Ein tödlicher Verkehrsunfall in Rom ruft Commissario Bariello auf den Plan, und ein geheimnisvoller Brief im Bistumsarchiv von Neapel lässt Weihbischof Montebello eine archäologische Sensation und einen kirchlichen Skandal erahnen. Die Spuren, die sie verfolgen, führen sie auf die dunkelsten Seiten Italiens. Sie müssen erkennen, dass sie die Interessen ebenso mächtiger wie skrupelloser Kreise gewaltig stören. Als sich ihre Wege kreuzen und sie zusammenarbeiten, stoßen sie auf eine Verschwörung aus Camorra, Kirche und Kapital. Die meisten Opfer finden sich in den Armenvierteln Neapels, wo in unmittelbarer Nähe zu Kunst, Schönheit und tiefer Frömmigkeit brutale Verbrechen geschehen. Doch dann erkennen Bariello und Montebello, dass die wahre Apokalypse erst noch bevorsteht. So beginnt, noch ehe die Neapolitaner das Blutwunder ihres Stadtheiligen San Gennaro erflehen können, das Blut ganz anderer zu fließen.
Kurzversion für Eilige: Hanebüchene, unglaubwürdige Handlung, marionettenhafte Figuren, russophob, ekelerregend, langweilig. Der Leser wird offensichtlich für dumm gehalten. Wenn Sie etwas Gutes zum Lesen suchen, suchen Sie weiter.
Vollversion. Eigentlich habe ich mit einem tollen Krimi gerechnet, dem ich eine begeisterte Rezension mit fünf Sternen schreiben kann. Leider kam es anders, deutlich anders. Ich war so enttäuscht, entsetzt, empört, dass ich dieses Machwerk spätestens nach S. 139 in die hinterste Ecke oder gleich in die Altpapiertonne auf Nimmer-Wiedersehen befördert hätte. Zu einem Leseexemplar gehört aber eine Rezension. Also tat ich es mir an.
Wenn man bloß nichts hinterfragt und brav den Fertigbrei schluckt, der hier serviert wird, mag es evtl. gehen. Aber so lese ich nicht. Das mach keinen Spaß. Wenn man liest, ohne nachzudenken, hat man den Sinn des Lesens nicht verstanden.
Gleich zu Anfang sprangen mir die Unstimmigkeiten ins Auge. Fangen wir mit der suboptimalen Wahl des sog. MacGuffins an. Es ist oft ein Gegenstand, dem ein sehr hoher Wert und zukunftsweisende Bedeutung beigemessen wird. So etwas wollen die kontrahierenden Parteien, die Guten und die Bösen, unbedingt ergattern. In diesem Fall ist es eine uralte Reliquie, die nun die Vertreter der kath. Kirche und ihre Verbündete, die Protagonisten in diesem Krimi, finden wollen. Hierfür wird viel Zeit und allerhand anderer Kapazitäten verwendet. Oft inspiziert man die dunklen, staubigen, unterirdischen Räume. Zur Abwechslung findet man sich in den kath. Kirchen oder auch in Archiven wieder. Keine der Figuren schaltet den gesunden Menschenverstand ein und begreift, dass es nach mehreren Jahrhunderten von dieser Reliquie nichts mehr übriggeblieben sein kann. Die Guten wie die Bösen betreiben einen Wahnsinnaufwand, völlig verblendet ob der angeblichen hohen Bedeutung dieser Reliquie. Dabei gerade bei den Bösen ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie dem Hauptbösewicht weiterhelfen kann. Seine Probleme kann man damit nicht lösen. So etwas kann nur jemand annehmen, der keine Ahnung von Menschen dieser Art hat. Die unterliegende Annahme also, dass ihm dieser Gegenstand von Nutzen sein kann, ist schlicht absurd. Und eben dadurch, dass die Figuren wie bloße Marionetten dastehen und dieser Handlungsstrang zur sinnfreien Jagd ausartet, kippelt es hier schon stark in Richtung einer makabren Farce, die den Titel „Viel Lärm um nichts“ verdient.
