Eine große Parabel über die zerstörerische Kraft der Diktatur
Die Siedlung Nummer 9 ist ein kleines Glied in der endlosen Kette des Gulag-Systems. Ihre Einwohner haben nur eine Aufgabe: Sie müssen täglich um null Uhr einen rätselhaften Zug passieren lassen. Niemand weiß, wohin er fährt, und was er in seinen plombierten Güterwagen befördert. Die Leute leben ihren Alltag, trotz Hunden und Stacheldraht. So verdreht die schöne, verheiratete Jüdin Esphira allen Männern den Kopf. Auch Don Domino, der als Letzter in der Siedlung zurückbleibt, ist ihr verfallen. "Nulluhrzug" ist ein gewaltiger Roman über die Gewalt von Diktaturen - bewegend und unvergesslich.
Eine kleine sowjetische Siedlung um eine Bahnstation. Die Menschen dort warten – wie jede Nacht – auf das eine Ereignis: Die Durchfahrt des Nulluhrzugs. Dafür wurde die Station errichtet, dafür sind sie da. Nein, er hält nicht. Nein, man weiß nicht woherwohinwarum er fährt – und doch macht dieser Zug das Leben der Leute dort aus. "Aber wohin fährt er? Keine Ahnung . Und was transportiert er? Keine Ahnung. Weißt du was er transportiert? Nein, weiß ich nicht …. Wozu auch? Sollen die Bescheid wissen, die es angeht".
Gedanken an NS-Deportationszüge kommen in den Sinn, aber natürlich auch sowjetische Säuberungen, Zwangsumsiedlungen, Gulag – das vielfältige Repressionssystem mit Straf- und Arbeitslagern.
Dieses Angst-Szenario zeichnet der Autor Juri Buida auf der Länge einer Kurzgeschichte - doch mit der Intensität eines Romans - in diesem Buch, das bereits 1993 in Russland erschienen ist. Ohne Michail Gorbatschows Perestroika und Glasnost, wäre das undenkbar gewesen, denn natürlich handelt es sich deutlich um Kritik am sowjetischen Staat, aber auch an der Haltung der jahrzehntelang bevormundeten Menschen. Alles wird erduldet. Nichts wird hinterfragt. Wozu auch? Menschen als willfährige Handlanger ihrer Führung, ein individuelles Leben mit eigenständigen Entscheidungen – es erscheint unmöglich: "Nicht auf den Zug wartest du, du weißt selbst nicht, worauf du wartest. Hast du etwa Angst vor dem Leben? Oder wartest du auf ein weiteres Leben? Aber das wird es nicht geben."
Juri Buida zeigt dieses Leben in schlichten Worten, desolat und destruktiv ist es, und sämtliche unserer Vorurteile werden bedient: billiger Wodka, billiges Parfum, Geruch nach Kohl, Gleichgültigkeit. Als eines Tages der Zug nicht mehr fährt, die Gleise – und damit die Existenz der Menschen und des Ortes - abgebaut werden, wird auch das hingenommen. So könnte der Zug für das zerfallende totalitäre System stehen.
Es bleibt jedoch noch immer die uralte Sinn-Frage: Welchen verborgene Bedeutung haben die Fahrten des "Nuller" ? Wohin fährt er? Was kommt am Ende? Nichts? Tod? Hölle? Paradies? Ist nicht der Zug selbst der Sinn? Doch wozu braucht man einen Sinn?
Ein wiederentdeckter russischer Klassiker und auch hier zeigt sich mal wieder, dass die Russen entweder die Länge mögen oder eben die Kürze wie hier.
Aber Buidas Erzählung braucht gar nicht mehr Seiten oder mehr Worte. "Nulluhrzug" ist eine gelungene Parabel auf den Sozialismus, die Sowjetunion, das Leben und das Sterben.
In einer klaren Sprache bringt der Erzähler viel Unklares zum Ausdruck. Die Härte des Lebens spiegelt sich in der Härte der Worte. Wir sind irgendwo am vergessenen Ende der Welt, an der Endstation sozusagen. Und so fühlt sich dieses Büchlein auch an.
Aufgrund seiner Kürze eignet sich dieses Werk bestimmt sehr gut als Einstieg in die russische Literatur. Wer sich mal an der russischen Seele versuchen möchte, kann hiermit einen guten Einblick erhalten.
Obwohl in den 90ern erschienen, so kann vieles, was der Autor anspricht, auch auf das Leben heute angewendet werden. Wie sehr, zeigt uns auch das äusserst lesenswerte Nachwort.
Zur Zeit beschäftigt mich die zeitgenössische russische Literatur sehr, zum Beispiel Sasha Filipenko oder der leider schon verstorbene Leonid Zypkin. Juri Buida und sein Buch Nulluhrzug von 1993 gehört auch dazu. Er verfügt über eine starke Sprache, die zu bemerkenswerten Sätzen führen. Der Roman ist seitenweise kurz, jedoch sehr intensiv. Die Handlung bleibt aber teilweise rätselhaft, auf jeden Fall den Leser fordernd. Das Nachwort von Julia Franck (Die Mittagsfrau) gibt einen aber einen Schlüssel an die Hand. Ich denke, es ist ein Buch, das man mehr als einmal lesen muss.
Einerseits ist die Geschichte höchst surreal und ich hatte dauerhaft ein Bühnenstück dazu vor Augen - hier würde ich mich sehr freuen.
Andererseits sind die Figuren und Bilder durchtränkte von Melancholie, Alkoholmissbrauch und Gewaltexzessen jeglicher Art. Oder um es beschönigend auszudrücken: der 'russischen Seele‘ - Das muss man schon echt wollen.