In "Über kurz oder lang" erinnert sich Catherine Boswell Fried an das Leben mit ihrem Mann Erich Fried – von der Zeit des Umworbenwerdens (von ihm mit erschreckender "terrierartiger Entschlossenheit" vorangetrieben) bis nach Erichs Tod. Ein Zusammenleben, das, wie man beim Lesen schnell vermutet, bestimmt nicht immer einfach war. Denn ein Leben mit Erich Fried war auch ein politisches, mit zahlreichen Gästen, die sich auch schon mal für Monate in Haus und Garten einquartierten. Das konnten Freunde wie Rudi Dutschke, studentische Anhänger, aber auch skurille Schmarotzer sein. Auch Erichs Mutter, seine krebskranke Ex-Frau und seine Kinder wohnten zeitweise bei ihnen.
Das Haus der beiden war immer voll. Jeder war Erich willkommen. Er selbst war viel unterwegs – die Arbeit kam für ihn an erster Stelle –, so dass Catherine mit dem ganzen Chaos häufig alleine blieb und in erster Linie in ihrer (verständlicherweise für sie unbefriedigenden) Rolle als "nur" Hausfrau, Mutter und Chauffeuse gefragt war. Für eine eigene Karriere oder eigene Interessen war kein Platz. Catherines Ton ist jedoch nicht lamentierend oder gar anklagend. Sie äußert offen, worüber sie sich ärgerte oder was sie traurig machte, jedoch überwiegen die positiven Erinnerungen an ihren "klugen, charismatischen, herzlichen" Mann. Auch einige humorvolle Anekdoten z. B. über einen verrückten Besucher oder über Erichs schrullige Gewohnheiten und Eigenarten wie seine Mülltonnentouren und sein Improvisationstalent. Das Buch ist voller Liebe, Verständnis und Bewunderung für ihren "Froschkönig", den Catherine aber in ihren Erinnerungen keinesfalls glorifiziert.
Über kurz oder lang von Catherine Fried ist untertitelt mit Erinnerungen an Erich Fried und genau das sind die kurzen Erzählungen aus dem gemeinsamen Leben der Eheleute auch. So schreibt Catherine Fried in der Vorbemerkung zu ihrem Buch, dass sie im Prozess des Schreibens auf viele Freunde und Bekannte gestoßen sei, die, nachdem sie hörten, dass sie ein Buch schriebe, alle ihre persönlichen Lieblingsanekdoten über Erich zum Besten gegeben hätten – sie aber kein Buch der gesammelten Anekdoten hätte machen wollen, sondern eben ihre persönlichen Erinnerungen. So tragen die einzelnen Geschichten Titel wie „Die Werbung“, „Umzug“, „Meine Flitterwochen“ oder „Nellie“, die Catherines ganz persönliche Wahrnehmung des Lebens mit Erich Fried spiegeln. Die Erinnerungen sind nicht romantisch verklärt oder für den Erich Fried verehrenden Leser schön geschrieben, sondern zeigen durchaus auch die Schwierigkeiten mit einem von seiner Arbeit, der Politik, Lesereisen und vielen Bekannten und Freunden stark beanspruchten Mann, der zudem später auch noch krank wurde und vor allem auch zum Zeitpunkt ihrer Heirat, schon Kinder und andere Altlasten aus zwei vorangegangenen Ehen hatte. Dennoch ist die Liebe zu ihrem Ehemann auf jeder Seite des Buches zu spüren, nicht verklärend, sondern realistisch, real und überraschenderweise ihn auch 20 Jahre nach seinem Tod immer noch vermissend. Das Buch hat mich sehr gefesselt und mich eine durchlesene Nacht gekostet, nebenbei ist es auch noch ein wunderschönes, leinengebundenes Wagenbach Quartbuch aus der Salto Reihe. Es enthält auch einige sehr persönliche Fotos als Zeugnisse aus dem Familienleben der Frieds.
Catherine Fried, Über kurz oder lang. Erinnerungen an Erich Fried. Wagenbach, Berlin 2008.