Einleitung In seiner umfassenden Studie „Nietzsche und die Deutschen“ unternimmt der Historiker Steven E. Aschheim nicht den Versuch, Friedrich Nietzsches Philosophie im hermeneutischen Sinne neu zu deuten. Stattdessen widmet er sich der Rezeptionsgeschichte: Er untersucht, wie Nietzsches Werk von den 1890er Jahren bis in die Nachkriegszeit in Deutschland aufgenommen, interpretiert, verformt und instrumentalisiert wurde. Aschheims zentrale These lautet, dass es nicht „den einen“ Nietzsche gab, sondern viele. Das historische Erbe des Philosophen ist das Ergebnis eines dynamischen Wechselspiels zwischen seinen Texten und den jeweils höchst unterschiedlichen politischen und kulturellen Bedürfnissen seiner Leser. Inhalt und Struktur Das Buch ist chronologisch und thematisch gegliedert und zeichnet die verschiedenen Phasen und Milieus der Nietzsche-Rezeption nach: 1. Die frühe Rezeption und die Avantgarde (1890–1914) Aschheim zeigt, wie Nietzsche zunächst als Befreier von bürgerlichen Konventionen gefeiert wurde. Er avancierte zum Helden der Avantgarde, der Lebensreformbewegung, der Feministinnen und sogar religiöser Erneuerer. Bemerkenswert ist, dass Nietzsche in dieser frühen Phase keineswegs ein Idol der Konservativen war; diese lehnten ihn häufig wegen seines Atheismus und seines vermeintlichen Immoralismus ab. Stattdessen fand er Resonanz bei Sozialisten, Anarchisten und Zionisten, die in der „Umwertung aller Werte“ ein Instrument für eigene emanzipatorische Projekte sahen. 2. Der Erste Weltkrieg und die Nationalisierung Nietzsches Der Erste Weltkrieg markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Aschheim beschreibt eindrücklich, wie „Also sprach Zarathustra“ neben Bibel und Goethes „Faust“ in den Tornistern der Soldaten landete. In dieser Phase begann die Umdeutung des „guten Europäers“ und erklärten Antinationalisten Nietzsche in eine nationale Symbolfigur. Der Krieg wurde als nietzscheanisches Ereignis stilisiert – als „Stahlgewitter“ (Ernst Jünger), das zur Läuterung der Nation beitragen sollte. 3. Die Weimarer Republik und die radikale Rechte In der Weimarer Republik verfestigte sich die Aneignung Nietzsches durch die radikale Rechte. Vertreter der „Konservativen Revolution“ wie Spengler oder Jünger griffen auf Nietzsches Vokabular (Wille zur Macht, Herrenmoral) zurück, um gegen Liberalismus, Demokratie und den Versailler Vertrag zu polemisieren. Aschheim analysiert präzise, wie Nietzsches elitäre Kulturkritik politisiert und militarisiert wurde. 4. Nietzsche im Dritten Reich Ein Kernstück des Buches ist die Analyse der NS-Zeit. Aschheim widerlegt die vereinfachende Vorstellung, Nietzsche sei ein direkter ideologischer Vorläufer des Nationalsozialismus gewesen, zeigt aber detailliert, wie das Regime ihn systematisch vereinnahmte. Durch selektive Lektüre und die Arbeit des Nietzsche-Archivs – insbesondere unter Elisabeth Förster-Nietzsche – wurde Nietzsche zum Propheten des Nationalsozialismus stilisiert. Aschheim weist zugleich auf die Ironie dieser Vereinnahmung hin: Nietzsches explizite Verachtung von Antisemiten und Nationalisten musste mühsam umgedeutet oder schlicht ignoriert werden. 5. Jüdische und sozialistische Rezeption Besonders hervorzuheben ist Aschheims Analyse der nicht-rechten Nietzscheaner. Er widmet eigene Kapitel der starken Anziehungskraft Nietzsches auf jüdische Intellektuelle – etwa Zionisten, die in ihm einen Impuls zur jüdischen Selbstbehauptung sahen – sowie auf Sozialisten, die versuchten, Nietzsche mit Marx zu synthetisieren. Gerade diese Vielfalt bestätigt Aschheims These von der Proteushaftigkeit des Nietzscheanismus. Kritische Würdigung Aschheims Buch besticht durch enorme Materialfülle und analytische Differenziertheit. Stärken Er vermeidet es, Nietzsche kausal für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich zu machen, leugnet aber ebenso wenig, dass Nietzsches Rhetorik von Härte, Kampf und Gewalt Anschlussmöglichkeiten für faschistische Ideologien bot. Überzeugend zeigt er, dass Ideen nicht im luftleeren Raum existieren, sondern durch Institutionen (wie das Nietzsche-Archiv) und historische Krisen (1914, 1918) geformt und zugespitzt werden. Analyse Aschheim arbeitet heraus, dass Nietzsche häufig als Chiffre fungierte: Sein Name diente dazu, ganz unterschiedliche – teils gegensätzliche – radikale Positionen zu legitimieren, sei es in der Kunst (Expressionismus), in der Sexualreform (Helene Stöcker) oder in der Politik.
„Nietzsche und die Deutschen“ ist eine brillante kulturhistorische Studie. Sie zeigt, wie ein Denker, der sich selbst als „unpolitisch“ verstand und Nationalismus verachtete, zu einer zentralen Figur der deutschen Identitätssuche – und schließlich der deutschen Katastrophe – werden konnte. Für alle, die verstehen wollen, wie eng Philosophie, Politik und Kulturgeschichte in Deutschland miteinander verflochten sind, ist dieses Buch unverzichtbar. Zugleich warnt es eindringlich davor, wie selektive Lektüre und Mythenbildung einen Denker bis zur Unkenntlichkeit entstellen können.