In "Das Jahr ohne Worte" verarbeitet Syd Atlas einen Abschnitt in ihrem Leben, der sie für immer verändert hat. Alles begann an einem Nachmittag in einem Café. Dort trifft sie Theo und beide merken schon bei dieser ersten Begegnung, dass ihre Liebe anders ist, dass man so etwas wie ihre Verbindung nur einmal im Leben findet. Sie durchleben viele glückliche Jahre zusammen, ziehen Syds Sohn aus erster Ehe auf und bekommen noch ein zweites Kind. Alles schien perfekt - bis ihr glückliches Leben vom einen auf den anderen Tag wie eine Seifenblase zerplatzte. Denn Theo bekommt eine niederschmetternde Diagnose: er leidet an ALS. Monate voller Leid und Kämpfe beginnen und Syd unterstützt ihren Mann mit aller Kraft. Bis zu einem verhängnisvollen Moment, der ihr Leben aufs neue ins Wanken bringt...
Nicht oft nimmt mich ein Buch so emotional mit wie "Das Jahr ohne Worte". Was Syd, ihr Mann Theo, aber auch ihre beiden Kinder alles aushalten mussten, ist für mich fast unvorstellbar. Ich hatte mich vor der Lektüre wenig mit der Krankheit ALS beschäftigt, das hat sich aber durch das Buch geändert. Ganz kurz für alle, die mit dem Begriff vielleicht nicht viel anfangen können: ALS ist eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Aufmerksamkeit bekam die Krankheit vor allem durch Stephen Hawking aber auch durch die ALS Ice Bucket Challenge im Sommer 2014. Die Krankheit kann sich verschieden ausprägen, bei Syds Mann kam es aber vermehrt zu Muskelschwäche und Muskelschwund. Theo litt zunächst unter Sprachstörungen, nach und nach wurden aber so gut wie alle Muskelgruppen von der Krankheit "befallen", die zu einem täglichen Leben dazu gehören. Zu lesen, wie dieser starke Mann immer weiter zusammenschrumpft, immer weiter eingeschränkt wird, immer mehr die Beherrschung über seinen eigenen Körper verliert, war einfach nur traurig und zermürbend. Gleichzeitig habe ich einen riesengroßen Respekt vor der Autorin, die sich wirklich aufopferungsvoll um ihren Mann gekümmert hat - und dafür nicht immer nur Lob kassierte.
Syd Atlas gewährt mit ihrem Buch einen eindrucksvollen und extrem berührenden Einblick in ihr Innenleben während der Erkrankung ihres Mannes, schildert aber auch im Kontrast dazu die Zeit vor der Krankheit. Sie berichtet vom Unglauben und Nicht-wahr-haben-wollen nach der ersten Diagnose, von der Hoffnung auf Heilung und den damit verbundenen unzähligen Reisen und Therapieversuchen und der darauf folgenden Ernüchterung und Akzeptanz, dass ALS tatsächlich unheilbar ist. Ich hatte während dem Lesen einen großen Kloß im Hals und fühlte sehr mit der Autorin mit. Zu sagen, dass ich mich in ihre Lage versetzen konnte, wäre aber vermessen.
Die Wendung gegen Ende des Buches hat mich dann nochmals besonders schockiert. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ein Mensch so viel aushalten muss und das Schicksal so zuschlagen kann. Und auch hier möchte ich mich nochmals vor Syd Atlas verbeugen, die so viel Stärke bewies.
"Das Jahr ohne Worte" ist nicht nur inhaltlich berührend, sondern noch dazu wirklich toll geschrieben. Syd Atlas transportiert ihre eigenen Emotionen mit den perfekten Worten zu den Leser*innen. Für mich wohl eines der emotionalsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe und eine große Empfehlung, wobei man "Das Jahr ohne Worte" wohl nicht in jeder Lebenslage lesen sollte/kann.