Ralf Rothmann wurde am 10.05.1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.
Wenn die Figur in einem Roman einen superlustigen Namen hat, ist allerhöchste Vorsicht geboten! Das kann man als Naturgesetz auffassen. Louis Blaul, den alle Lolly rufen, ist da für meine Begriffe schon ganz hart an der Grenze. Er ist zwanzig, hat das Abi geschmissen und sandelt sich nun als Teilzeit-Hilfsdrucker durch das Berlin der späten 1990-er, statt bei seinem Ex-Hippie-Vater in dessen Werbeagentur einzusteigen. Lolly ist bei den Großeltern im Ruhrgebiet aufgewachsen (wir werden noch erfahren, warum) und schüchtern. Weil er fürchtet, dass er schielt, rennt er immer mit Sonnenbrille rum und seine ganz große Liebe Vanina macht es seinem Selbstbewusstsein mit ihrem monströs dicken Hintern auch nicht eben leichter.
Den trotzigen Jungmännerton leicht verpeilter Icherzähler haben in jenen Jahren so einige Autoren spazieren geführt: Sven Regener in seinem Herrn Lehmann, Wolfang Herrndorf (‚In Plüschgewittern’) oder auch Frank Husemann. Irgendwo dazwischen reiht sich Ralf Rothmann ein, sein Lolly ist dabei verdammt sprachgewaltig (und belesen, auch wenn ers nicht zugibt!) und kreativ im Formulieren und Vergleichefinden - kein Wunder, schließlich hat er ja das Zeug zum Werbetexter.
Rothmanns anfängliches Bemühen, mit der Geschichte im Hier und Jetzt zu bleiben und den sympathischen Loser nur für ein paar Tage der Veliebtheit und des ganz kleinen Dramas im schrillen lauten Berlin zu begleiten, geht natürlich flöten. Ralf Rothmann kann nur Familie und Generationen und große Geschichte - und so erfahren wir dann doch, weshalb Lollys Familie so seltsam ist, wie sie ist und wie es der Mutter ergangen ist, damals, als sie versehentlich mit ihm schwanger wurde, irgendwann Ende der 1970-er. Diese Muttergeschichte ist schön und anrührend und überraschend. Sie hat all jene großen Gefühle, ohne die ‚Flieh, mein Freund!‘ eben nur ein weiterer charmanter, peilungsfreier Berlinroman à la Herr Lehmann wäre.