Gottlob Freges Begriffsschrift zählt zu den außergewöhnlichsten Schriften der Logikgeschichte. Mit ihr allein beginnt 1879 das Kapitel der modernen formalen Logik. Selbst heute können wir kaum nachvollziehen, wie die Vielfalt ihrer bahnbrechenden Inhalte durch einen Einzelnen geleistet werden konnte. Dennoch war die nahezu vollkommene Gründungsschrift einst ein verlegerischer Misserfolg, sie blieb unverstanden und erfuhr Ablehnung. Dieser heute klassische Text der Wissenschaft war seiner Zeit weit voraus. Es brauchte Jahrzehnte, bis der epochale Gehalt der Schrift allgemeine Anerkennung fand. Der vorliegende Kommentar liefert gleichermaßen eine erste umfassende historische wie philosophische Einbettung und eröffnet durch ein permanentes Gravitieren um das Werk einen verständigen Zugang.
Gottlob Freges „Begriffsschrift“ von 1879 ist nichts Geringeres als die Geburtsstunde der modernen Logik – und damit auch der analytischen Philosophie. Mit dieser „Formelsprache des reinen Denkens“ bricht Frege radikal mit der zweitausendjährigen Tradition der aristotelischen Subjekt-Prädikat-Logik und führt stattdessen die weitaus mächtigere Prädikatenlogik mit Quantoren ein. Obwohl seine eigenwillige, zweidimensionale Notation heute nicht mehr verwendet wird, war sie das entscheidende Werkzeug für Freges logizistisches Projekt – den Versuch, die gesamte Mathematik auf reine Logik zu gründen. Doch dieses gewaltige Unterfangen wurde durch die Entdeckung der als Zermelo–Russell-Paradoxon bekannten Antinomie erschüttert – ein Schlag, der Freges Hoffnung auf ein unerschütterliches Fundament der Mathematikzerstörte. Der große Logiker, der den Grundstein für die moderne Philosophie des 20. Jahrhunderts gelegt hatte, verlebte seine letzten Jahre zunehmend verbittert und zurückgezogen – eine tragische Ironie im Leben eines Denkers, der das Denken selbst formalisiert hatte.