Gerade vierzig geworden, kümmert sich die Richterin Saskia in Elternzeit um ihre beiden Söhne, während ihr Mann Christian zwischen dem Heimatort in der norddeutschen Provinz und einer Kanzlei in Hamburg pendelt. Da bringt ein geplanter Windpark vor ihrer Haustür Saskias geordnetes Leben ins Wanken.Als sie sich in einer Bürgerinitiative engagiert, schenkt ihr Joachim von Wedekamp besondere Aufmerksamkeit. Sie gerät in seinen konservativen Zirkel und erlebt beunruhigt, dass sich hinter dessen Widerstand gegen den Windpark eine viel grundsätzlichere Kritik an der heutigen Gesellschaft, der Zuwanderung, dem Wertewandel verbirgt. Wedekamp steht mit seiner väterlich-höflichen Art im Kontrast zu ihrem eigenen Vater, dem Alt-68er Hans, den sie liebt und der ihr doch oft peinlich ist. Bei ihm sind Saskia und ihre kleine, chaotische Schwester Sophie in bunten WGs aufgewachsen, nachdem die Mutter die Familie verlassen hatte. Als Jurist durchaus erfolgreich, hat er sich dennoch seine wütende Kritik an der grassierenden Ungleichheit, am globalen Kapitalismus und der Konsumgesellschaft bewahrt, ist so unkonventionell wie eh und je und schont auch keine Verwandten. In ihrem feinfühligen Debütroman erzählt Nicola Kabel eine berührende Vater-Tochter-Geschichte, die zugleich den Finger in die Wunden legt, die die Zerreißproben der Gegenwart uns zufügen.
Das Buch ist flott zu lesen, oft mit leichter Belustigung bei der evtl. sich einstellenden eigenen Reflexion (was möchten doch die erwachsenen Kinder bei der Erziehung ihrer Kinder wiederum nicht alles besser und anders machen ;-)) Hochaktuelle Themen Wandel, der Klimawandel und das wie- damit- Umgehen, der Wandel unserer gesellschaftlichen Werte. Die Entwicklung der Protagonistin Saskia, deren Kinder- und Jugendzeit, erfährt man im Rückblick. Ein Aufwachsen mit Eltern, die versuchen ihren Traum zu leben, das Lebensgefühl der Flower-Power-Zeit, mit der Ablehnung von bürgerlichen Wertvorstellungen und Zwängen, antiautoritär und antihierarchisch. Saskia und ihre Schwester Sophie, leben in einer Kommune bei Gorleben, die die Mutter irgendwann verlässt. Die Geschwister werden von Hans oft weitergereicht an andere Kommunen-Mitglieder, von denen sich die warmherzigen Bezugspersonen (Georg und Ruth) später für das sogenannte bürgerliche Leben, das verachtete Family-Glück entscheiden. Es bleiben als Familienverband nur die Großeltern, Saskia die Wut und Enttäuschung auf den Vater, der die Kinder abschiebt. Sie möchte in der Erziehung, dem Aufwachsen ihrer Kinder nicht diese Fehler machen, Kontrolle und Ordnung sind ihr sehr wichtig. Nicht hineinpassend, ohne Zusammenhang, erscheint die Szene der Fast-Affäre mit dem Nachbarn Markus, (Klischee liebenswerter Lebenskünstler). Der Vater Hans ist trotz seiner Vorstellungen, Überzeugungen und Grundsätzen in der 68-er Bewegung ein erfolgreicher Jurist, zwischenzeitlich gut etabliert. Seine Widerstände gegen Spießigkeit und kleinbürgerlicher Zwänge demonstriert er nur im Fehlen der Krawatte, zweier offenstehender Hemdsknöpfe und dem mittlerweile graugewordenen Pferdeschwanz. #109 „Plötzlich verdiente Hans Geld, etwas mehr als 40 Jahre alt. Erstmals bügelte der Hemden. Er reihte sich ein in die Herde: morgens im Anzug raus aus der U-Bahn…“ Besonders berührend ist die Not von Sas, die nach dem Weggang der Mutter die Fürsorgerolle dieser übernimmt: Das Pausenbrot für die kleine quirlige Schwester, ebenso wie Abwasch, Wäschewaschen etc.. Ebenso ihre Fluchten und Auswege um ihren Altersgenossen vorzuspielen, dass sie dazugehört. Sie will nicht die Außenseiterin sein, kauft sich heimlich zum Beweis selbst Weihnachtsgeschenke, deren Finanzierung sie ebenfalls organisieren muss, da zuhause kein Weihnachtsfest gefeiert wird. #85 „Dabei hatte Saskia gar nicht gelernt, wie Weihnachten geht. Mal feierten die Frauen in dem großen, gelben Haus Wintersonnenwende.“
Einen bitteren Geschmack fühlt man ebenfalls als Hans der Ex- 68er, erkennt, dass er ohne seine Familie, die Kinder, die er nicht wollte, an Weihnachten einsam dasteht, nicht weiß wohin, was tun. Erschreckend, wie wenig die einzelnen Familienmitglieder voneinander wissen, bis zum Ende.
Sehr stimmig der Titel: " kleine Freiheit" – Jeder nimmt sich nur seine „kleinen Freiheiten?“
Manchmal ist es gar nicht so einfach, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Einen anderen Weg einzuschlagen, als den, den die eigenen Eltern gegangen sind. Woran orientiert man sich? An das freiheitliche Denken, die grenzenlose Liebe oder stülpt man sich doch den Mantel der Struktur über? Ein geregeltes Leben für Mann, Kinder und für sich selbst natürlich auch. Wie geht man um mit der Familie, mit dem Vater?
Nicola Kabel hat mich mit KLEINE FREIHEIT sehr beeindruckt. Nicht nur, dass dieses Buch es geschafft hat, mich aus meiner Leseflaute zu holen. Nein! Es brachte mich dazu, ohne Pause zu lesen. Bis zur letzten Seite! Gestern Abend habe ich das Buch beendet und meine Gedanken drehen sich immer noch um das Buch, um die Geschichte von Saskia.
Saskia, die schon von klein auf viel Liebe erlebte, aber irgendwann auch mit Verlusten, Veränderungen und einem unsteten Leben klar kommen musste. Aus dem neugierigen Mädchen wurde eine verschlossenen, sich selbst kontrollierende Frau, die nach Außen hin, alles perfekt, klar strukturiert, spießig und möglichst unauffällig gestaltet. Die Beziehung zu ihrem Vater leidet. Denn er ist immer noch ein Alt-Hippie, ein Alt-68er, der sich für Unrecht einsetzt und ein Leben ohne große Pläne und Ziele führt.
Mühelos wechselt die Autorin von der Gegenwart in die Vergangenheit. Rückblicke verschwimmen mit den Erzählungen aus dem Jetzt. Fäden spinnen sich zusammen. Seite für Seite wird einem klar, was geschehen ist. Warum die Menschen im Buch sind wie sie sind... Ohne kitschiges Geplänkel aber doch gefühlvoll erzählt Nikola Kabel die Geschichte. Eine schöne, angenehme und langanhaltende Melancholie schwebt beim Lesen mit. Auch die authentischen Figuren machen das Buch zu einem Lesegenuss.
KLEINE FREIHEIT von @c.h.beckliteratur ist für mich ein lohnenswertes und sehr intensives Leseerlebnis. Klare Empfehlung!!