Der zweite Handlungsstrang, bei dem die Polizei den Mord an einem Zollbeamten untersucht, schaut anfangs etwas besser, glaubwürdiger aus. Hier liegt ein ernstes Thema zugrunde: Umweltsünden, die der Gesundheit der Bevölkerung stark abträglich sind. Am Ende rutscht es doch ins Anektdotenhafte, da die beiden Stränge zusammenkommen. Diese Anekdote hat mal Jörg Maurer in einem seiner Allgäu-Krimis prima zum Ausdruck gebracht. Kurz gesagt: Die lokalen Größen sind Meister im Fach Mistbauen, skrupellos und ohne Rücksicht auf Verluste. Wer ist aber schuld? Raten Sie mal… Der Russ. Kein Witz. Die Handlung wird einfach dahingebastelt. Noch vor paar Jahrzehnten stand an dieser Stelle, des Sündenbocks, eine andere Nation. Das Prinzip und die Mechanismen der Verhetzung blieben dieselben. Bis heute. Mahatma Gandhi hat mal gesagt: „Die Geschichte lehrt uns, dass sie uns nichts lehrt.“ Recht hat er.
Wenn ein Werk des Unterhaltungsgenres zweckentfremdet wird, und statt guter Unterhaltung krude politische Ansichten unter die Leser zu bringen sucht, auf eine abartige Art und Weise noch dazu, macht es keinen Spaß. Ich habe mich so ekeln müssen, dass ich paar Tage lang das Buch nicht anfassen konnte. Mich kostete es schon große Überwindung, da weiterzumachen. Mit viel gutem Zureden, paar humorigen Regio-Krimis zur Aufheiterung, einem Drittel einer guten Biographie, der Hälfte eines weiteren Sachbuches in den zahlreichen Pausen ging es einigermaßen.
Dieses Um-die Reliquie-herum- Getue ödete zum Schluss nur noch an. Ich hatte den Eindruck, dass man hier krampfhaft versucht, aus etwas Angestaubtem, das schon lange niemanden mehr interessiert, da das Leben weitergeht, doch noch etwas halbwegs Brauchbares herauszuquetschen. Gerade an solchen Stellen las es sich zäh.
Es gibt auch zu viel Füllstoff, i.e. Beschreibungen, die herzlich wenig interessieren, oder auch das bloße Blabla in den vielen Dialogen, wodurch das Ganze unnötig aufbläht wurde, und für Gedanken wie „OMG, wann ist es endlich vorbei“, sorgte. Die Stoffwiederholungen, die das Geschehen zum zigsten Mal durchkauen, als ob man vorher kaum eine Seite gelesen hätte, schlagen in dieselbe Kerbe. Wenn man die Leser und ihr Denkvermögen so geringschätzt, warum schreibt man überhaupt?
„Sehr kunstfertig“ wurde auch die Vorgeschichte des Bösewichtenteams präsentiert: In einem Stück dem Leser vor die Füße geworfen. Hierfür wurde die Erzählperspektive plötzlich in die vom Mafioso gewechselt, was sonst vorher an keiner anderen Stelle der Fall war.
Und last but not least: Wer seine tägliche Dröhnung stumpfer Russophobie braucht, ist hier goldrichtig. Eine Art Wettbewerb scheint unter so manchen Autoren ausgebrochen zu sein: Wer das abartigste Feindbild Russlands abliefert. Dieses Machwerk kann in der Hinsicht die vordersten Plätze für sich beanspruchen. Der werte Autor hat zwar wenig Ahnung von Land und Leuten, das sieht man schon an dem Satz, der den Lesern weißmachen will, die Sanktionen würden da groß jemanden kümmern, fühlt sich aber verpflichtet, russenfeindliche Stimmung unter die Leser zu bringen.
