Computer erobern die Kunst: Sie malen wie Rembrandt, komponieren wie Bach, sie schreiben Romane und Gedichte. Geht es nach den Digitalkonzernen, ist das erst der Anfang. Künstliche Kreativität heißt das neue Leitziel: Aus Maschinen sollen Künstler werden, so selbstbestimmt und geistvoll wie der Mensch. Hanno Rauterberg schildert in seinem Essay, mit welchem Nachdruck diese Kunst der Zukunft entwickelt wird. Und er fragt nach den Konsequenzen des bevorstehenden Epochenwandels: Wie wird sich das Selbstbild des Menschen verändern? Und was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie von Computern nicht nur Logik erwartet, sondern auch Metaphysik, Wahrheit und Transzendenz? Wird der Algorithmus zum neuen Schöpfergott – und Politik damit überflüssig?
Rauterberg hat wirklich nachgedacht. Er nimmt die Kunst der Zukunft, die künstlerische und die künstliche Intelligenz gleichermaßen ernst, ohne in Technopanik oder AI-Enthusiasmus zu verfallen. Der Stil ist angenehm essayistisch, andererseits aber vielleicht ein bisschen zu orakelig, zu sehr bemüht, im Schreiben über die Kunst selbst künstlerisch zu wirken.
Zum Inhalt (solide Zusammenfassung auch bei DLF Kultur ): Die Maschine kann vieles, vor allem aus unendlichen Datenmengen herausgreifen, zusammenfügen, korrigieren und präsentieren. Aber sie hat keine soziale Intelligenz, keine Biographizität (wenngleich Rauterberg diesen Aspekt nicht so sehr herausstellt), ihr wird nicht die "Offenheit des Undeterminierten" zuteil. Sie kann nicht lieben, hat keine Todesangst, keine eigenen Interessen und vor allem kein Interesse am anderen; also keine Neugier. Mit Picasso (aktuell übrigens empfehlenswert: Der geteilte Picasso) heißt es, der Computer kann nur Antworten geben, keine Fragen stellen. Eins muss man freilich hinzufügen, wie es auch Rauterberg gegen Ende andeutet: Wenn die künstlerische Maschine eine menschliche wird, kann sie immerhin den bis dahin vielleicht gottähnlich perfektionierten Menschen an sich und an sein früheres Selbst erinnern. Oder betrauern.
Rauterberg verbindet umfassende Kunstkenntnis mit tiefgreifender Lebensphilosophie und einschneidender Kulturkritik. Er kennt die relevanten Beispiele „künstlicher Kreativität”. Er arbeitet schön heraus (S. 43), dass auch die eigentlich dürftige (weil: abhängige) Kopierkunst des Computers im Lichte des gegenwärtigen Kunstverständnisses Bedeutung durch Deutung erlangen kann, dass oftmals erst die „Postproduktion” über das Ansehen eines Werkes entscheidet. Er zeigt, wie Computerkunst oft als Fortschreibung eines humanistischen Sozialkritikprogrammes auftritt und sich so effektiv als „Gegenbild zur digitalen Überwachungsstrategie chinesischen Zuschnitts” (S. 58) zu inszenieren weiß. Der Kunstcode will die Maschine humanisieren: „Täte er das nicht, verpanzerte er die Kunst gegen das Unfassliche des Todes und der Geburt, wäre das Ergebnis vorhersehbar steril und bestenfalls Design” (S. 60). Man kann daher AI-Kunst auch als demütigen Versuch lesen, die anvertraute Sorge um die Welt nun auf eigene Schöpfungen zu übertragen.
Auf diesem hohen Niveau bleibend wendet sich das Werk der Kulturwirtschaft und dem Kunstbetrieb zu. Um nur assoziativ gerafft zusammenzufassen: Die Kreativität des Künstlers befruchtet den Widerspruch, verbunden mit dem „expansiven[n], vereinnahmenden[n] Wesen” des Kunstbegriffs (S. 69) kommt es zu einer Funktionalisierung der Kreativität. In der neuen, digital-partizipativen Welt zählt nicht mehr das an, sondern das Originelle. Man könnte auch anders formulieren: Kunst muss möglichst anschlussfähig sein (aber musste Sie das nicht schon immer? Wen interessieren unoriginelle Originale, außer spleengeblendete Sammler und Archäologinnen?). Authentizität und Autonomie verlieren an Bedeutung. Autonomie ist Angesichts der Pluralisierung und Demokratisierung von Museen, „nur noch eine Idee unter vielen” (S. 89). Das Museum soll nicht mehr „Ort der Diskriminierung” (S. 90) sein, obwohl das doch seine originäre Aufgabe ist. Hier verwundert Rauterberg ein wenig, weil natürlich auch ein inklusives Museum diskriminierend wäre, bzw. sein muss, weil es selbst unter Zugrundelegung maximal gerecht verteilter Werkdarstellung typisierend oder repräsentativ unter den verfügbaren Artefakten auswählen muss (dann wäre ein Werk vielleicht zu verstehen wie der Repräsentant bestimmter Bürgerinteressen hinter Rawls "veil of ignorance"). In der Digitalmoderne hat die