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Die zweite Frau

Ein Roman, geschrieben vor 45 Jahren - in der DDR "absolut undruckbar", wusste Kunert und versteckte ihn im Archiv. Nun wiedergefunden, wird er endlich veröffentlicht.

In einer Truhe fand Günter Kunert unlängst ein Manuskript, das er vor fast fünfundvierzig Jahren geschrieben hat - einen Roman, so frech, brisant und "politisch unmöglich", dass Kunert, der damals noch in der DDR lebte, ihn gar nicht erst einem Verlag vorlegte. "Absolut undruckbar", wusste er und vergrub das Manuskript so tief in seinem Archiv, dass er selbst es vollkommen vergaß und erst jetzt durch Zufall wiederfand.
Kunert ist berühmt für seine skeptischen Gedichte, die vor ökologischen Katastrophen und Fehlentwicklungen warnen, für seine Miniaturen und kurzen Prosatexte, Notate, Hörspiele, Filme; als Romanautor kennt man ihn eher nicht. Und hier ist nun ein Roman, funkelnd und frisch, geschrieben zur Hälfte des Lebens: Der männliche Protagonist sucht nach einem Geschenk zum vierzigsten Geburtstag seiner Frau; die Auswahl in den Geschäften ist ebenso entmutigend wie seine Einfallslosigkeit, schließlich tauscht er Mark der DDR in Westgeld, um im Intershop einzukaufen, und macht dort unbedachte Bemerkungen. So nimmt eine Tragikomödie um Montaigne, Missverständnisse und Stasi-Tumbheit ihren Lauf.

192 pages, Kindle Edition

First published February 4, 2019

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About the author

Günter Kunert

120 books5 followers
Nach dem Besuch der Volksschule war es Günter Kunert auf Grund der nationalsozialistischen Rassengesetze (seine Mutter war Jüdin) nicht möglich, eine höhere Schule zu besuchen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges studierte er in Ost-Berlin fünf Semester Grafik, brach sein Studium dann jedoch ab. 1948 trat er der SED bei. Er lernte Bertolt Brecht und Johannes R. Becher kennen.

Seit Mitte der sechziger Jahre pflegte er eine jahrelange enge Freundschaft zu dem Kollegen Nicolas Born, einen intensiven Briefwechsel, der 1978 kurzzeitig zu einem zur Veröffentlichung vorgesehenen Schriftwechsel wurde.

1972/73 war er Gastdozent an der University of Texas in Austin, 1975 an der University of Warwick in England.

Er gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR. Kunert ließ sich mit seiner Frau Marianne in Kaisborstel bei Itzehoe nieder, wo er bis heute als freier Schriftsteller lebt.

Kunert gilt als einer der vielseitigsten und bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller. Neben der Lyrik sind es Kurzgeschichten (Parabeln) und Erzählungen, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen und Sciencefiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, eine Vielzahl von Vor- und Nachworten zu Veröffentlichungen von anderen Autoren, Libretti, Kinderbücher, ein Roman, ein Drama und anderes mehr, die Kunerts kaum noch überschaubares schriftstellerisches Werk ausmachen.

Viele seiner Texte wurden von Kurt Schwaen vertont. Auch als Maler und Zeichner ist Kunert hervorgetreten.

In seinen Arbeiten nimmt er eine kritische Haltung zu Themen wie Fortschrittsgläubigkeit, Nationalsozialismus und der Politik des DDR-Regimes ein. Während seine frühen Gedichte, pädagogisch-kritisch argumentierend, dem sozialistischen Realismus verpflichtet waren und dem Fortschritt dienen sollten, nahm er später eine zunehmend skeptische und pessimistische Haltung ein.

Günter Kunert ist seit 1988 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg und seit 2005 Vorstandspräsident des P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland.

