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Die Verunglückten. Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry

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Es ist etwas Unheimliches um diese vier Menschen, die in der Nachkriegszeit auf so unterschiedliche Weise zu Prominenz gelangten. Matthias Bormuth schaut hinter die politisch aufgeheizten Momente, in denen die deutschsprachige Öffentlichkeit in den siebziger Jahren den Atem anhielt: bei Verhaftung und Selbstmord der begabten Publizistin Ulrike Meinhof; bei der Nachricht vom Flammentod Inge­borg Bachmanns, der gefeierten Dichterin; beim Suizid von Jean Améry, den die Tatsache, dass er Auschwitz überlebt hatte, nicht leben ließ; und bei der Nachricht vom einsamen Tod des dem Alkohol erlegenen Uwe Johnson. Was verbindet diese Intellektuellen, die ihr Leben nicht aushalten konnten?

248 pages, Hardcover

Published January 1, 2019

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June 21, 2020
Dieses Buch eint eine steile Idee: In aktiver Passion, also einer Umformung des religiösen Motivs ders Märtyrertods hin zu einem selbstgewählten Selbstmord aufgrund eines Leidens des modernen, reflexiven Individuums an sich selbst, aber eben auch an der Welt (und hier insbesondere der nationalsozialistischen Geschichte), lassen sich die Schriftsteller*innen Bachmann, Johnson, der Essayist, der Schrifsteller sein wollte, Améry, und schließlich die Journalistin und Aktivistin Meinhof gemeinsam als "Die Verunglückten" bezeichnen.

Aber: Sind die Tode, die (direkten oder indirekten) Selbstmorde dieser vier Personen wirklich miteinander zu vergleichen? Und überhaupt: Fällt nicht Ulrike Meinhof als Angehörige einer anderen Generation und nicht auf die gleiche Weise schriftstellerisch Tätigen aus der Reihe heraus?

Dass überhaupt verschiedene, teilweise konkrete Verbindungen zwischen diesen vier Personen gefunden wurden, ist bereits ein Verdienst von Bormuth. Man hat das Gefühl, auf eine gewisse Weise von einem "Fan" zu lesen, den die Biographien sowieso faszinieren, beschäftigen, begleiten. Im Feuilletonstil bilden dabei die Assoziation, das genaue, buchstabengetreue Nachforschen, das Aufrufen gesamtgesellschaftlicher, politischer Themen und das intime Interesse für Berühmtheiten eine gelungene Melange.

Jean Améry wurde als Jude und Widerständler erst nach Breendonk in Belgien und später nach Auschwitz deportiert. Er schrieb nach dem Krieg deutschsprachige Essays, die wegen ihrer Sprachgestalt und Gedankenstärke eine große Wirkung zeitigten (in der schönen Klett-Cotta-Ausgabe: Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten). Kritisch begleitete er gesellschaftliche Umbrüche wie die Studierendenbewegung 1967/68, die einerseits bereit war, totalitäre Regime, die sich gegen "den Westen" wandten, zu unterstützen, andererseits aber Israel als Staat nicht anerkannte. Er ist wohl am wenigsten über Briefe, Notizen oder persönliche Kenntnis mit den anderen drei verbunden gewesen, wie ihm sowieso eine Außenseiterrolle bestimmt blieb. Dem philosophischen, französischsprachigen Existenzialismus verpflichtet, schlussfolgerte er, auch geschädigt von seinen traumatischen Erfahrungen, aber eben dennoch aus freien Stücken, dass er selbst über seinen Todeszeitpunkt entscheiden will. Darüber schrieb er nicht nur einen Text (in einer genauso wunderschönen Klett-Cotta-Ausgabe: Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod, er löste damit auch eine Debatte aus.