Maschine zwei Vorteile: Sie weiß alles (ich vermute: überwindet damit den vielleicht heftigsten Hemmschuh der humanities in the digital age: Sich in den Datenmassen nicht mehr auszukennen, ja nicht einmal mehr genügend Spezialist*Innen so zusammenbringen zu können, dass man noch verständlich mit einander zu sprechen vermag) und kann genau das, was ohnehin nur noch gefragt ist: Mit Kunst Kunst abzubilden. Der Traum der Digitalmoderne ist vor allem „Hybridisierung” bzw. De-Intermediarisierung (S. 97) oder Entgrenzung. Nach diesen erbaulichen Zwischenausführungen eine wirklich nachdenklich machende Stelle. Rauterberg zitiert den Bericht des Künstlers Jake Elwes, demzufolge sein Algorithmus (ein weiteres Beispiel sei GPT-3) „nach einer noumenalen Welt greift”. Aber ist nicht da jedenfalls unsere kulturelle Seele beheimatet? Rauterbergs Textproduktion fährt fort: Werke einer kreativen Maschine sind „Fossilien der Zukunft”. Vom technischen Wunsch, den Geist als Maschine sehend Gründe, Grenzen und Funktionsweisen der Kreativität zu mathematisieren ausgehend erinnert der Autor eindringlich an die Maschinenkunst des Futurismus. Alles irgendwie schonmal da gewesen, eine klassische Kunsterfahrung. Es schließt sich eine ebenfalls allbekannte Kritik am Technopaternalismus an. Abermals wird erinnert: Kunstbewertung ist Setzung, wenn die Maschinenkunst als überlegen gilt, dann weil wir als Menschen es wollen. Rauterbach bespricht immersive Kunstinstallationen und schwingt sich wieder zu erfreulichen Formulierungshöhen: „Sich dieser digitalen Absolutheit, die Weite meint und sich zugleich als Enge erweist, entziehen zu wollen, das gliche der Kunst, in einem Traum zu träumen”. Inception als Ausweg? Das Berechnen und Berechnetwerden wird nun anschmiegsam, nicht mehr übergriffig, der „menschliche Eigenwille [steht] nicht länger quer zum Lauf der Geschichte” (S. 149). Kybernetik und Teilhard de Chardin treten auf, der Traum vom kollektiven Bewusstsein. Natur wird technisiert (Chiasmus: Stilmittel statt Erklärung?), Technik naturalisiert, Kunst versöhnt zuletzt.
Zum Ende hin wird es nochmals spannend, auch demokratietheoretisch: Die offene Gesellschaft braucht ein Bewusstsein willentlicher Gestaltbarkeit der Zukunft. Kunst entsteht hier nicht per Dekret, sondern per Diskurs. Sie kann nur emanzipatorisch wirken, wenn es überhaupt Verborgenes gibt, dass sichtbar zu machen wäre – also eine Öffentlichkeit, also Grenzen des Gesetzes und der Gesellschaft. Es braucht Mündigkeit und Unabsehbarkeit, keine berechnende Allüberwachung. „Verpflichtende Selbstmedialisierung” (S. 169) schadet immens, Freiheit wird mehr und mehr „verzweckt” (S. 170). Etwas verrätselt mutmaßt Rauterberg, dass der von der Maschine nicht mehr zu trennende künftige Mensch „sich selber heilig” (S. 186) wird, unantastbar, nicht länger sinnbedürftig. Die kreative Maschine „erzeugt Immanenz und Transzendenz zugleich” (S. 187), „schenkt der Gegenwart ein Leben in der Fiktion”, obwohl sie selbst noch Fantasie ist. Mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist der Mensch nun „Zwischenwirt eines die Vernunft übersteigenden Prinzips, eben einer Kunst der Zukunft, in der sich die Kunst selbst generieren wird.” (S. 188).
Dann geht es um alles, die Finalakkorde erklingen: Wenn Gott als Meisterkünstler gelten konnte, will der Mensch also die Maschine zum Gottgenie werden lassen, überdauernde, ewige Kunst schaffen. Und dieser Mensch braucht „Befähigung zur Selbstüberrraschung”, die Entwicklung im Leben die Angst vor dem Tod. Und (letzter Chiasmus): Kunst muss für das Unprogrammierte einstehen, denn „in einer durchrationalisierten Welt wird sie kein Mittel zum Zweck sein, sondern die Zwecklosigkeit selbst zum Mittel erheben” (S. 195).
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Was bleibt? In seiner Digitalisierungskritik hat Rauterberg Recht. Am Ende wird uns nur der kulturelle Speziesismus bleiben, die offensive Aufwertung des Eigenen als Vorwärtsverteidigung. Wenn das nicht gelingt, ist Michel Foucaults Wort das letzte: Der Mensch wird verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Bis dahin müssen wir nachdenken, mit Rauterberg und all den anderen. Sein Werk ist wichtig, wenngleich für den letzten Stern ein bisschen zu unscharf. Vielleicht, weil wir insgesamt noch zu wenig wissen. Vielleicht aber auch, weil selbst die digitale Zukunft nicht ganz vorhersehbar sein darf. Sonst wäre ja schon alles gesagt.