Wenn der Winter kalt genug ist, friert der Wilmersee zu, und man kann über das Eis bis auf die kleine Waldinsel gehen. Der Winter, als die Erzählerin acht war, war kalt. Aber nicht kalt genug. In diesem Winter verlor sie Alice und ihren Namen an den See.
Seitdem spricht man nicht mehr in ihrer Familie. Und mit der Sprache verschwinden auch die Menschen – die Mutter, der Vater, die Schwester. Die Erzählerin zieht sich ganz in ihre Erinnerungen zurück, in eine Zeit, in der die Mutter ihr Geschichten von den Walen im Wilmersee erzählte und das dunkle, leere Haus noch voller Leben war. Nur so ist sie sicher davor, noch mehr zu verlieren.
Bis eines Herbsttages Jora vor der Tür steht, eine junge, rothaarige Frau, die sich mit dem Schweigen nicht zufriedengibt. Aber es ist gefährlich, Jora und ihre Suche nach Geschichten ins Haus zu lassen, denn auch sie könnte einfach wieder verschwinden.
Es gibt keine Wale im Wilmersee ist wieder eines dieser Bücher, deren Bewertung mir unglaublich schwer fällt. Vor Jahren ertrank die Schwester der Erzählerin im Wilmersee. Damals verlor letztere ihren Namen und die Familie brach auseinander. Nun leben die verbleibenden Geschwister alleine, die Eltern haben den Ort verlassen. Zwischen den Geschwistern wird wenig gesprochen, immer wieder verschwindet jemand. Dann taucht noch Jora auf, eine junge Frau, die von zuhause weggelaufen ist. Sie bringt Bewegung in die Geschwister und langsam beginnt die Erzählerin sich zu öffnen. Sprachlich fand ich die Geschichte wunderschön, sie hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Der Leser erfährt zunächst wenig von dem, was vorgefallen ist und kann sich nur langsam ein Bild machen. Am Anfang des Buchs fand ich das auch sehr gelungen, etwa zur Hälfte jedoch hätte ich oft gerne genauere Hintergründe gehabt und fand das Lesen teilweise etwas ermüdend. Auch die Passivität der Erzählerin war oft anstrengend. Erst auf den letzten Seiten konnte mich das Buch wieder richtig erreichen. Ich bin daher hin und her gerissen, wie ich es bewerten soll. Es ist aber alleine wegen der wunderbaren Sprache sehr lesenswert, sodass ich es empfehlen kann.
Eine tolle, poetische, ausdrucksstarke Sprache und eine ruhige, eindringliche Geschichte, die allerdings nicht viel Handlung beinhaltet. Es sind einige Fragen offen geblieben.
Ein Roman dessen Titel mich sehr neugierig gemacht hat, der Inhalt sowieso und diesmal muss ich unbedingt auch das Cover hervorheben. Denn das passt meiner Meinung nach auch gut zur Handlung. Allerdings konnte mich Laura Dürrschmidt dann leider nicht so recht überzeugen.
Vieles bleibt zu sehr in Andeutungen verhaftet und dadurch sehr wage. Man muss sich als Leser*in viel zu vieles selbst zusammenreimen. Oftmals wird Seitenweise erzählt, ohne wirklich etwas konkretes erzählt zu haben...
Das Schweigen das die Familie auseinander gerissen hat: Die eigentlichen Hintergründe liegen relativ schnell offen da, anderes ist aber so versteckt, das es schwer fällt dies im Text auszugraben. Das Problem dabei ist, das dieses nicht mit einander sprechen auch dazu führt, das die Hauptfigur auch nicht wirklich mit mir als Leserin kommuniziert hat. Es wird irgendwie ständig davon ausgegangen, man wisse ja, was gemeint ist oder kann schon alles irgendwie erraten. Aber eigentlich behalten die Figuren das meiste für sich. Nach einer Weile ging mir diese Sprachlosigkeit dann ehrlich gesagt ziemlich auf die Nerven. Die Figur Jora, ändert leider nicht einmal etwas daran, weil sie kaum an Profil gewinnt. Obwohl sie Potential gehabt hätte, die Anderen aus der Stille heraus zu holen. Selbst eine überraschende Wendung ändert nicht mehr viel daran, das einfach kaum etwas passiert und um ehrlich zu sein, die Handlung bei genauerer Betrachtung irgendwie banal wirkt. So schön die Sprache des Romans ist, für mich verdeckt diese nur mit Mühe die eher substanzlose Handlung. Und das weniger das man sich zusammen reimen kann, ist mir zu sehr in Richtung Holzhammermethode: Seehet, deshalb sprechen sie nicht miteinander... Kein Flop, kein Highlight. Irgendwo zwischen den Dingen befindet sich "Es gibt keine Wale im Wilmersee" und das spiegelt sich dann wohl auch in meiner Bewertung.
