Dieses Buch* hat mir eine unfassbar ärgerliche Lektüre bereitet. David Lynch dürfte einer der interessantesten, weil enigmatischsten Regisseure der letzten vier Jahrzehnte Filmgeschichte sein. Bereits zuvor las ich Robert Fischers Buch über David Lynch (David Lynch: Die dunkle Seite der Seele), dessen hauptsächliche Schwäche in seinem Alter besteht (das Buch ist von 1992 und geht folglich nicht über Wild at Heart hinaus) und primär Biographie des Regisseurs und Entstehungsgeschichte der Filme beleuchtet. Lynchs Filme entziehen sich geradezu einer Interpretation - umso gespannter war ich auf das, was der Filmkritiker Seeßlen in seinen Analysen dazu zu sagen hat. Um es vorweg zu nehmen: Äußerst wenig. Ich versuche im folgenden anhand einiger Punkte zu illustrieren, warum ich dieses Buch als so großes Ärgernis empfinde.
1. Anspruch: Von vornherein ist unklar, welchen Zweck das Buch eigentlich erfüllen soll. Ist es als Biographie und Werkschau oder doch als Werkanalyse und -interpretation ausgelegt? In den ersten Kapiteln werden immer wieder biographische Details vollkommen ohne Zusammenhang eingestreut, was sich aber relativ schnell im Sande verläuft. Danach besteht der Text nur noch aus Film-"Analysen", die im Wesentlichen aus einer strukturierten Nacherzählung bestehen und kaum wissenschaftlichen Standards genügen. Die Texte sind jedoch zu bemüht wissenschaftlich, um als feuilletonistisch durchzugehen und enthalten kaum Kritik. Was uns zum nächsten Punkt führt:
2. Theoretischer Unterbau: Anstatt einschlägige wissenschaftliche Veröffentlichungen zu zitieren (und damit meine ich Grundlagen- und Methodenliteratur und nicht einmal Forschungsliteratur), bastelt sich Seeßlen ein krudes Mischmasch aus beliebig ausgewählten und teilweise sinnentstellten Theorienbruchstücken zusammen. So fußt im Grunde seine ganze Analyse auf dem Konzept des "nicht zu Ende geborenen Mannes", das er halbwegs richtig von Adolf Portmanns Theorie von der physiologischen Frühgeburt übernimmt. Portmanns Modell besagt im Grunde nur, dass der Mensch im Vergleich mit anderen Säugetieren zu früh zur Welt kommt und folglich, anders als die meisten anderen Tiere, als Säugling komplett hilfsbedürftig ist. Daraus versucht er abzuleiten, dass die Filmprotagonisten mit der Ablehnung durch die Mutter konfrontiert werden. Das funktioniert bei The Elephant Man ganz gut, bei Eraserhead und Wild at Heart halbwegs, wirkt aber bei The Straight Story und vor allem bei Mulholland Drive, in dem ja quasi kein Mann eine Hauptrolle spielt, extrem entwaffnend. Dann interpretiert er den Film auch noch als "magische Autobiographie" und nimmt sich ohne Weiteres das Recht heraus, Lynchs Œuvre als einen einzigen langen Text in der Biographie des erwähnten nicht vollständig geborenen Mannes zu lesen. Lynch spielt tatsächlich immer wieder mit (Selbst-)Zitaten, Variationen von Motiven und Intertextualität. Man muss aber trotzdem die Filme primär als das behandeln, was sie sind: Eigenständige, in sich geschlossene Texte. Was darüber hinausgeht, muss begründet und herausgearbeitet werden und ist nicht einfach eingangs zu postulieren. Das alles ist umso ärgerlicher, als dass Seeßlen als studierter Kulturwissenschaftlicher und Semiotiker es eigentlich besser wissen müsste (Semiotik, früher auch Semiologie genannt, ist die Lehre von den Zeichen, die sich insbesondere in den Literatur- und Filmwissenschaften als fruchtbar erwiesen hat - dort ist auch das Dogma vom "Tod des Autors" prominent, also das Gebot, Texte nicht autobiographisch zu interpretieren). Aber in seiner Analyse zu Mulholland Drive zeigt sich, dass er offenbar die Grundannahmen seines eigenes Fachgebietes, der Semiotik, nicht verstanden hat: "Mulholland Drive ist voller Verbrechen, für die es keine Indizien gibt, aber noch mehr von Indizien, für die es kein Verbrechen gibt. Das Indiz ist ein Ikon, und das Symbol ist Ornament, oder umgekehrt." (S. 212) Nein, ein Indiz ist kein Ikon. Grundlagen der Zeichentheorie. Noch mehr zu inhaltlichen Schwächen unter Punkt 4.
