Pepi Prohaska ist ein junger Mann mit viel Phantasie und nicht weniger Chuzpe. Eines Tages fällt ihm ein, dass Gott etwas mit ihm vorhat. Vorerst zieht er sich an die Wiener Peripherie zurück. Später wird er Jünger und Jüngerinnen um sich sammeln, Politikern vom Widerspruchsgeist inspirierte Briefe schreiben und schließlich auf geheimnisvolle Weise verschwinden. Sein Biograf Engelbert, der mit ihm die Schulbank gedrückt hat, beschreibt diese Karriere mit einer Mischung aus Faszination und frommem Schreck. Auf manchmal komische, manchmal fatale Weise kreuzen sich die Wege der beiden. In der Konstellation zwischen dem zurückhaltenden Freund und dem provokanten Helden besteht einer der feinsten Reize dieses Buchs.
Peter Henisch wurde eineinhalb Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien geboren; sein Vater Walter war zu dieser Zeit ein sehr geschätzter fotografischer Kriegsberichterstatter der Wehrmacht. Nach 1945 arbeitete sein Vater für sozialdemokratische Medien.
Erste schriftstellerische Versuche machte Peter Henisch nach der Matura während eines Volontariats bei der Wiener Arbeiter-Zeitung (AZ), dem Zentralorgan der SPÖ. Im darauffolgenden Studium belegte er Germanistik, Philosophie, Geschichte sowie Psychologie. Ein Promotionsvorhaben über Ernst Bloch blieb unabgeschlossen. 1966/1967 war er Lokalredakteur der AZ.
Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Wien, Niederösterreich und in der Toskana und trat erstmals mit Hamlet bleibt hervor. Von 1972 an war er Literaturredakteur der Zeitschrift des Theaters der Jugend Neue Wege. Von 1970 bis 1973 war er Mitglied des „Arbeitskreises österreichischer Literaturproduzenten“.
Das bekannteste seiner Werke ist der Roman Die kleine Figur meines Vaters (1975; überarbeitet 1987 und 2003; verfilmt 1979). In ihm setzt sich Henisch mit der Vergangenheit seines Vaters als offizieller Kriegsfotograf während des Dritten Reiches auseinander.
Der Icherzähler dieser Geschichte berichtet über das Leben eines Schulfreundes, der Titelfigur Josef "Pepi" Prohaska, von der gemeinsamen Volksschulzeit im Nachkriegswien bis zu dessen mysteriösem Verschwinden am Beginn der 80-er Jahre. Prohaska durchläuft mehrere Phasen, in denen er sich zu einem Propheten Gottes berufen fühlt, linke Anhänger aus der Wiener Studentenbewegung um sich sammelt, dann aber wieder in Apathie verfällt- bis zum nächsten Aufschwung. Obwohl die klassische "Karriere" eines Bipolaren beschrieben wird, und auch nebenbei erwähnt wird, dass P. mehrmals in psychiatrische Behandlung kommt, sprechen weder der ERzähler noch der Protagonist jemals darüber, dass dies Symptome einer psychischen Krankheit sind, bzw. von der herrschenden medizinischen Meinung als solche klassifiziert werden, dh. die Figuren entwickeln dazu- scheinbar (dazu später)- keinerlei Haltung. Ich hatte große Probleme mit dem Tonfall des Icherzählers. Er will leicht und humorvoll sein, es gelingen auch immer wieder sehr amüsante Formulierungen und viele schon fast vergessene Wiener Ausdrücke machen einem beim Lesen viel Freude, aber im Ganzen ist der Ton weniger ironisch als "halblustig", wie man in Wien sagt. Angeblich ist der Erzähler ein mit Fortschreiten des Buches immer erfolgreicherer Schriftsteller. Dennoch ist seine Haltung der Titelfigur und auch dem politischen Geschehen, das er beschreibt, gegenüber, so naiv, dass man sich eher in einem Schelmenroman fühlt.Diese gemachte Naivität führt auch dazu, dass der ERzählerfigur eine Art blöden Staunens gegenüber dem Protagonisten aufrechterhält. Er, der Erzähler, schreibt zwar alles auf, was P. tut und sagt, bleibt der Merkwürdigkeit von dessen Verhalten gegenüber aber seltsam ungerührt. Das dreht die scheinbar so großzügige Toleranz- der Erzähler schreibt P. niemals als Verrückten ab- in ihr Gegenteil: er nimmt ihn einfach nicht ernst, was die implizite Art ist, jemand doch wieder als Außenseiter abzuschreiben- seine Eskapaden sind für den Erzähler einfach nicht relevant- und das hat fatale Auswirkungen auf den Leser: wenn der Erzähler eines Romans die EReignisse seiner eigenen Geschichte nur milde belächelt, dann langweilen sie bald auch den Leser. Die Erzählhaltung ist deshalb nicht ironisch, weil dann etwas Wichtiges zwischen den Zeilen erzählt werden müsste, aber das ist nicht der Fall. Bei der Grundstory musste ich an "Humboldts Vermächtnis" von Saul Bellow denken. Es ist fast dieselbe Geschichte: hier wie dort erzählt ein Schriftsteller über einen Freund, der ebenfalls Schriftsteller ist, und dazu manisch depressiv, dem die manischen Phasen zu früher Genialität verhelfen und der schließlich an seiner Disposition zu Grunde geht. (Bei Bellow war das sein Freund und Kollege Delmore Schwartz- und auch bei Henisch denkt man, dass es vermutlich ein Vorbild für P. in seinem Leben geben wird) Aber Bellow zeichnet nicht nur brilliant das Porträt des Genies Van Humboldt Fleischer, sondern man ist gefangen von der Achterbahn der Gefühlen, die der Icherzähler (wie bei Henisch ein Alter Ego des Autors)in dieser Freundschaft erlebt, Neid, Bewunderung, Liebe, die Unmöglichkeit, dem Anderen auf einer tiefen Ebene wirklich nahe zu kommen, das merkwürdige Gefühl, hier sei einer vielleicht krank, vielleicht aber auch wirklich berufen, vielleicht ein echter Prophet- diese Verwirrung transportiert Bellow auf faszinierende Weise und Henisch leider nicht.