mal durch den Kopf schießen werden. Das Wetter ist nicht besonders und die Tage bestehen großenteils aus Nächten, aber das ist nicht das Problem. Helen ist krank, sie erklärt das als Grippe. Sie erscheint von Tag zu Tag bleicher, dünner, durchsichtiger. Sie schickt Friz alleine auf seine geplanten Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten. Wenn sie ins Einkaufszentrum gehen, um Wasser, Mandarinen und Zigaretten zu kaufen, rettet sie sich auf die Stühle der benachbarten Apotheke.
Außer in verschiedene Cafés, wo Helen nur noch Tee trinkt, kommen sie kaum noch aus dem Hotel. Es geschieht also nicht viel im kleinen Roman, sondern die Seiten füllen sich mit einer unglaublichen Menge von Flashbacks an ferne Länder und fast ebenso vielen Autorennamen, Buch- oder Filmtiteln. An prominenter Stelle hat sich Kröhnke an Somerset Maugham und Ernest Hemingway erinnert, an die Verfilmung von „Schnee am Kilimandscharo“, der kein guter Film, aber einer von den schönen alten gewesen sei, wie sie sie mögen. Gut sind die, wenn die Figuren sich in fernen Ländern, dort in Hotels im Kolonialstil aufhalten, nahezu nichts geschieht, wenn dann jemand stirbt. Da in Kröhnkes Buch ebenfalls fast nichts passiert, kommt der Leser nicht umhin zu erwarten, dass Helen am Ende sterben wird, was auch eintritt. Rasch voranschreitender Lungenkrebs.
Am Ende, als sie wieder in Berlin sind und der Krebs, den sie in der Neujahrsnacht noch nicht ahnten, erkannt ist, ist man dann ein wenig erstaunt, wie sehr einen Helens hilfloses, „plötzliches und unerwartetes“ Sterben doch noch erschüttert , obwohl ein Buch so was wohl braucht. Es mag daran liegen, dass man ein paar Momente lang nicht umhin kann, den eigenen Tod ganz ähnlich vor sich zu sehen.
Rezensenten haben, wie ich finde, mehr pflichtschuldig als enthusiastisch, Kröhnkes sprachliche Zurückhaltung und Effektivität gelobt. Meines Erachtens hat er sich mit diesem wie auch mit anderen Werken nach dem Jahr 2000 und seinem einzigen dicken Buch (unter Dutzenden!), „Die Atterseekrankheit“, in eine Zone hohl drehender Virtuosität begeben, aus der ihn auch die, wie ich höre, deutlicher hervortretenden religiösen Aspekte der neuesten Werke kaum befreien dürften.
Friedrich Kröhnke war schon immer ein mit gesundem Selbstbewusstsein allen Anfeindungen seiner Lebensweise trotzender rastloser Romantiker der Päderastie. Erlebnisse mit seinen Jungs, männlichen Jugendlichen, entweder schwul, käuflich oder experimentierfreudig, haben seine dünnen Bücher bis an den Attersee gefüllt. Dort wurde das Vorbeiblitzen der vielen Jungen und das Gleichbleiben des stoisch humorigen, seine Biere trinkenden Erzählers mir dann zur Qual. Was man in der gedrängten Form bis jetzt kaum bemerkt hatte, hier erschlug einen das ewig Gleiche dieser Fluchten in die anachronistisch gewordene Tropen-Dandy-Pose, erregtere Gemüter werden es sowieso Sextourismus nennen, und der Narzissmus der Fritz-Figuren, die Austauschbarkeit aller Grazien wie der kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten.
„Die Atterseekrankheit“ hat überraschend für die späte Entdeckung des seit Jahrzehnten schaffenden Autors, dann aber offenbar auch für dessen öffentliche „Demaskierung“ gesorgt. Hinzu kam, dass Kröhnke, der um diese Zeit unangemeldet in Prag, damals noch nicht EU, lebte, lebensgefährlich erkrankte und bei Nacht und Nebel sich zum Zwillingsbruder nach Hamburg retten musste. Ab jener Wende verschwinden die Jungen aus seinen Büchern und Kröhnke entscheidet sich, von nun an vom Tod und der grandiosen Schönheit, die man immerhin doch auch mal hatte, zu erzählen. Wo in der „Atterseekrankheit“ noch Knabenvorname auf Knabenvorname folgte, sind es dann Klassiker wie Bergengruen, Karl May, Tania Blixen, Thomas Mann und überaus viele Städte in abgelegenen Ländern, sodass zu glauben schwerfällt, 27 Jahre Zeit und das Geld, zumal wenn man daneben als Berufsschullehrerin zu arbeiten hat, hätten dafür ausreichen können.
