"Gebrauchte Alpträume" (kawabis musta'mala) ist der erste Roman des in Halle (Saale) lebenden syrischen Schriftstellers Abdullah Alqaseer, der im Zuge des Syrienkrieges über die Türkei nach Europa geflüchtet und schließlich mit seiner nachgezogenen Familie in der ostdeutschen Saalestadt heimisch geworden ist. Die auf Arabisch verfasste und 2019 von einem jordanischen Verlag veröffentlichte Erzählung berichtet zu etwa gleichen Teilen von Ereignissen in Halle und in Syrien, wobei eine geschickte Erzählkonstruktion die Handlung zusammenhält und organisch verbindet. Im ersten Teil der Rezension will ich meinen persönlichen Eindruck des Romans darstellen und dabei auf Details verzichten, die zu viel vorwegnehmen und potentiellen LeserInnen den Spaß verderben würden. Ein zweiter Teil, der in den nächsten Tagen folgen soll, wird eine weitgehende Inhaltswiedergabe sein und naturgemäß viel spoilern.
1. KRITIK
Der Roman hat mir viele Stunden Spaß bereitet. Neben der stillen Lektüre habe ich mich mittlerweile auch mit vielen FreundInnen und Bekannten darüber unterhalten und das Buch mehrfach verschenkt. Dabei ist der übliche Reiz von Lokalliteratur, bekannte Orte wie Neustadt, Trotha, den Marktplatz mit der Händelstatue oder die Peißnitzinsel wiederzuerkennen, bei einem arabischen Roman noch einmal gesteigert. Der Bezug zur Saalestadt mag inhaltlich besonders HallenserInnen, Ostdeutsche - die Erfahrung von Migration und plötzlicher Heterogenität ist hier anders als zum Beispiel im Ruhrgebiet - interessieren. Außerdem ist der Roman auch für alle Leser interessant, die sich generell dafür interessieren, wie die seit 2013 in größerer Zahl nach Deutschland geflüchteten Menschen ihre Erfahrung in der noch fremden neuen Umgebung erleben und selbst beschreiben. Ein Roman kann Innenperspektiven auf ganz andere Weises zum Ausdruck bringen als berichterstattender Journalismus. All das sind gute Gründe, dieses Buch zu lesen, und werden hoffentlich dazu beitragen, dass das Werk auf breiteres Interesse stößt und vielleicht auch ins Deutsche oder Englische übersetzt wird.
Darüber hinaus - und vielleicht hätte ich meine Kritik damit beginnen sollen - ist "Gebrauchte Alpträume" gute Literatur. Der Roman ist ernst und kann zu Tränen rühren, er ist witzig, mit feiner Ironie und humorvollen Passagen, elegant und stilsicher erzählt in modernem Standardarabisch mit lebhaften Dialogen in der syrischen Umgangssprache. Die Konstruktion der Handlung schafft es, mehrere interessante Erzählstränge zu integrieren und mit den Erwartungen des Lesers zu spielen. In einer Radiosendung zu dem Buch habe ich die Fachkritik eines anderen syrischen Autors gehört, dass das Ende nicht ganz gelungen sei. Ich weiß nicht, ob ich als Laie diese Meinung teile. Es mag kein bündiger Schluss wie bei Juli Zehs "Neujahr" sein, insofern verstehe ich die mögliche Enttäuschung über das Fehlen einer harmonischen Auflösung. Aber dass ich nach Abschluss des Buches viel über die Erzählung nachgedacht habe, könnte eben auch zum Teil an der Art des Romanendes gelegen haben, was wiederum ein Pluspunkt wäre. Wie auch immer, das Wichtige für mich ist, dass das Buch mir gefallen hat, inhaltlich wie stilistisch, und ich es gerne weiter empfehle und gespannt auf weitere Erzählungen von Abdullah Alqaseer warte.