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Arm, Reich und dazwischen nichts?: Streifzüge durch eine veränderte Gesellschaft

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An sich ist die Nachricht, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, nicht neu - aber gerade das ist das eigentlich Erschü Nichts scheint diese Entwicklung aufzuhalten. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Deutschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Im Jahr 2005 waren das bereits gut zehn Millionen. Dem gegenüber steht die Zahl der Reichen, nämlich 1,6 Millionen Bürger, die mehr als 500.000 Euro besitzen, und Superreichen, mittlerweile 3.700 Bürger, die mehr als 30 Millionen Euro besitzen. Egal, an welchem Ende man ansetzt, seit Jahren Tendenz steigend. Aber was bedeuten diese Zahlen eigentlich für die Menschen? Dieses Buch zeigt, welche Formen und bisweilen Auswüchse Armut und Reichtum im heutigen Deutschland annehmen, und es zeigt, welche Menschen dahinterstecken. Damit bekommen die Extreme dieser Entwicklung ein Gesicht.

254 pages, Hardcover

First published January 1, 2007

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Helmut Kuhn

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Profile Image for Klaus Mattes.
746 reviews10 followers
February 23, 2025
Oha, da hätte ich besser aufpassen können! Dann hätte ich das Buch nämlich nicht gekauft. Ein bei Bastei Lübbe erschienenes Buch von einem Reporter bzw. freien Journalisten („stern“, „mare“, „Focus“, SZ), Buch über die soziale Ungleichheit in Deutschland, das - ausgerechnet - der FAZ „kein Thesenbrüller, sondern einfach ein gutes Buch“ war (Klappentextwerbung).

Man wird Helmut Kuhn zu Gute halten, dass er damals, 2007 einsam auf weiter Flur stand, als er Pfandflaschensammler - schon zwei Jahre nach Einführung der Hartz-Gesetze - sich um den kargen Zuverdienst zu ihrer Hängematten-Stütze bekriegen sah. (Nicht einsamer Seher unter deutschen Menschen, allerdings einsamer Seher innerhalb der deutschen Medienschaffenden.)

Nun hat Helmut Kuhn allerdings mehrere Flaschensammler, die, wie er betont, durchaus nicht verlottert aussahen, befragt, warum sie das eigentlich machen, und hat gehört, sie würden das nicht aus Geldgier tun, sondern um für Sauberkeit, Ordnung und Recycling in den Städten zu sorgen. Man hat ihm aber auch erzählt, manche würden es jeden Tag so lange und mit so einem Nachdruck tun, dass sie via Pfandeinlösung zu durchschnittlich 20 € pro Tag kommen. Das wären dann etwa 600 € Haben oder Nicht-Haben monatlich. Und natürlich lag zur Zeit des Erscheinens des Buchs der Hartz-Satz für Alleinstehende (wenn man die unvermeidlichen Posten Wohnungsmiete, Nebenkosten, Internetanschluss sowie Strom (von dem Kuhn behauptet, der werde vom Staat bezahlt, aber nein, an dieser Stelle hat der versierte Journalist anscheinend suboptimal recherchiert) erst mal herausrechnet) damals gerade bei 300 € im Monat und dann versteht sich schon von selbst, dass man sagt, ach nöö, fürs Geld tu ich das gar nicht, sind doch nur läppische 600 €.

Aber was mich an diesem Punkt von dem klugen Herrn Kuhn am allermeisten nervte: Wieso stellt dieser Mann sich nicht ein einziges Mal das enorme räumliche Volumen und das Gewicht von all diesen Flaschen vor, die da Tag um Tag 20 € Pfand erwirtschaften müssen? Und kommt nie auf die Idee, dass die erwähnten Akkordarbeiter ihre Beute doch per Pedes und der Kraft iher Arme zu den Automaten hin und durch diese hindurch bringen müssen, täglich nämlich, weil sie sich von dem genannten Geld den Unterhalt von einem Mittelklassewagen wohl kaum noch leisten können. Haben sie Werkverträge mit Zuarbeitern in der Verwandtschaft laufen, die sie mit Naturalleistungen abgelten? Darüber würde ich gern auch noch ein Buch lesen.

Was Helmut Kuhn kann, ist die Gefühlsmobilisierung seiner früheren Arbeitgeber „stern“-, „Quick“, Reality-Privat-TV zu bedienen. Das irgendwo hoch droben über seinem Buch-Thema schwebende Problem der seit Jahrzehnten ablaufenden Realvermögensumschichtung von den Unter- und Mittelschichten hinüber zu den Superreichen, den Milliardären, sieht er kein einziges Mal. Das rührt auch nicht zu Tränen.

Er dagegen schreibt eine Art Verismus-Oper: auf der einen Seite der Bühne die reichen Dekadenten, auf der anderen die unschuldigen Armen. Und die großen Bösen sind niemals irgendwie fassbare Einzelmenschen, es sind immer gesichtslose, internationale Kapitalgesellschaften.

