Was wäre los im Land, wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten? Wenn sie bei Beförderungen übergangen und beim Reden dauernd unterbrochen würden? Die Hölle wäre los! Dass Frauen so behandelt werden, ist aber ganz normal. Martin Wehrle dreht den Spieß Da passiert das alles einem Mann, der eines Morgens als Frau aufwacht. Ein Kunstgriff, der den Skandal verdeutlicht. Was auf den ersten Blick amüsiert, beschämt auf den zweiten – und fordert für Frauen die Gleichberechtigung. Dieses Buch ist schon einmal unter dem Titel "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" im Mosaik Verlag erschienen.
Schön gedacht, aber die Transformation von Herrn Müller in Frau Müller ist zu konstruiert und wird nicht rund. Die Gedanken stimmen alle, jedoch mochte ich den Stil und Punchlines nicht.
Das Buch beginnt etwas zäh mit einer etwas abstrusen Einführung, in der Peter Müller eines Morgens kurz nach einem kleinen Sabbatical und vor einer Bewerbungsphase als Petra Müller aufwacht. Als "gelernter Mann" geht er also Bewerbungsprozess, Stellenantritt, Probezeit, Gehaltsverhandlung, etc. als Frau in einer Männerdomäne durch und wird nach Strich und Faden teilweise von sich selbst, aber hauptsächlich von den anwesenden Männern ausgebremst.
Wie gesagt: der Anfang ist etwas zäh und surreal, aber sobald der Coach eingeführt wird und Petra Müller anfängt, die Situationen mit dem Coach zu besprechen und sich immer weiter entwickelt und den Problemen des Arbeitsalltags als weibliche Führungskraft gekonnt begegnet, wird es sehr spannend und lehrreich.
Das Ende, in dem Wehrle der abstrusen Geschichte um Peter Müllers Verwandlung in Petra Müller versucht ein rundes Ende zu geben, gelingt nicht und nervt auch ziemlich. Aber ich gestehe dem Autor zu, dass er es keine schlechte Idee ist, die lehrreichen Teile aufzulockern und am Beispiel zu veranschaulichen, indem er sie in eine kleine Geschichte packt.
Ein Nachteil des Buches ist, dass doch wieder viel Sexismus durchs Hintertürchen reinkommt. Frauen sind so und Männer sind so - also Sexismus. Sicher gibt es Unterschiede, aber nur wegen der Sozialisiation und nicht weil die Unterschiede von Natur aus bestehen. D.h. Frauen, die das Glück hatten, nicht ganz so extrem sozialisiert worden zu sein oder die daran gearbeitet haben, ihre Sozialisation zu überwinden, sind anders. Was macht man als Frau, wenn man in einem Männerberuf arbeitet und sich männlich verhält, also risikofreudig ist, Gegner gut in die Schranken weisen kann und einsam führt?
Es ist schwierig in einem Buch dafür zu plädieren, dass mehr Frauen in Führung kommen sollen und nicht darauf zu pochen, was der Vorteil ist, wenn man eine Frau einstellt. Aber am Ende des Tages ist das Ziel doch, die Vorurteile jeglicher Art zu überwinden. Dennoch bringt Wehrle auch wieder das klassische Sexisten-Argument der Evolution auf den Tisch, um die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erklären. Ganz fatal und ein absolutes No-Go, wenn man Frauen wirklich fördern will und nicht noch zusätzlich Steine in den Weg legen will!!! (Deswegen gibt es doch nur 4 Sterne - es geht einfach nicht, Frauen beizubringen, wie man führt, um den Status Quo zu ändern und dann die Evolution als Grund für Unterschiede zwischen Mann und Frau anzuführen. Abgesehen davon, ist das Buch super! Die praktischen Tipps, das Absichern vor Ideenklau, etc etc - diese Tipps sind so gut, dass ich dem Buch fast 5 Sterne gegeben hätte!)