Sie schreibt recht zu Beginn, es sei ihr erklärtes Ziel, in diesem Buch zu erforschen, inwiefern Mann und Frau unterschiedliche moralische und geistige Eigenschaften besitzen würden, die das Verhalten und die Beziehung der Geschlechter erklären würden. Dies ist meiner Ansicht nach nicht gelungen, und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es gelogen ist. Es ist nicht das Ziel von Hedwig Dohm, Forschungserkenntnisse zu teilen, sondern ihre Ideologie zu präsentieren und die Leser davon zu überzeugen. Es gibt einige interessante, aber oftmals recht flache Argumente; mehr als das Werk an sich ist die Person dahinter beeindruckend. Im 19. Jahrhundert das Ziel zu haben, dass Frauenbildung eine Priorität sein sollte, und dafür überzeugende Bücher zu schreiben, die ein Teil dessen sind, warum wir heute in der Gesellschaft leben und denken, wie wir denken, ist beeindruckend.
Eines der frühesten Essays über das Wahl- und Stimmrecht für Frauen, sehr fortschrittlich für die Zeit des Naturalismus um 1876, wo gleichzeitig auch richtig wüste Ausgeburten der Literatur zustande kamen. Dieses Buch ist definitiv ein positiver Aspekt dieser Epoche. Gute erste Formen wissenschaftlicher Argumente, sie zeigt auf, dass die Stereotypen des weiblichen Geschlechts eine wilde Mischung von widersprüchlichen Annahmen sind und sie macht sich in ihren Ausführungen die Sozialtheorie zu nutzen. Sie tritt gegen den grundlegenden Irrtum, Frauen und Männer hätten unterschiedliche geistige Kapazitäten und Eigenschaften, konsequent an. Dohm entzieht sich mit der Form des Essays geschickt der Pflicht der Beweisführung, somit ist es eher eine logische und phhilosophische Auseinandersetzung der Rechtsansprüche, die sich aus der Natur ableiten. Da zu dieser Zeit der Imperialismus erst aufgekommen ist, bezieht sich Dohm manchmal noch auf sehr veraltete Bilder anderer Kulturen und schreibt ein paar Fehlschlüsse, aber für die Zeit um 1900 ist das Werk absolut genial.