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26 Jahre ist es her, dass Hans Konrad Zanders witzige Argumentationsschrift „Zehn Argumente für den Zölibat“ erschienen ist – lange bevor der Missbrauchsskandal die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschütterte und die Glaubwürdigkeit ihrer Sexualmoral nachhaltig beschädigte. Das muss man der Lektüre voranstellen. Das Buch ist in mancher Hinsicht schlecht gealtert. Heute liest es sich zwangsläufig mit dem Wissen um eine Krise, die im Text nahezu keine Rolle spielt. Ob dieser Skandal damals bereits vorhersehbar war, darüber lässt sich streiten; jedenfalls findet sich im Buch keine ernsthafte Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt oder deren strukturellen Voraussetzungen.
Und dennoch gelingt Zander etwas Bemerkenswertes. Er verteidigt den Zölibat nicht moralisch und auch nicht mit den klassischen kirchlichen Begründungen. Stattdessen versteht er ihn als eine mögliche Form sexueller Lebensgestaltung – als frei gewählte Existenzweise unter anderen. Gerade darin liegt bis heute die eigentliche Originalität des Buches.
Nicht jeder Witz ist gut gealtert. Vergleiche der öffentlichen Abwertung des Pflichtzölibats mit einem Pogrom oder manche satirischen Zuspitzungen würde man heute mit Recht deutlich kritischer sehen. Doch insgesamt lebt das Buch von seiner Lust an der Provokation. Zander erzählt mit sichtbarer Freude Geschichten aus der Kirchengeschichte – etwa von der heiligen Paula, die gemeinsam mit Männern in die Wüste zog und damit patriarchale Machtverhältnisse auf eigentümliche Weise unterlief. Überhaupt gelingt es ihm immer wieder, vertraute Narrative gegen den Strich zu bürsten.
Besonders stark ist seine Beobachtung, dass die katholische Moraltheologie auf das tatsächliche Sexualverhalten der Gläubigen kaum Einfluss ausübt. Damit stellt er Machtstrukturen und ideologische Selbstverständlichkeiten der Kirche infrage, ohne dabei in bloße Polemik zu verfallen. Auch seine Kritik an kirchlichen Familienidealen überzeugt, wenn er darauf hinweist, dass Jesus selbst kaum als klassisches „Role Model“ für das propagierte Familienbild dienen kann.
Dabei ist „Zehn Argumente für den Zölibat“ kein wissenschaftliches Werk. Zander schreibt feuilletonistisch, satirisch und pointiert. Gerade das macht den Reiz des Buches aus. Theologie, Soziologie, Philosophie, Sexualwissenschaft und lehramtliche Aussagen verbindet er zu einem unterhaltsamen Gedankenspiel, das weniger beweisen als Spaß zur Auseinandersetzung beitragen will.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Zander den Diskurs über den Zölibat bewusst „von hinten“ aufzäumt. Er erinnert daran, dass hinter allen kirchenpolitischen Debatten Menschen stehen – mit ihren Körpern, ihrer Sexualität und ihren Lebensformen. Den Zölibat als eine mögliche Form gelebter Sexualität zu verstehen, statt ihn ausschließlich als moralisches Ideal oder kirchenrechtliche Verpflichtung zu diskutieren, ist auch heute noch ein anregender Perspektivwechsel.
Allein wegen seines Humors und seiner intellektuellen Spielfreude lohnt sich die Lektüre – selbst dort, wo man Zander entschieden widerspricht.