Ein grossangelegter Familienroman erzählt die Geschichte der Schweizer Neutralität m Ersten Weltkrieg, vom Besuch des deutschen Kaisers in der Schweiz im Jahr 1912 über die Wahl des Obersten Wille zum General im August 1914, die «Oberstenaffäre» von 1916 und den Rücktritt des Bundesrats Hoffmann im Jahre 1917 bis zum Ende des Landesstreiks 1918. Das Oberhaupt der grossbürgerlichen Familie, Nationalrat Ammann, ist der Typus einer zu Ende gehenden Epoche. In seinen drei Söhnen spiegeln sich die Tendenzen der Zeit. Während Severin und Paul nach extremen politischen Richtungen auseinanderstreben, bleibt Fred, der jüngste der Brüder, der mehr und mehr zum Mittelpunkt des Romans wird, in einer gemässigten Mitte. So wird dieses Werk zu einem einzigartigen Zeitdokument, das dank Inglins Meisterschaft auch für heutige Leser nichts von seiner Eindringlichkeit verloren hat.
Auch wenn Meinrad Inglins imposantes Hauptwerk später für seine zu sehr auf das Bürgertum beschränkte Perspektive kritisiert wurde (Niklaus Meienberg), war es für mich doch eine Sternstunde für das Verständnis der Schweiz vor und während dem 1. Weltkrieg. Die zahlreichen Gräben, die Romandie und Deutschschweiz, Sozialisten und Bürgerliche, Soldaten und Offiziere, Frankophile und Germanophile, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Stadt und Land trennten und bis an den Rand eines Bürgerkriegs brachten, verlaufen durch die Familie des Herrn Oberst-Brigadier Nationalrat Ammann in äusserst fein gewobener Art. Einer Art helvetischen Buddenbrooks gleich, spiegeln die Ammanns die Zerrissenheit der Schweiz und lassen wenig Raum für Hoffnung.
Ich hatte den Roman damals als eines von sechs Maturitätsbüchern ausgesucht und meine Wahl, den 970 Seiten zum Trotz, nie bereut.
Historischer Roman, angelegt als großer Familienroman, aus der Zeit vor, während und nach dem ersten Weltkrieg und der Revolution in Russland aus der Sicht der Schweiz. Nun war die Schweiz bekanntlich nicht Kriegspartei, sondern neutral, aber sowohl der Weltkrieg als auch die Revolution hatten Auswirkungen auf die Schweizer. So wurde zum Zwecke der Landesverteidigung die Milizarmee mobilisiert und an die Grenze beordert.
Aber auch in der Schweizer Gesellschaft - und das war interessant für mich als Zugereisten - kam es zu Spannungen zwischen den verschiedenen Sprachregionen, insbesondere zwischen den deutschsprachigen und französischsprachigen Schweizern, denn eine jede von diesen Gruppen identifizierte und solidarisierte sich entweder mit Deutschland oder Frankreich, die ja Kriegsgegner waren, und warf den anderen Schweizern vor, von der Linie und den Werten der Schweiz abzuweichen (die Welschen = die Französischschweizer) oder die anderen zu diskriminieren und auf sie herabzusehen (die Deutschschweizer auf die Welschen). Heute sind diese Tendenzen und Sichtweisen immer noch etwas vorhanden, aber dass sich die Deutschschweizer mit den Deutschen solidarisieren, kann ich mir für heute nur schlecht vorstellen. Auch die Revolution in Russland führte zu Spannungen in der Schweiz zwischen der Arbeiterschaft und den "anderen", den Bessersituierten.
Dieses Spannungen und politischen Entwicklungen werden in der Familie Amman, die in diesem Roman im Vordergrund steht, im Kleinen abgebildet und es kam zu Streitigkeiten und Spaltungen ganz abgesehen von den sonstigen üblichen Differenzen in der Familie.
Die politischen Aspekte und die Sicht der Schweizer auf die Vorgänge waren sehr interessant für mich, der belletristische Teil nicht so, auch weil ich mich mit den meisten Protagonisten nicht identifizieren konnte, am ehestens noch mit Gaston Junod, Professor für Romanistik an der Uni Zürich.
Da ich aber vom Schweizer Autor Meinrad Inglin vorher noch nie etwas gehört oder gelesen hatte, ist dieses Buch insgesamt bei mir gut angekommen.
Zuweilen als Schweizer Buddenbrocks bezeichnet, ist der Schweizerspiegel ein Meisterwerk der Zwischenkriegszeit. Dem Innerschweizer Schriftsteller zeichnet in seiner Familienchronik ein scharfes Bild einer Zürcher Familie während des ersten Weltkrieges