Ein Internatsroman. Eine tragische Liebesgeschichte. Eine packende Story über Führung und Verführung. Der sensible Tilman Weber ist 13, als er auf ein Internat an der Ostsee kommt. Erst fühlt Tilman sich sehr allein in der „Freien Schule Schwanhagen“. Dann aber verliebt er sich in Ella und findet Aufnahme in ihrer Schülergruppe. Die wird geleitet von dem sehr unkonventionellen Lehrerpaar Wieland. Als er sich schließlich zwischen Ella und der „Familie“ entscheiden muss, kommt es zur Katastrophe. 27 Jahre später. Der bekannte Schriftsteller Tilman Weber erhält einen Telefonanruf. Es ist Ella, die ihn zur Beerdigung einer Mitschülerin einlädt. Bei dem Treffen will Ella die sexuelle Gewalt von damals öffentlich machen. Tilman will das auf keinen Fall…
Ein sehr packendes Buch über das Erleben und Verarbeiten sexualisierter Gewalt, die im jungen Alter passierte. Ich fand es spannend Tilmans Umgang mit der Vergangenheit über das Buch hinweg zu erleben. Auch finde ich, dass man sehr gut erkennt, dass sich Anselm Neft intensiv mit den Folgen von Missbrauch und Manipulation beschäftigt hat, was ich bei dem Thema für sehr wichtig erachte und das Buch wahrscheinlich erst zu dem macht, was es ist: Eine Geschichte über die Einordnung der eigenen Vergangenheit und den Umgang mit Gewalt.
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Auf Anselm Neft bin ich über meinen Lieblingsliteraturpodcast, laxbrunch, gestoßen, den er gemeinsam mit Nefeli Kavouras hostet. Da ich die beiden so gerne über Literatur sprechen höre, war ich neugierig, herauszufinden, was er selbst so schreibt, und habe mir seinen Roman "Die bessere Geschichte" aus der Bücherei ausgeliehen. Es geht um den Schriftsteller Tilman, der als Kind auf ein reformpädagogisches Internat geht, an dem unkonventionelle Erziehungsmethoden angewendet werden und es zu sexuellen Übergriffen kommt. Nach Bekanntwerden ähnlicher Fälle in den 201oer Jahren wollen ehemalige Klassenkamerad*innen die Vorfälle an die Öffentlichkeit bringen, doch Tilman ist zunächst dagegen.
Als ich den Roman zum ersten Mal aufgeschlagen habe, war ich skeptisch. Gleich im ersten Absatz geht es um die überirdische Schönheit Tilmans früh verstorbener Mutter und mir kam das alles sehr klischeebehaftet vor. Mit der Zeit habe ich jedoch einen guten Lesefluss gefunden. Tatsächlich hat mich der Roman so stark reingesogen, dass ich die 480 Seiten innerhalb von drei Tagen beendet habe. Besonders der erste Teil las sich fast wie ein Jugendbuch, ein Internatsroman à la Hanni und Nanni. Gleichzeitig gibt es einige Szenen, die eindeutig nicht jugendfrei und auch um einiges krasser sind als das, was ich bisher über sexuellen Missbrauch an Schulen gelesen habe. Wäre dieser Buch ein Film, wäre er zweifellos ab 18 (plus man müsste deutlich ältere Schauspielende nehmen, sonst wäre der Dreh natürlich illegal).
Tatsächlich war es ein bisschen awkward, Sexszenen mit Minderjährigen zu lesen. Auch awkward: Gewissermaßen darauf hinzufiebern, denn das macht schon einen großen Teil der Spannung des Romans aus. Beim Lesen den zweiten Teils musste ich mir mehrmals an den Kopf fassen und habe gedacht: "Oh nein!" Gleichzeitig finde ich es toll, dass Neft eben nicht wertet, dass er niemanden als vollkommen gut oder böse darstellt und es Lesenden ermöglicht, unterschiedliche Perspektiven nachzuvollziehen. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch recht kontrovers diskutiert wird, denn man könnte Neft auch den Vorwurf machen, er würde auf diese Art sexuellen Missbrauch verharmlosen (obwohl am Ende, glaube ich, doch klar genug wird, wie manipulativ die Verursachenden vor- und wie geschädigt alle aus der Sache herausgehen). Das Gespräch, in dem es nur vordergründig um Hamlet ging, war genial, und auch sonst war ich beeindruckt von den vielen Referenzen, vor allem auf Edgar Allan Poe, die Neft auf intelligente Weise in seinen Stoff eingewoben hat.
Auf jeden Fall ist es ein mutiges Buch, zumal Neft selbst Schüler eines Internats war, an dem es Missbrauchsfälle gegeben hat, und man nicht umhinkommt, sich zu fragen, wie groß der biographische Anteil an diesem Roman ist.
Bin begeistert! Das erste Buch seit Langem, das ich in einem Rutsch durchgelesen habe, denn „Die bessere Geschichte“ hat mich regelrecht eingesogen und gefesselt. Ein spannender Roman mit dem schwierigen Thema des sexuellen und, was klar deutlich wird, damit einhergehenden psychischen und emotionalen, Missbrauchs Minderjähriger, in Anlehnung an den Skandal in der Odenwaldschule. Ein Buch über Manipulationen, Verdrehungen, Psycho- und Physioterror, klug und einfühlsam geschrieben, das trotz der schweren Thematik auch Humor nicht missen lässt. Gedanken, Gefühle und Zustände des Hauptprotagonisten Tilman sind so klar beschrieben, dass man sich gut in seine Person hineinversetzen und nachvollziehen kann, wie diese Form psychischer Abhängigkeit entstehen kann. Auch wie der Akt des Missbrauchs an sich meist nur angedeutet bzw. umschrieben wird, aber durch einen klugen stilistischen Handgriff dennoch das sexuelle Ausmaß dessen deutlich wird, ist geschickt und macht dem Leser diese Stellen erträglich. So schwer die Materie auch sein mag, es macht Spaß, diese Geschichte zu lesen, denn sie ist wirklich besser als viele, viele andere, und damit für mich ein unbedingtes „Must Read“!