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Best of Qualtinger.

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246 pages, Hardcover

First published September 1, 1999

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Helmut Qualtinger

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Profile Image for Klaus Mattes.
770 reviews12 followers
January 12, 2025
Obwohl die hier versammelten, zum kleineren Teil in Partnerschaft mit Carl Merz verfassten, Dialoge, Monologe und Einakter souveräne Sprachbeherrschung und empathische Charaktergestaltung besitzen, wird man Helmut Qualtinger nicht als den großen Dichter der Stadt Wien in Erinnerung behalten. Helmut Qualtinger wird man weiterhin in eine kleinkünstlerische Schublade des Kabaretts einordnen, welcher, nebst Nestroy-Volkstheater, Hörbuch-Rezitator (u.a. „Mein Kampf“), Urviech (nach dem Krieg hatte der junge Mensch sich mal als Kulturkommissar der Russen ausgegeben), er schon auch angehört hat. Allerdings merkt man's den Kurzdramen und Szenen an, genau dieses hätte er werden wollen: unvergänglicher Poet der Stadt Wien.

Allerdings! Zum Beispiel jenes Aufstandes anlässlich der 1949-er Premiere von Qualtingers Halbstarken-Drama „Jugend vor den Schranken“ (in Graz) erinnert sich doch längst niemand mehr!

Selbstverständlich darf der zur Legende gewordene „Herr Karl“ (1961) den Reigen eröffnen. Liest man das nach langer Zeit und als „Reichsdeutscher“ noch einmal, staunt man dann doch: Herr Karl ist nicht jener menschenverachtende Sadist und Ordnungsfanatiker aus den bürgerlichen Kreisen, den bundesdeutsche Nazizeit-Bewältigungs-Dramen, -Filme und -Romane eigentlich immer schon aufboten und immer noch aufbieten. (Beispielsweise Schlinks Romane oder Lenz' „Deutschstunde“.) Sondern er ist von seiner Herkunft, Laufbahn und dem Habitus her immer nur ein kleiner Loser gewesen, hat bloß mal gehofft, durchs Mitschwimmen mit den Nazis das Ruder vielleicht doch noch rumreißen zu können. Allein, ohne Verwandte, ohne Sexualpartner und Liebe, verzweifelt immer nach Zuhörern haschend, denen er ein Ohr abkauen will mit seinen Geschichten. Faul - und darum doppelt dankbar für die Pausen, die durchs Geschwätz gewonnen werden. Ein alternder, versoffener Mann, der immer noch die Säcke im Laden die Stiege hinab und herauf schleppen und die Kisten aufreißen muss. Ein Typ so ängstlich wie heimtückisch, überall Mitläufer, schon unterm Kaiser, jetzt in der Republik – und dazwischen erst recht. Es wäre sonst gefährlich geworden.

Nach allem, was man auf die Schnelle im Internet auftreiben kann, ist der Privatmann Helmut Qualtinger nie etwas Bemerkenswertes gewesen, nicht Proletarier, nicht Hautevolee, nicht Kommunist, kein Jude, kein heimlicher Homosexueller. Sohn eines Mathematiklehrers. In den Tagen seines Ruhms lebte er sechzehn Jahre lang im Gemeindebau in Döbling (gutes Viertel). Qualtingers gute Zeit war dann irgendwann mal gründlich vorbei und liegt schon lange zurück. Im Wesentlichen gehört er noch in die fünfziger Jahre hinein. Da war er Mitglied des von Gerhard Bronner gegründeten „Namenlosen Ensembles“. Carl Merz und Michael Kehlmann (Vater des heute berühmten Kehlmann, damals ein Deutscher, von München her) schrieben die Texte und führten Regie. Weitere bekannte Performer, die man dort erleben konnte: Georg Kreisler, Louise Martini, Kurt Sobotka, Kurt Jaggberg.

Nachdem ich ein paar jener eigenwilligen Brenner-Krimis von Wolf Haas gelesen hatte, fragte ich mich, kommt dieses ewige Daherschwallen eines im Grunde doch unbedeutenden, unsympathischen Menschen (nicht Brenner, sondern der Erzähler) nicht exakt von Helmut Qualtinger?

Aber nein, man darf nicht gleich vom (mit Carl Merz gemeinsam erarbeiteten) „Herrn Karl“ auf den ganzen Literaten Qualtinger schließen. So richtig böse wurde es ja nie. Eher kommt sein Ruf von wegen schwarzem Humor und Groteske davon, dass er durchweg das Positive wegließ, den Silberstreif, das befreiende Lachen. Dass er Schäbigkeit und Selbstsucht der Menschen schon sehr genau studierte und herausstrich. Geltungssucht, Denkfaulheit, Eigenliebe, wehleidige Sentimentalität (ui, wieso ist mir der Erfolg der FPÖ gerade wieder eingefallen?), das sind doch keine Verbrechen, das ist schon kein Serienmörder oder Terrorist, sondern nur ein Österreicher.

Qualtingers Figuren sind meist ein wenig leer in ihrem Selbst, also einsam und verloren. Es ist eben netter, irgendwo zu sitzen und den Leuten einen Stiefel zu erzählen. Abgebrüht sind sie auch. Und in den Familien, wo man dann mehrere Generationen zusammenhat, sieht man, dass es egal ist, ob sie uralt oder noch blutjung und unschuldig sind. Mittelmäßig, feig, habgierig und voll mit Geschwätz sind sie immer und waren sie auch schon immer. Vieles geht leider nicht gut im Leben. Darum nimmt man sich zuletzt ein kleins Hunderl oder eine Katz, die sind voll Seele und gut gegen den Nordwind.

Sonja: Die erste Zeit hab’ ich die Mama bei mir g’habt.
Aimée: Meine hab’ ich als Bedienerin aus’geben ...
Sonja: Weil’s aus Niederösterreich war!
Aimée (verklärt): Aus dem Wienerwald.
Sonja: Meine hat ihren Hausmeisterposten behalten. Das hat sie sich partout nicht nehmen lassen.
Aimée: Eine fesche Zeit war’s ...
Sonja: Ja, fesch ist es nicht mehr.
Aimée: Warum hat die Kapelle aufg’hört zum Spielen?
Sonja: Ich glaub’, es wird zum Regnen anfangen.
Aimée: Hat’s früher auch so viel g’regnet?
Sonja: Im ersten Bezirk nicht.
Aimée: Am Nachmittag hat man nie aufs Wetter g’schaut - l’heure bleue ...


Politisch sind Qualtingers Texte nicht. Stets werden ein oder zwei Figuren gezeigt, die sich im Dialog ihrer Selbstdarstellung widmen, das wahre Problem möglichst nie ansprechend, sondern zwanghaft umkreisend. Qualtingers Problem ist, dass der Mensch mit dem anderen Menschen zusammenleben muss, zusammensein auch will, bloß sind sie alle doch Nichtsnutze!

Solche Mini-Dramen passten sehr gut in ihre Epoche, zum „Existenzialismus“, waren wohl so etwas wie die kleinen Populär-Ausgaben von Samuel Beckett, Friedrich Dürrenmatt, Eugène Ionesco und Jean Anouilh. Inzwischen passt so ein Bastard zwischen Kunst und Unterhaltung nicht mehr in die Landschaft. Es hat sich alles differenziert. Und es möge bitte schlimmer sein, wie „Kill Bill“, oder quatschiger, vulgärer, wie „Verrückt nach Mary“. Was der alte Qualtinger hier macht, muss unserer Jugend wie onkelhaftes Tapsen und blinzelndes Sünder-Charmieren vorkommen. (Mag in Wien noch angehen.)
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