Sehr sehr schönes Buch über die Kunst des Vergessens. Mich hat es an vielen Stellen berührt, mich in die Welt der Protagonistin hineinzulesen. Es geht um den Umgang mit dem Verlust der Zwillingsschwester und damit der eigenen Identität. Das Ganze wird in Erzählungen eingebettet. Die sprachliche Ausdrucksweise in dem Buch wirkt bei mir sehr nach.
„Man kann eine Geschichte nur bis zu dem Punkt erzählen, an dem sich die Jetzts treffen, denke ich. Der Punkt, an dem die Realität des Erzählens und die Realität des Zuhörens sich unendlich annähern und annähernd berühren, bis zu diesem Punkt erzählt man eine Geschichte.“
Als sie 8 Jahre alt war, verlor die namenlose Ich-Erzählerin ihre Zwillingsschwester Alice. Das Eis auf dem Wilmersee war im damaligen Winter nicht dick genug und Alice war einfach eingebrochen. Seitdem ist nichts mehr wie es war und niemand spricht mehr in ihrer Familie. Alle vergessen. Die Erzählerin flüchtet sich in Erinnerungen bis eines Tages Jora vor ihrer Tür steht und sich dem Schweigen nicht hingeben möchte.
„Aber so kann ich das nicht erzählen, so würde ich nur tun, was meine Familie immer getan hat, nämlich Wahrheiten in Einmachgläser im Regal verstauben lassen. Und wenn man die Einmachgläser dann öffnet, viele Jahre später, dann sind die Wahrheiten kaum noch zu erkennen.“ – S. 7
Laura Dürrschmidts Debütroman erzählt eine tragische Familiengeschichte, die geprägt ist von Trauer und Schmerz. Es geht um einen Tod, der der Familie die Worte nahm und in der irgendwann alle verschwinden. Zurückgeblieben ist nur die Ich-Erzählerin, August und die große Schwester Ingrid und sie geben sich gegenseitig Halt. Das ganze Buch ist durchzogen von einer kaum in Worte zufassenden Melancholie und die Autorin schreibt sehr einfach, aber auch unheimlich poetisch, wortgewandt und bildhaft. An manchen Stellen erschien mir die Erzählung jedoch etwas repetitiv und handlungsarm. Zwischen den Zeilen bleibt vieles unausgesprochen und auch wenn die Formulierungen sicher bedacht so gewählt wurden, hätte ich es schön gefunden, wenn aus Andeutungen klare Gedanken geworden wären. Dadurch lässt das Buch den Lesenden aber auch sehr viel Raum für eigene Interpretationen. „Es gibt keine Wale im Wilmersee“ war für mich eine sehr besondere, aber auch kurzweilige Leseerfahrung. Für mich war es weder Flop noch absolutes Highlight, aber als irgendetwas dazwischen zeichnet sich das Buch vor allem durch die Sprachgewandtheit der Autorin aus und ist dafür allein schon lesenswert.
Ich habe ein Buch gesucht, das ich im Winter zu Hause bei meiner Familie lesen kann. Dieses Buch ist genau das. Der Titel und das Titelbild halten, was sie versprechen.
Ich bin vom Dorf in die Großstadt gezogen und manchmal sehne ich mich nach Heimat. Dieses Buch gibt mir das Gefühl davon. Es ist still, beschäftigt sich mit den Menschen, die einem nahestehen, mit Verlust, Streit, Kommunikation, Schweigen. Es ist sehr still und andächtig.
Wo vieles erst unverständlich oder verwirrend wirkt, verstecken sich Verhaltensmuster, die erst später aufgeklärt werden. Es ist wie neue Menschen kennenlernen, sich selbst kennenlernen, sich verlieren und neu wiederfinden.
Lesen fühlt sich an wie Wolken, die über den Himmel ziehen.
Ich habe bekommen, was ich gesucht habe. Ich möchte es nochmal lesen.
„aber ich hatte etwas begriffen. die leute werden immer wege finden, sich und ihre welt zu erzählen, und nach den wurzeln einiger geschichten muss man unendlich tief graben. und riskieren, etwas zu finden, das man vielleicht nicht finden wollte.“