Diesen »Schmutzigen Donnerstag« wird die 16-jährige Annamaria niemals vergessen: Ein harmloser Faschingsbrauch wird dem jungen Mädchen zum Verhängnis. Doch was Annamaria – die nach dem frühen Tod der Eltern bei einer nachlässigen und lieblosen Pflegemutter lebt – passiert ist, will keiner glauben. Ihr Schicksal scheint sich zu wenden, als sie im »Haus der glücklichen Familie« aufgenommen wird. Sie schöpft neue Hoffnung, denn vom Leben in dieser Bilderbuchfamilie hat sie immer geträumt. Dort herrscht Übermutter Liane, die alles perfekt im Griff zu haben scheint, strenge Regeln vorgibt und eine Karriere als Erziehungsberaterin macht. Doch ist Lianes Familienleben wirklich so makellos?
Liane arbeitet Ende der sechziger Jahre in einem Kindergarten, als sie in ihrer Mittagspause einen Medizinstudenten sieht. Sie weiß, ihn will sie haben und sie setzt in den folgenden Wochen alles daran, ihn auch zu bekommen. Das ist gar nicht so einfach, den Carl lebt in einer Kommune und hält von festen Bindungen nicht unbedingt viel. Liane muss alle Register ziehen. Jahre später ist sie mit Carl verheiratet, hat fünf Kinder und ist Kindertherapeutin. Da nimmt sie die siebzehnjährige Annamaria auf, unehelich schwanger und selbst ohne Eltern. Die glaubt, ein Traum wird wahr, immerhin darf sie bei DER Vorzeigefamilie schlechthin leben. Oder ist auch bei Liane alles gar nicht so rosig? In der Gegenwart blickt Liane auf ein erfolgreiches Leben zurück und ist noch längst nicht fertig damit. Doch irgendwer scheint es auf sie abgesehen zu haben und all ihre Tricks zu kennen. Die beiden Protagonistinnen sind nicht nur vom ersten Moment an zutiefst unterschiedlich. Sie bleiben es auch. Während Liane offensichtlich Narzisstin ist, ist Annamaria in ihrer Opferrolle gefangen. Die Gegensätze sind mir persönlich zu offensichtlich. Es bleibt wenig Spielraum, beim Lesen zu rätseln und zu reflektieren. Allein Lianes Überzeugung, stets das Richtige zu tun, lässt sie dominant bleiben, auch als bereits alles um sie herum bröckelt. Nein, warm wurde ich mit den beiden wirklich nicht, auch wenn ihre Geschichte durchaus lesenswert ist. Gleichzeitig fehlen mir die Konsequenzen, zumindest für die offensichtlichen Straftaten, die begangen werden. Annamarias Vergewaltiger wird enttarnt, doch selbst für sie bleibt seine Tat gegenüber Lianes nebensächlich und so gerät das komplett in Vergessenheit. Auch die vielen Details und Mechanismen, die die geheimnisvolle Person kennen und in Gang setzten muss, um Lianes Leben am Ende nach und nach zu zerlegen, bleiben Leerstellen. Nur das Wissen um ihre gesammelten Taten zu haben, reicht nicht, um derart effektiv agieren zu können. Eine eindeutige Lücke, mit der ich immer noch nicht zufrieden bin. Das Nachtfräuleinspiel ist ein interessantes Buch mit allerlei psychologischen Feinheiten. Rund geworden ist es am Ende für mich nicht, auch die beiden Frauenfiguren im Zentrum sind mir zu eindimensional. Außerdem fehlt der Hinweis, dass im Buch (psychische) Gewalt und Vergewaltigung auftauchen. Im Ganzen lesenswert finde ich es aber durchaus, da viele Erziehungsstrukturen und Selbstlügen aufgezeigt und auseinandergenommen werden.
Der schöne Schein Zum Anfang fand ich die schöne charmante Liane ganz sympathisch. Das lies dann stark nach. Der Roman spielt auf 3 Zeitebnen 1968er 1980er und 2017. Er ist spannend, aber ein bißchen zu lange Handlung. Einige Überraschungen. Ein bißchen zu viel Genre "Frauenroman" Zum Glück nicht blauäugig. Kritik an der damals modernen Psychotherapie Methode Rolfing aus Amerika wird geübt, ist vielleicht ein Beispiel dafür nicht alle Moden mitzumachen. Sehr unheimlich die Zwischentexte der Nachtfräulein. Minus Ein Gewalttäter kommt davon, schade.
Da hat ja ein richtiges Schätzchen viel zu lange unerkannt auf meinem SuB geschlummert... Ein wirklich spannendes und abgründiges Leseerlebnis mit einer Protagonistin, die dermaßen berechnend und manipulativ agiert, dass ich mehr als einmal sprachlos war.