3. Inhaltliche Gliederung, Aufbau und Stil: Das Buch verfolgt grundlegend den bewährten chronologischen Ansatz und beginnt dementsprechend mit Eraserhead. Mehr als einmal wird aber vom Thema abgewichen, und die oben angesprochenen biographischen Exkurse hätten besser in ein eigenes Kapitel gepasst. Ebenso ist mir schleierhaft, wieso zwar am Anfang ein (sehr dünnes) Theoriekapitel steht, der postmoderne Film aber ziemlich genau in der Mitte des Buches in einem gesonderten Kapitel abgehandelt wird. Und warum spricht Seeßlen den Einfluss des expressionistischen Films im Kapitel zu Mulholland Drive an, anstatt bei Eraserhead - dem Film, der konzeptuell die deutlichsten Parallelen zum deutschen Film der Frühen Moderne aufweist? Lobend erwähnen muss ich hier aber das letzte Kapitel zur "Methode Lynch", das zusammenfassend einen Überblick über die stilbildenden Merkmale und Methoden des Regisseurs gibt. Hinzu kommt, dass das Buch durchgehend in einem anstrengenden, besserwisserischen (böse formuliert: pseudointellektuellen) Duktus verfasst ist. Immer wieder werden vollkommen irrelevante Fakten angesprochen, die keinerlei Bezug zum behandelten Thema haben (Ernst Bloch und Karl Marx!) und lediglich kaschieren, dass der Autor zum eigentlichen Film herzlich wenig zu sagen hat. Leserfreundlichkeit geht anders. Hier hätte ein Lektor eingreifen müssen (wie übrigens auch bei den häufigen Schreibfehlern).
4. Schwächen in den einzelnen Analysen: Wie bereits erwähnt weisen die einzelnen Analysen erhebliche theoretische Mängel auf und weichen nicht selten ohne erkennbaren Grund vom Thema ab. Grundsätzlich wird uns wenig eigentlich Analyse als viel mehr rhetorisch geschickt verpackte Spekulation geboten. Das beginnt schon bei dem fragwürdigen Konzept vom "nicht zu Ende geborenen Mann" (ein Begriff, der generell viel zu oft ohne Rechtfertigung in diesem Buch auftaucht) und setzt sich durch die einzelnen Essays hindurch weiter fort. Ich möchte hier nur ein paar einzelne Elemente herausgreifen. So beginnt der Abschnitt zu Twin Peaks mit folgender haarsträubender Behauptung: "Den Großstädter Agent Cooper, der in die faszinierend schöne und geheimnisvolle Provinz kommt, können wir in Kenntnis des Lynch-Universums als den Sohn verstehen, der in den Mutterleib zurückkehrt, um dessen widersprüchliche Verhältnisse zu klären; der Mutterleib in dem nur einer wüten kann: der Vater." (S. 112). Eigentlich möchte ich diesen gellenden Unsinn der Deutlichkeit halber unkommentiert stehen lassen, aber ich fühle mich zu deutlich an etwas erinnert, das ein Dozent in meinem ersten Semester während einer Literaturwissenschaft-Einführung zu den Studenten gesagt hat: "Sie sollen aus dem Text heraus- und nichts hineininterpretieren!" Weiter zu Wild at Heart. Anstatt die im Film explizit angelegten intertextuellen Verweise auf den Wizard of Oz und dessen Handlungsstruktur oder auf die Popkultur der 50er/60er semiotisch herauszuarbeiten (darauf geht er nur ganz kurz ein), versteigt Seeßlen sich allen Ernstes zu einer marxistischen Interpretation der Episode in Big Tuna, wo es anscheinend bourgeiose Strukturen geben soll. Am deutlichsten überfordert ist Seeßlen bei Mulholland Drive, wo er offenbar nicht einmal grundlegende Elemente des Filmes richtig wiedergeben kann. So bezeichnet er die Figur von Michael J. Anderson als "kleinwüchsigen Mann" (214) - Anderson ist zwar tatsächlich der zwergenhafte "man from another place" aus Twin Peaks, spielt aber in Mulholland Drive gerade keinen Kleinwüchsigen - er trägt sogar Beinprothesen! Dann bezeichnet er Diane einfach als schwer drogensüchtig - eine Lesart, die im Film aber mit viel gutem Willen bestenfalls angedeutet wird und daher einer Begründung bedürfte (auch hier: heraus, nicht hinein!). Und die seltsame Sängerin im Theater ist natürlich La Llorona de Los Angeles und nicht, wie von Seeßlen behauptet, die "Jurena" (S. 221; das Wort gibt es im Spanischen m.W. überhaupt nicht). Immerhin ist die Übersetzung - "Weinende" - geglückt. Natürlich sind das nur Details, mag man einwenden. Ja, aber in dieser Häufung (wie gesagt - ich habe hier nur einige herausgegriffen!) und gepaart damit, dass der Autor ansonsten erschreckend wenig über den Film zu sagen weiß, extrem ärgerliche Details.
Das Werk Lynchs aufzubereiten ist sicher kein einfaches und ein noch weniger dankbares Thema. Was uns aber hier vorliegt, ist der knapp 260 Seiten umfassende Versuch, sich aus der Affäre zu ziehen, von dem mindestens zwei Drittel überflüssig oder unbrauchbar sind und teilweise nur sehr knapp an der intellektuellen Bankrotterklärung vorbeischrammen. Zu seicht und spekulativ für eine Interpretation, zu leserunfreundlich und überintellektualisiert für das Feuilleton. Enttäuschend und entwaffnend.
*Das Buch ist gegenwärtig nur antiquarisch erhältlich. Mein Review bezieht sich auf die 5. Auflage (2003). Die neueste und bisher finale Auflage ist die 7. von 2007, die aber leider nicht beschaffbar war.