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Frank.
676 reviews131 followers
December 27, 2019
Ziemlich schwerfällig am Anfang kommt dann doch noch ein bisschen Witz auf. Die Verwicklung ergibt sich aus der Tumbheit eines Stasi- Offiziers, der aufgrund einer Denunziation, die ein Zitat von Montaigne betrifft, den "Helden" (?) unerlaubter Westkontakte wegen überprüfen lässt. Dass nicht mehr passiert ist das eigentlich Schockierende an dem Roman (?) - eigentlich eine längere Erzählung -, der sein Thema z.B. mit Christoph Heins "Der fremde Freund" teilt. Nur dass es hier die einem selbst entfremdete Frau (und umgekehrt) ist. Entfremdung durch langes Eheleben wie - politischer - durch die absolute Ereignislosigkeit eines Lebens, in dem eine alte Postkarte und ein Knochenfund ein (Eifersuchts)Drama entstehen lassen, das dem Alltags- Leben etwa so viel Würze gibt wie die Traumfantasien, die in einer berauschten Nacht auf den "Konsum" eines West-Pornos folgen. Die Beschreibung der imaginierten Sex- Szene hat immerhin was, denn bekanntermaßen ist hier Virtuosität nicht eben oft anzutreffen. Im letzten Drittel findet sich sprachlich denn auch so was wie "poetische Kraft" im Ausdruck; allerdings kann der schlaffe Ersteindruck dadurch nicht wirklich korrigiert werden. Dem Kunert mögen die DDR und das Leben in ihr so erschienen sein, ob das alles war, ist eine andere Frage. Die piefige Kleinbürgerlichkeit des Alltags legt freilich eine derartige Ereignislosigkeit nahe. Sie ist jeder Bürgerlichkeit eigen, auch wenn Disneyland und Netflix einen anderen Schein bieten. Das zu sehen wäre eines Heinrich Heine würdig gewesen - so immerhin nannte Kunert eine meinungsmachende Gazette anlässlich seines Ablebens. Dass er sich zur Höhe einer solchen Einsicht nicht aufschwingen konnte, mag an seinen 1973 noch fehlenden West- Erlebnissen gelegen haben. So gesehen ist die Veröffentlichung aus dem Nachlass ein Gewinn für das Verständnis der Genese von Kunerts Schaffen und den ihm zugrunde liegenden Überzeugungen, nicht mehr. Dass er "als Chronist... etwas zu bieten" hätte, "das spannender ist als jeder Kriminalroman" (Torsten Unger- Umschlag) kann ich hingegen nicht finden. Nur dass der "Roman" in der DDR "absolut undruckbar" gewesen wäre, das stimmt wohl. Schlimm genug. Weil die Lektüre an diese Borniertheit erinnert, die in der Tumbheit des Stasi- Offiziers ihr Bild findet, und weil die erotischen Szenen wirklich etwas Erotisches an sich haben, kriegt das Buch drei Sterne. Kann man lesen, muss man aber nicht lesen.
Profile Image for Subliminal.
131 reviews3 followers
April 12, 2019
Das Manuskript wurde vom Autor circa 45 Jahre nach Abfassung gefunden und nun veröffentlicht. In der DDR wäre es damals (1975) unveröffentlichbar gewesen.

Nach dieser der tollen Marketing-Story hatte ich mehr erwartet. Das Buch enthält viele gute stilistische Einfälle, hat eine gewisse Experimentierlust und gewährt stellenweise erhellende Einsichten in den sozialistischen Alltag der DDR. Diese begrüßenswerten Zutaten haben aber nicht zu Lesefreude meinerseits geführt. Das Buch hat mich deprimiert. Ich habe es unserer Lesegruppe zuliebe ganz gelesen, war aber regelrecht froh, es heute wieder in die Bücherei gebracht zu haben. Es gibt nicht viel zu erzählen, außer einer deprimierenden Ehe und einiger (erfundener) Merkwürdigkeiten rund um Stasi, Besitz von Westgeld und Michel de Montaigne.

Der Roman (oder besser die Novelle) hat einen gewissen literarischen Wert, ich werde es aber nicht in guter Erinnerung behalten.
Profile Image for Steffi Piper.
44 reviews
May 19, 2026
Gar nicht so verkehrt, wenn auch teilweise recht schwerfällig, gibt es interessante Einsichten in die DDR. Und das ist kein Buch, welches im Nachhinein über die DDR berichten will, sondern von 1974/75 und diese direkte Verbindung macht es zu einer einsichtigen, wenn auch eigenwilligen Quelle der Zeit.
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