Eine betagte Mutter beobachtet nach einem Sturz bei sich zu Hause die Unruhe ihrer einzigen Tochter, die sich von ihrer Arbeit herbemüht hat, um ihr beizustehen. Ein nicht mehr junger Mann sitzt frühmorgens an seinem Arbeitstisch und schickt sich an, seiner Frau die Gründe für seinen endgültigen Abschied von ihr und ihren gemeinsamen Kindern darzulegen. Eingeleitet und damit in die Zeit eingeschrieben sind die zwölf Erzählungen mit Hinweisen auf bestimmende Ereignisse aus vier Jahrzehnten wie die Seegfrörni 1963 in Zürich oder die Schwarzenbach-Initiative 1970, aber auch auf ephemere wie die Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für Gartenkultur 1983 oder die Erstausgabe einer belgischen Briefmarke im Jahr 2000. «Neptunjahre» umfasst zwölf Erzählungen, die jeweils einem der Kalendermonate zugeordnet und auf vier Jahrzehnte verteilt sind. In dichten, stupenden und einfühlsamen Bildern entsteht ein eindrückliches Panorama, ein Jahreskreis der Conditio humana.
„Seine Verrücktheit ist von der freundlichen Art, ganz aus Blumen, Obst und Gemüse gemacht, aus Wörtern, die ihm früher nie über die Lippen gekommen wären und die er jetzt mit kindlicher Unschuld von sich gibt.“ Diese kurzen, feinsinnigen Geschichten von Anna Ruchat haben mich begeistert. Sie beschreibt mit einfacher Poesie den Alltag von Menschen abseits des Rampenlichts, von Menschen, die Schicksalsschläge überleben und weitermachen. Eine Trauer webt sich durch ihre Erzählungen hindurch, die dem Leben Tiefe verleiht und durch die Freude und Schönheit an Intensität gewinnen. Mich erfüllte dieses Büchlein mit einer unbändigen Lust, rauszugehen und meine eigene Geschichte voll auszukosten.