1967/68 war der aus der DDR geflohene Schriftsteller Uwe Johnson in den USA (und lernte dort Hannah Arendt kennen, und schrieb an seinen Jahrestage). Sein Haus in Westberlin wurde von der Studierendenbewegung als Kommune 1 benutzt. Mit Max Frisch war er bekannt und befreundet, über Ingeborg Bachmann schrieb er einen Text, nachdem diese gestorben war. Am letzten Band der Jahrestage scheiterte Johnson einige Jahre später. Dann erfuhr er, dass seine Frau ihm mit einem Tschechen fremdgegangen war. Gleichzeitig konsumierte er Alkohol und entwickelte die haltlose Vorstellung, dass dieser Tscheche mit dem sozialistischen Geheimdienst zusammengearbeitet hätte, um über Johnsons Frau an Informationen zu kommen. Seine Frau (Elisabeth Johnson) bestritt dies. Öffentlich wurde dies, nachdem ein Gerücht in die Welt gesetzt wurde, worauf Johnson sich entschied, davon zu schreiben. Hier aber änderte er die Chronologie, sodass es so schien, als wäre das Fremdgehen seiner Frau der Grund für das Nichtschreiben des 4. Teils. Sein Verleger Unseld von Suhrkamp unterstützte ihn dabei, auch, um sich selbst positiv darstellen zu können. Johnson versank im Alkohol. Minutiös wird diese Affäre, die für die Frau von Johnson, die, wie so oft, eventuell auch aktiv an seinem Schreibeprozess beteiligt gewesen war, schrecklich gewesen sein muss, nachgezeichnet - bis hin zu dem Detail, dass Johnsons Unterstreichungen in einem im Nachlass aufgefundenen psychotherapeutischen Buch darauf hinweisen würden, dass er eventuell selbst geahnt haben könnte, dass er einer Paranoia erlegen war.

Bachmann hat sich früher umgebracht als Johnson. Dieser hatte in Eine Reise Nach Klagenfurt (Ich habe es noch nicht gelesen) über ihren Tod berichtet und nachgedacht. Er war ja auch mit Max Frisch bekannt, der wiederum mit Bachmann liiert war (und auch an Eifersuchtsgefühlen litt). Bachmann teilt mit Johnson ein nationalsozialistisches Elternhaus. Für sie war deswegen ihre problembehaftete Liebe zu Paul Celan in ihrer Selbstdeutung wichtiger als die zu Max Frisch. Dies weist Bormuth auch anhand des sehr guten herausgegebenen Briefwechsels in Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel nach. Tatsächlich sind die dort veröffentlichten Briefe nicht nur erschütternd, weil sie von dramatischer Liebe handeln - auch das Thema des Antisemitismus schwingt die ganze Zeit mit. Bachmanns Identität definierte sich teilweise mit dem Jüdischsein Celans (also dass sie wegen der schlimmen Geschichte dankbar war, durch ihn eine Art Versöhnung anstreben zu können), teilweise gegen dieses (wenn sie meint, er würde negative Rezensionen wegen eines Schuldkomplexes überbewerten). Erschütternd ist in diesem Kontext, dass aber sie selbst den österreichischen großdeutschen Nationalsozialismus ihres Elternhauses in der Öffentlichkeit verharmloste.

Meinhof passt am wenigsten in diese Reihe - schon allein, weil man anders als z.B. bei Bachmanns "Todesarten" und Gedichten oder Amérys verkanntes literarisches Werk bei ihr nun nicht zum Lesen versucht ist (vielleicht höchstens zu der Ditfurth-Biographie). Erstaunlich, wie die schriftstellerischen Wegbegleiter - allen voran Enzensberger, der natürlich auch wieder mit Johnson und Bachmann verbunden ist - das Gewaltpotential des meinhof'schen Denken von Anfang an unterschätzten. Erschütternd: die Konkurrenz und Manipulation innerhalb der Gruppe, mit ein Grund für ein Leiden Meinhofs. Hier passt am meisten die Deutung einer gewählten Passion, da Meinhof (und auch Ensslin) zutiefst von protestantischem Denken geprägt waren. Deswegen passt auch andersherum, dass mit Gollwitzer ein Theologe nach dem Tod ihr Fürsprecher war (ihren Tod aber vorsichtig deutete).

Gibt es Auswege aus dem Leiden? Enzensberger scheint für Bormuth einen Ausweg gefunden zu haben, indem er sich in einer Außenseiterrolle nie zu sehr festlegte, und somit aus der Distanz sein eigenes politisches Engagement nicht so sehr ernstnehmen musste. Max Frisch hat es irgendwie überstanden, man könnte unvorsichtig sagen, dass die Stellung seiner Identität als Schweizer leichter war, auch wenn er an seiner Vergangenheit in der Armee litt. Bormuth präsentiert noch Hannah Arendts-Versöhnungs-und Verzeihens-Konzept als Möglichkeit, mit der Geschichte, den dort geschehenen Untaten und vor allem den Untätern, die Arendt ja zuhauf noch erleben musste, umgehen zu können.
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