Faulheit mag eine Charaktereigenschaft sein, aber sie ist auch ein Zustand. Sie passiert nicht einfach so, oft muss man sie planen, und gerade in der Literatur wird sie nachgerade zelebriert. Aber beileibe nicht immer zum Besten der faulen Figuren. Warum gilt die Faulheit als Laster, gar als Todsünde, wo sie doch nachweislich auch Gutes bewirkt? Jedenfalls verträgt die Faulheit sich nicht mit dem Schreiben.Die Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Essayistin Daniela Strigl nimmt uns trotz und wegen persönlicher Tendenz zum Faulsein mit zu ihren wortgewandten, amüsanten und überraschenden Gedankenspielen über die Faulheit in Literatur und Leben.
Die Leseprobe hat mir sehr gut gefallen, weil es darin um Daniela Strigl selbst ging. Danach ist es ein Buch der Bauart "ich habe Zitate aus Literatur und Geschichte über Faulheit zusammengetragen und Überleitungen zwischen diesen Fundstücken geschrieben". Erstaunlich kurz ist es außerdem. Eine Viertelstunde nach dem Kauf (€8,99!) war ich fertig. Das ist geradezu vorbildlich faul und es tut mir nicht leid, darauf hereingefallen zu sein.
Das Buch ist Programm und schon in seinem Auftritt findet sich der Titel wieder. So schmal wie eine CD-Hülle, lediglich 54 Seiten und die mit weit auseinandergezogenen Wortgruppen und eineinhalbzeilig befüllt. Gedanken über die Faulheit d a r f einfach kein Buch mit fünfhundert Seiten sein, das ist klar. Die Daniela Strigl streift leichtfüßig (weil sie so einen wunderbaren Schreibstil pflegt) durch die Geschichte des Fleißes, der Arbeit, der Muße und der Faulheit. Wortherkunft, literarische Beispiele, Zitate machen diesen Buchfunken zum Lesevergnügen. Und es lässt sich leicht nocheinmal zur Hand nehmen und darin zu schmökern.
Angefangen damit, dass die Autorin über sich selber sagt: „Ich wäre gern faul, aber ich komme nicht dazu“ handelt das Buch von der Bergpredigt und was auch immer, aber nicht von Faulheit und Gedankenspielen.
Das Buch scheint zu einer 'Schreibwerkstatt' zu gehören: "Gedankenspiele über xyz".
Daniela Strigl beleuchtet hier die Faulheit von vielen verschiedenen Seiten, ganz besonders aber von der literarischen. Dabei verflicht sie gekonnt Persönliches mit Beispielen aus der Weltliteratur.
Ausgehend von einer Abgrenzung der Faulheit vom Müßiggang und der Muße, dem "kulturell anerkannten guten Gegenstück zur Faulheit" (S.11) führt sie uns in die Welt von Ilja Iljitsch Oblomow, dessen Faulheit (Oblomowerei) sie anschaulich beleuchtet. Dann geht es weiter via Bibel und Houellebecq, in dessen Büchern "auffallend viel" nichts getan wird (S.24), zu einer recht amüsant beschriebenen "Hierarchie der Faulheiten" (S.28) aus ihrem eigenen Leben, in der man sich als Leserin/Leser rasch mal ertappt fühlt, wenn man selber auch schon unliebsame Dinge vor sich hergeschoben hat. Weiter geht's von Pippi Langstrumpf zum Schlaraffenland, wo dem süßen Nichtstun gehuldigt wird. Strigl stellt hier das sorglose Leben der "Betriebsamkeit des modernen Zeitgenossen" (S.39) gegenüber und führt dann aus, wie Faulheit "eine Form der Freiheit" (S.44) sein kann, indem sie Kreativität und Denken ermöglicht. Sie beschließt das Büchlein mit einigen Gedanken zur Faulheit als "ein Menschenrecht?", indem sie calvinistische Arbeitsmoral und heutige Diskussionen zur Arbeitzeit und bedingungslosem Grundeinkommen aufgreift. Dabei weist sie auf die historische Entwicklung der Industrialisierung und der Arbeitszeitbestimmungen hin, schreibt über Arbeit als "Disziplinierung der Massen" (S.51) und belegt durch zahlreiche treffende Zitate auch ein Lob der Faulheit bzw. ein Wunschdenken von einem arbeitsfreieren Leben. Ihr Tonfall zeugt von einer Sympathie gegenüber solch einer kommoderen Gesellschaft, die sie im letzten Satz auf äußerst sympathische Weise eingesteht.
Das alles liest sich sehr angenehm, als einziges kleines Manko würde ich hier nur anmerken, dass die Autorin den Rahmen des Literarischen selten verlässt. So wäre beispielsweise noch interessant gewesen, ob uns Faulheit aus medizinischer Sicht gut tut oder nicht, oder wie es sich mit der heutzutage vielbeschworenen Entschleunigung verhält, die man wohl auch als Vorstufe zur Faulheit ausmachen könnte.