Als Kara von Berlin nach Frankfurt fliegt, gerät das Flugzeug in ein schweres Gewitter. Im Angesicht des drohenden Absturzes scheint plötzlich Ramón wenige Reihen vor ihm zu sitzen. Ramón, der nie eingeladen war und trotzdem immer kam, der bei Kara und Karas bestem Freund Vince auf dem Sofa in der Küche übernachtete, bis er von einem Tag auf den anderen verschwand. Nach der Notlandung kehrt Kara ruhelos nach Berlin zurück, wo er sich auf die Suche nach Ramón begibt und damit auf die Spuren seiner eigenen Vergangenheit. Er findet den Verlorengeglaubten in einer Plattenbausiedlung und bietet ihm an, in Vince’ ehemaliges Zimmer zu ziehen. Dort bekommt Ramón eines Nachts Besuch von Fremden. Wenig später ist er wieder verschwunden. Dass es diesmal ein Abschied für immer sein könnte, wird Kara bewusst, als er ihm bis nach Paris folgt, dort aber nur mehr eine Stadt in Aufruhr findet.
Deniz Utlu erzählt in Gegen Morgen von einer tiefen Erschütterung und fragt, was uns ausmacht: das, was wir zurückgelassen haben, oder das, was vor uns liegt. In flirrenden Bildern spürt er den Versäumnissen und Potentialen eines Lebens nach sowie der Menschlichkeit, die da beginnt, wo wir nicht auf uns selbst, sondern auf andere achten.
"Ich habe immer Angst, ein Leben zu leben, das nicht meins ist." Der Mensch ist ein berechnendes Wesen. Bevor er jemandem hilft, überlegt er erst einmal, was kostet mich das? Habe ich überhaupt einen Nutzen davon?
In Deniz Utlus neuem Roman geht es um Freundschaft, darum, wie wir miteinander umgehen und wie wir auf uns achten. Oder achtet jeder sowieso nur auf sich selbst? "Wusstest du, dass sich nichts jemals bis in s Letzte nachholen lässt, weil alles, was du tust, das Wesen der Person bestimmt, die du wirst und die du jetzt bist? [...] Jede Entscheidung für etwas ist eine Entscheidung gegen etwas anderes, das Individuum wird diese Kosten des Verzichts schmerzlich tragen müssen." Der Hauptprotagonist Kara berechnet die Kosten ein Lebens, die Kosten des Verzichtes. Gleichzeitig kam ihm plötzlich ein alter Freund in den Sinn. Aber war es überhaupt ein Freund? Wir begleiten Kara sowohl in Rückblicken durch seine Vergangenheit als auch auf der Suche nach Anworten durch die Gegenwart.
Deniz Utlu hat so eine wunderschöne poetische Sprache, das ist unglaublich. Die Gleichungen im Buch könnten beinahe kleine Gedichte sein. Er kann Gefühle, Situationen, Klänge wie kein anderer beschreiben. "Gitarren setzten ein, die eine spielte ein violettes Tremolo in Mol, und die andere streute wasserfarbenrote Obertöne ein, wie Möwenstimmen aus der Ferne." "Er [...] sagte Elea, dass er auf ihrem Konzert gewesen sei [...] und ihre Stimme gesehen habe, ein blauer Nebel, den er einatmete, und seitdem atmete er anders." Und auch, wenn die Freundschaft das vordergründige Thema ist, spielen unterschwellig doch immer auch politische Themen eine Rolle - wie? Das müsste ihr schon selbst lesen. Ich kann es nur aus vollem Herzen empfehlen.
Ein wundervolles Buch, das Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit aufzuheben vermag, und sich dabei gesellschaftskritischen sowie existentialistischen Fragen des Lebens poetisch annähert. Authentisch wandelt das erzählerische Ich, mit dem sich vermutlich -zumindest phasenweise- jede_r Lesende identifizieren kann. 5*
Ein Buch über die Freundschaft zwischen drei Männern, über verschiedene Lebenswege, gesellschaftlicher Anerkennung und Ablehnung und den Versuch, das richtige Leben in eine mathematische Formel zu fassen.
Ich mag die Idee des Buchs und manche Textstellen haben mir sehr gefallen.
