Nach dem großen Erdbeben von Lissabon 1755, dauerte es zwei Wochen bis die ersten Nachrichten von der Katastrophe in Paris und London eintrafen. Inzwischen ist die Kommunikationstechnik so weit fortgeschritten, dass wir innerhalb kürzester Zeit von Ereignissen am anderen Enden der Welt Kenntnis erlangen. Die Welt ist sprichwörtlich näher zusammengerückt. Grundsätzlich eine begrüßenswerte Entwicklung, stellt dieses veränderte Näheverhältnis den Einzelnen vor die Aufgabe, andauernd eine Haltung zu entfernten Ereignissen einzunehmen, die ihn selbst nicht unmittelbar betreffen. Wo liegen die Grenzen des Mitleids, in einer Welt der grenzenlosen Informationen? Eine spannende Frage, besonders im Hinblick auf unsere aktuellen Probleme. Man denke nur an die Auswirkungen des Klimawandels oder die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Lässt sich das Mitgefühl wirklich so weit ausdehnen, dass es alle Menschen unterschiedslos umfasst? Oder ist das nur selektiv möglich und alles andere bloße Heuchelei?
Eine abschließende Antwort kann auch das vorliegende Buch nicht geben. Henning Ritter verzichtet in seinem Essay weitgehend auf eigene Wertungen und überlässt es dem Leser Schlussfolgerungen zu ziehen. Zudem sind seine Betrachtungen nicht als direkter Kommentar zur Gegenwart gedacht, eventuelle Bezüge ergeben sich allenfalls mittelbar. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf den Geistesgrößen aus dem 18. Jahrhundert, wie z.B. Rousseau, Diderot, Voltaire oder Adam Smith. Bereits damals haben sie sich in philosophischen Reflexionen und Gedankenspielen, dem komplizierten Verhältnis von Nähe und Ferne in den menschlichen Beziehungen gewidmet. Seitdem dürfte das Bedürfnis nach Orientierung eher noch zugenommen haben, aber die grundsätzlichen Fragestellungen besitzen unverändert ihre Gültigkeit.
Im letzten Teil gerät Ritter das eigentliche Thema etwas aus dem Fokus. Stattdessen wird ausführlich der Streit zwischen Diderot und Rousseau über den Naturzustand des Menschen geschildert. Was natürlich nicht minder interessant ist. Auf jeden Fall trägt "Nahes und Fernes Unglück" dazu bei, einmal über die eigene Position in Sachen Mitgefühl und Mitmenschlichkeit nachzudenken. Spätestens bei den Abendnachrichten oder der nächsten Begegnung mit einem Bettler in der Fußgängerzone wird man sich an das Buch erinnern.