Die ländliche Schweiz im frühen 20. Jahrhundert, an der Schwelle zur Moderne: In seinem kunstvoll komponierten Roman erzählt Flavio Steimann vom Schicksal zweier Menschen, die ihren Verhältnissen nicht entkommen konnten, obwohl ein bescheidenes Glück zum Greifen nah schien - inspiriert von einem realen Verbrechen aus dem Jahr 1914.
Wer Flavio Steimann "Bajass" kennt, weiß um die besondere Sprache, die diesen Schweizer Schriftsteller kennzeichnet. Und das ist keineswegs nur auf sprachliche Schweizer Eigenarten zurückzuführen - archaisch, unheilvoll, teils aber doch nur gekünstelt, mutet diese Schreibweise an. Und wie auch in "Bajass" liegt diesem neuen Roman auch ein tatsächlicher Kriminalfall aus dem Jahr 1914 zugrunde, der sich in einem Gehölz bei Krumbach im Kanton Luzern ereignet hat. Es geht also in die ländliche Schweiz, grobe, schlichte Menschen fristen dort ein kärgliches Leben, ein Kind wird geboren, zerzaust, durchscheinend, schwächlich – ein Kümmerling, noch dazu taubstumm. Die Mutter stirbt bei der Geburt. Das Kind, ein Mädchen, wächst in einer "Armen- und Idiotenanstalt" auf, hier ist man nicht zimperlich und es gilt reichlich Gewalt und Torturen auszustehen. Die dumpfe, urwüchsige, oft verdrechselte Sprache Steimanns unterstreicht das Grauen. Allerdings passt das für mich nicht so recht zu der ländlichen Kargheit und Strenge der Umgebung und – ich will ehrlich sein - behindert in seiner Künstlichkeit oftmals den Lesefluss und verhindert tiefergehende Empathie mit der Protagonistin. Diese wächst inzwischen zu einer schönen jungen Frau heran und findet Arbeit in einer Textilfabrik, doch sie erkrankt und wird aufs Land zur Erholung geschickt. Dort begegnet ihr Zenz, ein verwahrloster Mann, der sich mit Mühe und ohne Ziel durch sein verkorkstes Leben quält. Die zweite Hälfte des Romans beschäftigt sich dann mit diesem Schicksal. Leider – ich konnte zum Roman und zu beiden Protagonisten keine rechte Beziehung aufbauen und so für mich nicht viel aus der Lektüre gewinnen. Bei Lesern, die besser mit Sprache und Konstrukt dieses Romans umgehen können, mag es anders sein.