Liane kann auf eine lange Karriere als Erziehungstherapeutin zurückblicken. Sie ist eine Person des öffentlichen Lebens, die nicht nur zahlreiche Bücher geschrieben hat, sondern auch Star des erfolgreichen Fernsehformats „Die Familienretterin“ ist. Die Geschichte, die sich in Anja Jonuleits Roman „Das Nachtfräuleinspiel“ nach und nach entwickelt, zeigt uns, dass sich auch hinter der perfektesten Fassade Abgründe verbergen können. Wir begleiten Lianes Weg ab den 60er Jahren, mit dem Hauptfokus auf den 80ern. Schon in jungem Alter zeigt Liane Zeichen von Empathielosigkeit. Sie wird Erzieherin, obwohl sie Kinder nicht einmal besonders mag. Die einzige Person, die ihr Emotionen entlockt, ist der Student Carl. Sie sieht ihn auf der Straße und noch bevor sie ein einziges Wort mit ihm gesprochen hat, entwickelt sie eine Obsession, die man nur als Stalking und krankhaft bezeichnen kann. Liane ist eine Narzisst, der teilweise schon psychopathische Züge aufweist. Zusammen mit Carl gibt sie ein Paar ab, dass man nur mit Kopfschütteln und Befremden beobachten kann. Anja Jonuleits Roman ist vollgepackt mit verschiedenen Themen. Liane, ungewollte Schwangerschaft einer Minderjährigen, Faschingsbräuche, Waldorfschule, extreme Erziehungs- und Ernährungsmethoden... Das namensgebende Nachtfräuleinspiel hat ebenfalls eine zentrale Rolle. Für mich war dieser Brauch komplett neu. Ich kenne nur die farbenfrohen, lustigen Karnevalszüge. Was sich in dieser schwäbischen Gemeinde zur Fastnacht abspielt, gleich mehr einem Szenario aus einem Horrorfilm.
Wie auch schon bei „Die Rabenfrauen“ fesselte mich auch dieser Roman von Anja Jonuleit mit Themen, die so in dieser Form in noch keinem Roman, den ich gelesen habe, vorkamen. Man klebt förmlich an den Seiten, obwohl die Abgründe, die sich hier auftun so schrecklich sind, dass man eigentlich gar nicht hinschauen möchte. Insbesondere schockierte es mich, dass viele Sachen, wie zum Beispiel die angesprochene Festhaltetherapie, tatsächlich praktiziert wurden. „Das Nachfräuleinspiel“ ist spannend wie ein Thriller und bekommt von mir 5 Sterne.
Das Buch ist nicht ohne, es hat Gefühle wo keine vorhanden sind. Es packt einen förmlich und lässt nicht wieder so schnell los.
Die junge Liane weiß schon früh was Sie will und dafür geht Sie sprichwörtlich auch über Leichen. In ihrer Jugendzeit lebt Sie in einer Kommune, das Mädchen Katharina versucht eine Freundschaft zu ihr aufzubauen. Katharina im Glauben eine Freundin gefunden zu haben, erzählt und zeigt Liane, dass sich den jungen Carl ganz gut findet. Aber bevor Katharina auch nur die Chance bekommt, hat sich Liane an Carl ran gemacht… Jahre später ist Carl ihr Ehemann und Liane eine Karrierefrau, die alles voll im Griff hat darunter ihre Kinder, ihren Mann und ihren Job.
Dann kommt das Pflegekind Annamaria zu Liane in die Familie, ein Mädchen was eigentlich ein behütetest zu Hause hatte und nachdem Tod ihrer Eltern eher in schlechte Pflegefamilien kam und dadurch sich immer mehr vernachlässigt fühlt. Annamaria ist aber trotz allem ein Mädchen mit großem Herz und viel Mitgefühl für ihre Mitmenschen. Als es bei Liane in die Familie kommt, glaubt es zu Anfang hier könnt alles besser werden. Aber die Rechnung hat Sie ohne Liane gemacht, denn Sie weiß ganz genau wie Sie alle unter Kontrolle hält und da ist ihr jedes Mittel Recht.
Liane übt heftigen psychische Gewalt auf ihre Kinder aus, damit diese parieren und das versucht Sie auch bei Annamaria, was anfangs erstmal klappt und nach und nach ablässt da Annamaria langsam hinter Lianes Gefühlswelt blickt.
Das Buch hat mich sehr mitgenommen, denn ich arbeite mit Kindern die aus „sozialen“ Problemfamilien jegliche Art kommen und kann gut nachvollziehen was die Kinder dort bei Liane durchgemacht haben. Man muss an einigen Stellen sehr Schlucken, aber es ist sehr fesselnd geschrieben und berührt einen in jeder Form.
Viel spannender als gedacht. Die Auflösung überrascht nicht so sehr, aber die Entwicklung der Hintergründe der Figuren fand ich sehr fesselnd geschrieben.