Niklas Luhmanns „Politische Soziologie“, herausgegeben von André Kieserling, ist das maßgebliche Betriebshandbuch für eine Gesellschaft, die begriffen hat, dass sie kein Zentrum mehr besitzt. Während der „Alte aus Rhöndorf“ vermutlich fassungslos vor dem Inhaltsverzeichnis gestanden und gefragt hätte, wo in diesem ganzen Gestell aus Systemtheorie und funktionaler Differenzierung eigentlich der „Mensch“ geblieben sei, antwortet Luhmann mit kühler Eleganz: Der Mensch ist Umwelt.
Es ist ein phänomenaler Crunch der Vernunft, in dem Begriffe wie Macht, Herrschaft und Legitimität nicht länger als moralische Kategorien, sondern als Kommunikationsmedien seziert werden. Luhmann schlägt hier eine formidable Lichtung im Dickicht sozialer Komplexität, indem er Politik und Verwaltung so präzise voneinander trennt wie Borel seine Spielkarten.
Die soziologische Potentialentfaltung erreicht ihren Höhepunkt, wenn selbst der Opportunismus – in Kapitel 17 – eine nüchterne, fast schon respektvolle Würdigung erfährt; eine Einsicht, die wohl manchem gestandenen Parlamentarier ein wissendes Schmunzeln entlocken dürfte. Der eigentliche „Oberschurke“ ist hier nicht der korrupte Akteur, sondern die drohende Entdifferenzierung, gegen die Luhmann sein analytisches Modell als unvergleichlichen Schild der Vernunft in Stellung bringt.
Wer verstehen will, wie das politische System die öffentliche Meinung als fremdes Medium verarbeitet, ohne dabei in normative Selbsttäuschungen zu verfallen, findet in diesen Vorlesungsnotizen eine exzellente Aufteilung des Sinnlichen. Es ist eine maßgebliche Lektüre für alle, die bereit sind zu akzeptieren, dass Politik heute weniger mit „Wollen“ zu tun hat als mit der autopoietischen Selbsterhaltung komplexer Apparate.