Einen Absahner entdeckt er dann doch im vormaligen VW-Manager Peter Hartz, der die VW-Betriebsräte geschickt dazu bringen konnte, ihrer Geschäftsleitung aus der Hand zu fressen. (Und erst in Betrügerei lotste, dann weltmarktmäßig in den Graben, wie man aus heutiger Sicht nachtragen könnte.) Bei den armen Unschuldigen kommen selbstverständlich ganz schnell die kleinen Kinder ins Bild. Ein Berliner Theologe kocht Gratis-Armen-Suppe für sie und schwallt dazu noch was von „Stärkung des Selbstbewusstseins“. Dann trifft Kuhn einen Langzeitarmen, der sich selbst wieder nach oben gekämpft hat. Er hat sich selbstständig gemacht, ist Autoverkäufer geworden, möchte in Oberbayern eine Skoda-Filiale übernehmen. Aber nein, die bösen Kapitalgesellschaften lassen ihn hängen. Die Schufa mag ihn nicht und die Banken verweigern ihm Kredit.

Wenn was in Helmut Kuhns Opern-Dramaturgie passt, glaubt er seinen Gesprächspartnern jedes Garn, das sie spinnen. Sylt erlebt er als Insel der Freundschaft. In Kampen trifft er sich mit einem Handy-Man und Hintergrund-Assistenten reicher Leute. Der fährt zum Beispiel den drogensüchtigen Sohn eines Millionärs zwischen Internat und Elternhaus hin und her und verlangt nie irgendwas dafür. Allerdings trägt dieser hilfreiche Freund nur Maßgeschneidertes und muss nie Geld hinlegen, wenn er den Journalisten zu einem Drink oder Kaffee einlädt. Alles gute Freunde von seinem reichen Freund. Die armen Reichen, erzählt der Zeuge, müssten auf Sylt in primitiven, einstöckigen, schilfrohrgedeckten Häusern leben, weil die Bauordnung hier alles reguliere. Innen sei dann Marmor und der Pool im Keller werde gerade raus gerissen und durch einen neuen ersetzt. Okay, wenn der das sagt, jetzt wissen wir Bescheid.

Das Kampen-Kapitel („Von Kaisern und Königen“) hat 30 Seiten, das über Berlins preiswertestes Armenbegräbnis hat 12. Der Senat zahlt es den Hartzern ohne Gegenleistung - und auch das kostet jedes Mal über 1.000 €! Damit nicht genug, muss Kuhn jetzt auch noch die Hundebestattungen für Arme featuren: „Von reichen und von armen Hunden“. Dann noch mal 20 Seiten mit Sozialonkel Franz Müntefering (SPD, später Deutsches Rotes Kreuz). Nachdem sein Kanzler und Parteivorsitzender die Steuern auf Kapitaleinkünfte und Börsengeschäfte schon mal drastisch gesenkt bzw. abgeschafft hatte, zeigte der Onkel sein goldenes Herz und fing an, in den Medien über „internationale Heuschrecken“ zu weinen.

Schlimmer geht’s immer und so kommt Helmut Kuhn gegen Ende auf „Die alte Kaste der Armen - Sozialschmarotzer“ zurück. Anfang der achtziger Jahre (ja mei, ist jetzt schon ein bisschen her) hat er in Berlin studiert und in Kreuzberg Dinge beobachtet, die er „mafiöse Schutzgelderpressungen“ nennen sollte, was er aber nicht tut, vielmehr fährt er eine Tirade gegen autonome, linke, arbeitsverweigernde Chaoten ab, die auf Kosten der Allgemeinheit leben. Also doch böse Arme. Ladenlokale wurden vandalisiert und abgefackelt, dabei, wie zufällig, genau die Läden übersehen, die zuvor die ständigen Ladendiebstähle der Autonomen (laut Kuhn: Sekt und Lachs) übersehen hatten.

Wie das Leben so spielt, kommt Kuhn noch mal mit einem alten Bekannten aus jenen Tagen zusammen, der gerade einen Gerichtstermin in Berlin hat. Der Typ ist jetzt Hartz-IV-Empfänger und behauptet, seit damals hätte er nicht eine einzige Stunde gearbeitet. Alle Hartz-IV-Empfänger, die sonst in Kuhns Buch irgendwo was sagen dürfen, sind a) die Flaschensammler vom Anfang, b) die Suppen essenden Kinder (die übrigens verlaust sind). Der Autoverkäufer wäre heute Hartz, wenn er nicht sein Unternehmen gegründet hätte, das man ihm nun bald zumachen wird.

Helmut Kuhn, der den besagten „Kumpel aus den alten Zeiten“ seit über 20 Jahren nie wieder getroffen oder gesprochen hat, weicht ihm jetzt eine Nacht lang nicht von der Seite und lässt sich die Drogenkarriere lückenlos erzählen. Er schreibt sich sofort auf, welche Alkoholika sein früherer Bekannter kommen lässt, und er lässt sich natürlich auch noch das Rückreise-Ticket von ihm zeigen. Ein Buch, das, findet die FAZ, einfach nur gut gemacht ist.

Henky Hausdealer, der seit mehr als zehn Jahren Arbeitslosengeld bezogen hatte, so gut wie jeden Tag auf Acid und Amphetaminen gewesen war und in Hamburg nach wie vor vom Verkauf von Drogen aller Art lebte, prostete seinem Anwalt zu. Die Berliner Nacht war noch jung. Henky schickte sich an, noch einige Whiskey Sour zu nehmen, bevor er in der Edel-Diskothek „Crix du Chat“ auf Kir royal mit Maraschino-Kirsche umsteigen und am späten Morgen nach einem Champagnerfrühstück mit seinem Anwalt den Zug nach Hamburg nehmen würde. Erster Klasse übrigens.
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