Ich verstehe, wie er sich das dachte, als Arbeit an der Aussöhnung mit der menschlichen Sterblichkeit, als Beschwörung des Glücks, das man hatte. Und doch! Bin ich sebst unfähig, einen vergleichbaren Genuss im ereignislosen Schwebezustand jenseits der Grenzen mitteleuropäischer Tretmühlen auszukosten wie „der Friz“ und erkläre ich sein Werk zum Langweiler, so stoßen mir Eitelkeit und Imponiergehabe darin erst recht auf. Es ist allerdings nicht Kröhnke selbst, der, wie wir aus anderen Texten wissen, privat Fritz heißt, sondern es ist „der Friz“, der sie kannte, „wie ich sie kannte“. Und es stimmt auch, dass die verstorbene Vertraute und ehemalige Studienkollegin nicht Helen hieß und dass Kröhnke nicht in Köln, sondern Bochum studiert hat. Auch tritt er uns in diesem Buch doch als namenloser Ich-Erzähler entgegen, der es vom Friz erfahren hat, dass Helens letzte Bitte „Staatlich Fachingen“ und ihre letzten Worte „Mir wird so schummrig“ gewesen sind. Aber das nimmt der Kröhnke-Leser als Geplänkel. Immer geht es um ihn selbst und Kröhnke lässt es alle sehen, gibt aber auch zu erkennen, er sei Fabulierer, der immer was verändert. Genau das ist die Atterseekrankheit gewesen, unter der des Autors Mutter, eine Darmstädter Schriftstellerin, in den siebziger Jahren litt. Oft erzählte sie von einer Atterseereise, auf die sie sich lange gefreut, die sie dann nie gemacht hatte.
So geht es in „Ciao Vaschek“ um ein Prag so gut wie ohne Jungen, dafür mit Krankheit, sehr vielen vormals gelesenen Büchern und putzigen Kleintieren im Zoo. In „Nach Asmara!“ um ein Architekturdenkmal in Eritrea, eine Tankstelle aus der Mussolini-Zeit, um alte Reiseromane und noch mehr Reisen. Wie man sein Flugzeug querfeldein in letzter Sekunde doch noch erreicht hat. Und in „Ein Geheimnisbuch“ geht es um all das, was den Zwillingsbrüdern Kröhnke Anfang der siebziger Jahre wie schöne Taschenbücher vorkam, nämlich Fischer, dtv und Reihe Hanser. Also sollte es hier, „wie in schönen Filmen“, um eine Frau gehen, die man geliebt hat.
Und ich denke, Kröhnke dachte damals, es geschafft zu haben, ein ganzes Buch des Danks für die zu früh Gestorbene geschrieben zu haben. Mit dem, was sie ihm gegeben, was er, der Egozentriker, sich von ihr alles genommen hat. Aber eigentlich hängt sie nur rum und lässt ihn all die Autoren und Städte in Mittel- und Südostasien aufzählen. Als würde es wirklich was bedeuten, seinen Tee dereinst im selben Hotel in Bagdad eingenommen zu haben wie Agatha Christie ihren, irgendwann früher. Und dass man auch schon im selben Hafen wie Joseph Conrad war und jetzt ist dort die Todesflut. Nein, schreibt er, Helen sei alles andere als die übliche beste Freundin, wie jeder Schwule sie hat, gewesen. Aber was denn dann, fragt man sich. Wir lesen, dass sie ziemlich klein war und von Männern nicht für hübsch gehalten wurde, dass sie ungeheuer fleißig und zäh auch für die ödesten Jobs arbeiten konnte, dass sie sehr viel las und selbst Filme über Leute, die es schwer haben, mochte, obwohl sie sich gerade im selben Land und in der gleichen Zeit wie die rührseligen Filme befand. Und sie rauchte immer zu viel.
Ansonsten ist es das leider gar nicht so rare Spätwerk-Buch Friedrich Kröhnkes aus Jahren, in denen es nicht mehr um ihn und die Jungs geht, sondern um ihn und das Museum, das er im Lauf von Jahrzehnten um seinen Geist herum errichtet hat.