Meine Meinung
Ich habe dieses Buch von einer Bekannten geschenkt bekommen, von mir aus hätte ich es wohl nicht als Lektüre gewählt. Weil es jedoch nie schaden kann, den eigenen Lesehorizont ein bisschen zu erweitern, habe ich mich dazu entschlossen, dem Roman eine Chance zu geben.
Der Einstieg ist mir dann aber recht schwer gefallen, da ich den ungewöhnlichen Schreibstil des Autors extrem gewöhnungsbedürftig fand. Weins schreibt in sehr kurzen, einfachen Sätzen, z.B. "Ich sitze neben meiner Mutter im Auto. Ich sitze auf dem Beifahrersitz. Wir hören Musik. Meine Mutter hat eine Kassette eingelegt." (S. 10). Diesen Stil zu wählen, um die Sicht eines Kindes besser darstellen zu können, ist an sich ja logisch und sogar ziemlich innovativ, allerdings wirkt Protagonist Jonas dadurch ein bisschen… langsam. Ganz zu schweigen davon, dass angesichts dieser abgehackten, stakkatoartigen Sätze zumindest zu Beginn von einem "Lesefluss" keine Rede sein konnte.
Nach ein paar Kapiteln hatte ich mich dann allerdings eingelesen und gerade in emotionalen Szenen trägt der Stil tatsächlich dazu bei, dass man sich dem Protagonisten nahefühlt und mit ihm mitleidet. Faszinierend fand ich außerdem, wie der Autor die Grenzen zwischen Realität und Traum sowie Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen lässt, und den Leser teilweise bewusst im Unklaren darüber lässt, welcher Kategorie eine Passage zuzuordnen ist.
Der Klappentext der Geschichte hat mich, wenn auch nicht komplett begeistert, auf jeden Fall neugierig gemacht. Psychische Krankheiten sind in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, daher finde ich es gut und wichtig, dass sich Autoren in ihren Romanen damit auseinandersetzen. Der Spannungsaufbau gelingt zu Beginn auch wirklich gut, Jonas' Gefühle, während er mitansehen muss, wie seine Mutter den Bezug zur Realität immer mehr verliert, werden wirklich eindrücklich und anschaulich vermittelt.
Ab dem Zeitpunkt, wo seine Mutter ins Krankenhaus Ochsenzoll eingeliefert wird, hatte ich jedoch das Gefühl, dass sich die Geschichte ein bisschen verliert, als wüsste der Autor selbst nicht so recht, wie es weitergehen soll. Nach den intensiven und beklemmenden ersten hundert Seiten dümpelt der zweite Teil ein bisschen ratlos vor sich hin und die Handlung wird nicht zu einem befriedigenden Ende gebracht. Allgemein hat mir der Schluss nicht so gut gefallen, es bleiben viel zu viele Fragen offen und die Geschichte bricht sehr abrupt ab.
Die Tatsache, dass dieser Roman aus der Kindersicht erzählt wird, macht definitiv seinen besonderen Reiz aus, bringt aber auch ein paar Herausforderungen mit sich. Ich-Erzähler Jonas Fink war mir jedenfalls von Anfang an sympathisch, er beschreibt den allmählichen Realitätsverlust seiner Mutter so anrührend, dass man gar nicht anders kann als ihn zu mögen. Insgesamt konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen und seine Gefühl und Handlungen nachvollziehen. Dass er, wahrscheinlich durch den Schreibstil bedingt, ein bisschen einfältig rüberkommt, ist auch schon mein einziger Kritikpunkt.
Fazit
Mit dem ungewöhnlichen Schreibstil konnte ich mich erst nach ein paar Kapiteln anfreunden, die Story beginnt dagegen stark und lässt dann stark nach. Mein Urteil zum Roman fällt daher eher mittelmäßig aus- selbst der sympathische, wenn auch etwas einfältig wirkende Protagonist Jonas kann da nichts mehr retten.