Insgesamt ist das Buch recht anspruchsvoll, da die Erzählung ständig zwischen Zeitpunkten (Jetzt / Erinnerung) und Ebenen (Realität / Traum / Fantasie) wechselt. Das Buch „nebenbei“ zu lesen, ist dem nicht gerecht geworden. Es war mir dann manchmal zu verworren und ausschweifend.
Vielleicht lese ich es nochmal zu einem anderen Zeitpunkt und es wird mir besser gefallen.
Eine Sache, die mir besonders gefallen hat, und die ich aus wenigen anderen Büchern kenne - Die Kameradinnen, ist das einzige, das ich da konkret nennen könnte -, ist, dass Utlu seine Hauptpersonen unterschiedlich positioniert in der postmigrantischen Gesellschaft bzw. in Bezug auf Rassismuserfahrung und den Leser:innen klare Zuschreibungen verweigert.
Als Kara von Berlin nach Frankfurt fliegt, gerät das Flugzeug in ein schweres Gewitter. Im Angesicht des drohenden Absturzes scheint plötzlich Ramón wenige Reihen vor ihm zu sitzen. Ramón, der nie eingeladen war und trotzdem immer kam, der bei Kara und Karas bestem Freund Vince auf dem Sofa in der Küche übernachtete, bis er von einem Tag auf den anderen verschwand. Nach der Notlandung kehrt Kara ruhelos nach Berlin zurück, wo er sich auf die Suche nach Ramón begibt und damit auf die Spuren seiner eigenen Vergangenheit. Er findet den Verlorengeglaubten in einer Plattenbausiedlung und bietet ihm an, in Vince’ ehemaliges Zimmer zu ziehen. Dort bekommt Ramón eines Nachts Besuch von Fremden. Wenig später ist er wieder verschwunden. Dass es diesmal ein Abschied für immer sein könnte, wird Kara bewusst, als er ihm bis nach Paris folgt, dort aber nur mehr eine Stadt in Aufruhr findet.Deniz Utlu erzählt in Gegen Morgen von einer tiefen Erschütterung und fragt, was uns ausmacht: das, was wir zurückgelassen haben, oder das, was vor uns liegt. In flirrenden Bildern spürt er den Versäumnissen und Potentialen eines Lebens nach sowie der Menschlichkeit, die da beginnt, wo wir nicht auf uns selbst, sondern auf andere achten. (Klappentext)
Dann müsste ich jetzt nicht zum Flughafen fahren, ins Flugzeug steigen, zu Nadja nach Frankfurt fliegen. Ich will nicht. Lieber knete ich den Riemen meiner Tasche. In dieser Küche. Auf diesem Stuhl. Immer hier. S. 9
Ich sehe, wie angespannt er auf seinem Stuhl sitzt, spüre seine Nervosität. Dann fliegt er doch und wie eine selbsterfüllende Prophezeiung gerät das Flugzeug in heftige Turbulenzen. Einige Passagiere verabschieden sich schon im Geiste von ihren Liebsten, so auch der Protagonist Kara. Seine Mutter würde nicht ertragen wenn er jetzt sterben würde. Dann sieht er seinen alten Kumpel Ramon, der immer da war, obwohl niemand ihm signalisierte, dass man ihn wollte, bis er wieder weg war.
Der Autor schickt seinen Ich-Erzähler auf Spurensuche, zu seiner Mutter, in die alte Wohnung, in der sie jetzt allein wohnt und altert. In die Zimmer der alten Studentenbude, in der er immer noch lebt und lässt ihn alle prägnanten Stellen seines Lebens noch einmal erfahren. Sein Freund Vince, der wusste was er wollte und seine Ziele verfolgte. Ramon, der einfach bei ihnen abhing und planlos dahintrieb. Und er selbst, der sich für nichts entscheiden kann. Seine Freundin Nadja, die genau weiß was sie will und deren Lebensplanung ihn erdrückt und allein zurücklässt.
Als er Ramons Fußabdrücken bis nach Paris folgt, landet er in den Wirren terroristischer Anschläge.
Fazit: Die Geschichte enthält wundervolle Erzählsequenzen. Die Stimmung ist gepresst, fast depressiv und nachdenklich. Deniz Utlu schafft, dass mich die Unentschlossenheit, des Protagonisten, seine Art der Sinnsuche unangenehm berührt. Ich möchte ihn schubsen, ihm sagen, dass er seine Zeit verplempert aber genau das hat seine Freundin auch schon gemacht, erfolglos. Ein auf beschwerende Weise unterhaltsames Buch.