Was die Sanktionen angeht: Es ist Wunschdenken der Schreibtischstrategen, die diesen Unsinn in die Welt gesetzt haben, er würde schaden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Russen lachen darüber: Ihr schießt doch euch selbst ins Knie. Wie schlau ist das denn. Dabei lassen sie die stillgelegten Industriezweige aufleben. Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Autoindustrie, nur um einige wenige zu nennen, blühen wieder auf. Arbeitsplätze werden geschaffen. Die Binnennachfrage nach einheimischen Produkten steigt etc. pp. Sie haben viele Vorteile aus der Situation gezogen. Da hat die Wirtschaft einen guten Aufschub erfahren. Aus freien Stücken, wenn sie die Ware nach wie vor aus Europa beziehen würden, hätten sie sich dazu nie aufgerafft. Und hierzulande werden Märchen vom bösen Russ erzählt, der angeblich ach so sehr unter Sanktionen leidet.
Wenn Sie etwas Adäquates zum Thema Russland lesen wollen, hier paar sehr lesenswerte Titel:
„Eiszeit“ und „Russland verstehen“ von Gabriele Krone-Schmalz, „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ von Hannes Hofbauer, „Plot to scapegoat Russia“ von Dan Kovalik, „Putin Interviews“ von Oliver Stone, „Wir sind die Guten“ von Bröckers/Schreyer, ferner: „Illegale Kriege“ von Daniele Ganser, „Kampf oder Untergang“ von Chomsky/Feroz, „Wer beherrscht die Welt“ von Chomsky, „Warum schweigen die Lämmer?“ von R. Mausfeld, „Machtbeben“ von D. Müller, „Der Fluch der bösen Tat“, Peter Scholl-Latour.
Fazit: Unglaubwürdige Handlung, marionettenhafte und ebenso wenig glaubhafte Figuren. Stellenweise sehr ekelhaft, hochgradig russophob, langweilig. Für meine Lesezeit kann ich mir echt anderen Lesestoff vorstellen.
Meine Meinung Der Ausgangspunkt dieses Kriminalromans hat mich auf ganzer Linie überzeugt und sofort in seinen Bann gezogen. Mir gefällt die Mischung aus Wissenschaft, Politik und Krimi. Ein ähnliches Konzept liegt auch den Dan Brown-Romanen oder den Indiana Jones-Filmen zugrunde. Die (inter)nationalen wirtschafts- und umweltpolitischen Verflechtungen sowie deren Zusammenhänge mit der organisierten Kriminalität Italiens werden von dem Autor sehr geschickt und kenntnisreich verwoben.
Man findet sich sehr schnell in dieser Geschichte zurecht. Um die Handlung zu verstehen, braucht es kein Vorwissen (es gibt einen Vorgängerroman Das Grab der Jungfrau). Im Vorgängerroman macht man zwar schon Bekanntschaft mit einigen Schlüsselfiguren, die auch in diesem Roman eine wichtige Rolle spielen, allerdings hat das keinen Einfluss auf das Verständnis der Handlung (ich selbst kenne den Vorgängerroman auch nicht).
Bei den Figuren sind mir ein paar negative Aspekte ins Auge gestochen. Fangen wir mit den Namen an. Jackey und Savio Napoletano sowie Lukas Berliner haben Ortsnamen als Familiennamen. Diese rufen in meinem Kopf bestimmte Assoziationen und ja ‚Vorurteile‘ hervor. Ich meine, Lukas Berliner – noch deutscher geht nicht. Bei Savio Napoletano verhält es sich ähnlich: der typische Italiener mit Mafia-Vergangenheit – ne, ist klar. Leider sehr klischeehaft und stereotypisch gedacht. Doch mein Problem mit den Figuren geht noch weiter. Viele der Figuren waren unscheinbar, sind mir nicht im Gedächtnis geblieben und verschwimmen beim Lesen ineinander (das ist mir vor allem bei den Ermittlern aufgefallen). Jackey Napoletano kam mir in ihrer Rolle vor wie eine Eintagsfliege. Sie sticht auch nur heraus, weil sie eine Frau ist (die einzige Frau, wenn ich mich nicht täusche, die in diesem Roman eine tragende Rolle spielt. Mal abgesehen von den Parenti, der Mutter am Brunnen und der Sekretärin.) – Schade!
