Sergej Lochthofen gehört zur dritten Generation einer deutsch-russischen Familie, die den Stalinismus erlebt und erlitten hat – von der Oktoberrevolution über den Gulag bis zum Mauerfall. In diesem Buch erzählt er, wie er aus Workuta nach Thüringen kam, auf der Straße die Sprache lernte, als einziges Kind eines Zivilisten in eine sowjetische Garnisonsschule ging, von zu Hause ausbrach, um auf der Krim Kunst zu studieren, vor der Einberufung in die Sowjetarmee zurück in die DDR floh und während der bleiernen Honecker-Zeit den stupiden Alltag in einer SED-Zeitung als Journalist erlebte – bis schließlich die aufregende Wendezeit anbrach. Dabei wird deutlich: Die Verschränkung von Deutschland und Russland ist mehr als ein biographischer Zufall. Wer die DDR verstehen will, muss die Sowjetunion mitdenken.
Ich schätze Lochthofen und teile viele seiner Wertungen. Ich schätze auch die biografischen Reflexionen zu seinem gewiss interessanten Leben zwischen Russe- und Deutscher- Sein in der DDR. Trotzdem ist mir das alles insgesamt zu "grau". Ohne das Politische wird das Leben romantisch nach dem Motto: Auch unter Adolf waren die Lagerfeuer das schönste... Aber ohne das Leben reduziert das Politische die Romantik (je)der Jugend auf ein Leben ohne Lagerfeuer. Beides ist irgendwie nicht das, was dem Leben - in welchem untergegangenen Land auch immer - gerecht wird. Trotzdem ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich für diese Zeit in der DDR interessieren. Gelogen ist natürlich nichts von alledem. Und die Besuche der Russen beim Vater bzw. dessen Tricks, seine Betriebsinteressen mit ihrer Hilfe (und viel Wodka) durchzusetzen, sind in der tat "typisch" und lesen sich amüsant. Kein langweiliges Buch.