Seit Menschen sich in literarischer Form äußern, wird auch das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft erörtert, also die Frage nach dem Resonanzraum, in dem Literatur stattfindet und den sie über das Medium Sprache und zumeist auch über ihre Darstellungsmotive zwangsläufig in irgendeiner Weise interpretiert. Gibt es eine Verpflichtung, dass Literatur sich kritisch auf die Gesellschaft bezieht? Oder muss die Literatur frei sein von allen Ansprüchen, die von außen an sie gerichtet werden? Diese Frage wurde je nach historischer Phase unterschiedlich beantwortet. Aktuell scheinen die Deutsche Literatur und alle, die mit ihr umgehen, nicht allzu sehr mit der sie umgebenden Wirklichkeit befasst – das war die Diagnose, die Enno Stahl in seinem Band »Diskurspogo« (Verbrecher Verlag 2013) stellte.
Auch heute hat sich daran nichts geändert – im neuen Band »Diskursdisko« arbeitet Stahl sein Gegenkonzept eines analytischen Realismus weiter aus und nimmt verschiedene Bereiche des Betriebs, die Rolle des Autors bzw. einige literarische Subgenres kritisch in den Blick. Außerdem schaut er in die Geschichte und analysiert subversive Schreibentwürfe aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Enno Stahl hat keine Ahnung, aber dafür eine Meinung - und die ist reichlich selbstgerecht. Hier ein paar dolle Thesen:
- Die aktuelle deutsche Literatur ist stromlinienförmig und relevante US-amerikanische Autor*innen aus der Akademikerschicht wie David Foster Wallace haben sich wenigstens von ihrer sozialen Schicht distanziert, anders als Christian Kracht. Das ist natürlich völlig richtig: Nicht nur hat Krachts soziale Schicht keinerlei Berechtigung, in der Literatur vorzukommen, Texte wie "Faserland" sind zudem emphatische Hymnen auf die Freuden des Warenfetischismus und der Wohlstandsverwahrlosung - NICHT. Und dass David Foster Wallace (den ich ebenfalls sehr schätze) aus vollem Herzen Fan akademischer Meta-Diskussionen und Klugscheißer war, ist gut belegt - unglaublich weit hat er sich von seinen Professoren-Eltern distanziert, indem er selbst Professor wurde und fragmentarische Romane mit 12 Millionen Fußnoten geschrieben hat, die für viele Leser*innen ohne entsprechende Vorbildung nicht leicht zu entschlüsseln sind.
- Kurzes Beispiel für Stahls messerscharfe und komplexe Analyse ökonomischer Ursache-Wirkungs-Dynamiken in der Gegenwartsgesellschaft, an denen er selbst natürlich kein bisschem Teil hat: "Zusammenhalten gibt es nicht, jede/r gegen jede/n. Der Turbokapitalismus hat ganze Arbeit geleistet und ein Heer wütender Monaden gezeugt, die nur Gewohnheit und noch bestehende Gesetze (wenn sie denn Anwendung finden) davon abzuhalten scheinen, sich gegenseitig zu meucheln, nicht nur verbal, sondern faktisch." Nicht schlecht für einen Typen, der den Großteil seiner eigenen Zunft ganz solidarisch zu irrelevanten Vollpfosten erklärt. Und klar, sofern die Gesetze in Deutschland überhaupt noch Anwendung finden - es ist hier ganz klar viertel vor Aluhut. Dass Stahl sich ernsthaft mit Wirtschaft beschäftigt hätte, ist nicht belegbar - das ist Kapitalismuskritik auf unterstem Niveau. Es gibt nun wirklich genug Gründe, unser Wirtschaftssystem zu kritisieren, aber "Kapitalsmus ist voll böse und Kunst (aber nur die wahre!) voll gut" ist als These eines wissenschaftlichen Debattenbeitrags dann doch ein kleines bisschen, äh, bescheuert.
- "Der Markt regelt alles, die Wertsetzung der Literatur erfolgt zu großem Teil über ihre Merkantilität." - Ach so, jetzt weiß ich endlich, warum Universiäten und Literaturpreise sich so auf Hera Lind und Tommy Jaud stürzen, weil nämlich "Inhalt und Gestalt (...) unerheblich" geworden sind. Oder warum fluffige Unterhaltungsliteratur wie die von Kracht, Setz und Ransmayr so populär ist - weil Leser*innen tendenziell dumm sind. Alles klar. Zum Glück bestimmt den "wahren Kanon" - Achtung! - "die Geschichte". Denn die ist ja bekanntlich eine objektive Größe und wer es in der Kunst dauerhaft nach oben schafft, ist kein bisschen von Markt und Marketing beeinflusst - was übrigens auch nicht schon immer so war *seufz*.
Als Leserin, die aus der Arbeiterklasse stammt, möchte ich auf die Fürsprache von Herrn Dr. phil. Stahl, Universitätsmitarbeiter (hat sich also erkennbar, wie von ihm selbst gefordert, von der Oberschicht distanziert), gerne verzichten, weise aber darauf hin, dass es auch für Literaten keine Schande ist, Teil des Wirtschaftskreislaufs zu sein und Geld verdienen zu müssen - durch Berührung zum echten Leben des Großteils der planetaren Gesamtbevölkerung kann sozialrealistische Literatur entstehen, die sich nicht auf Posen und Schlagworte aus dem Wikipedia-Artikel über Karl Marx kapriziert.