Zur Handlung. Wie eingangs schon erwähnt, finde ich den Ausgangspunkt klasse. Das Potenzial hat der Autor auch vernünftig ausgeschöpft, auch wenn er am Ende etwas über die Stränge schlägt. Das Verbrechen und das kirchengeschichtliche Geheimnis sind spannend. Die Art und Weise wie die Ereignisse in Rom und Neapel zusammengeführt werden, geschieht schleichend. Die Handlung wirkt nicht konstruiert. Das Erzähltempo ist gemächlich, manchmal mit ein paar Längen. Es ist nicht durchgehend spannend, sondern es kommt eher zu Spannungsspitzen. Und wie schon gesagt, hat mich das Ende (bzw. die letzten 30 bis 40 Seiten) etwas erstaunt. Ich hatte ernsthaft erwartet, der Roman würde an einer anderen Stelle enden. Rom und Neapel sind die Hauptschauplätze, daneben gibt es noch andere Orte, die zunächst total unzusammenhängend daherkommen. Erst später ergibt alles einen Sinn. Klar, war dieser Teil der Geschichte auch spannend und hatte auch seinen gewissen Reiz, aber es war trotzdem etwas zu viel des Guten.
Was mich beim Lesen gestört hat, waren die vielen Ausrufezeichen!!!! Ausrufezeichen verleihen dem Gesagten Nachdruck und das kann beim Lesen auf Dauer einfach anstrengend werden. Vor allem bei den Sätzen, bei denen sie unnötig sind. Manchmal ist weniger mehr. Wichtig zu beachten: Bei dem Buch handelt es sich um ein unkorrigiertes Leseexemplar. Es kann also sein, dass die Satzzeichen in der Endversion überarbeitet worden sind.
Gefallen hat mit hingegen die Verwendung der italienischen Ausdrücke. Für jemanden, der Italienisch kann und damit aufgewachsen ist, kommen die Ausdrücke sehr stereotypisch daher (sbirri, omm e’merd), aber für einen Leser, der mit der Sprache nichts am Hut hat, ist ihre Verwendung gut gewählt. Ich konnte soweit auch keine Fehler erkennen. Die Dialoge waren nicht immer als solche zu erkennen. Sie sind keineswegs misslungen, doch neigen die Figuren häufig dazu, monologhafte Vorträge zu halten. Gepaart mit den Ausrufezeichen war das ganz schön ermüdend.
Neapel ist meine Herzensstadt, weshalb ich neugierig war, wie der Autor sie ins Szene setzen würde. Der Roman fokussiert die negativen Seiten der Stadt: Mafia, Korruption, Armut, Umweltverschmutzung, Gewalt. Der Krimi benötigt diese Aspekte, um zu funktionieren. Aber Neapel ist nicht nur das, nicht nur Gomorrah. Sie ist so viel mehr. Sie ist Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Geschichte, Herzlichkeit. Sie ist Familie. Und das sollte man bei der Lektüre nicht vergessen (an dieser Stelle empfehle ich die Lektüre von Cara Napoli von Lorenzo Marone).
Mein Fazit Hochamt in Neapel ist ein faszinierender und lesenswerter Krimi, der viele wichtige (umwelt-)politische und wirtschaftliche Aspekte unserer Gesellschaft thematisiert. Die Figuren schwächeln zwar, das wiegt der interessante Ausgangspunkt und die kluge Umsetzung wieder auf. Es war eine unterhaltsame, nicht unbedingt kurzweilige Lektüre, auch wenn sie mich vor (An)Spannung nicht gerade umgehauen hat.