Evolution ist überall. Viele wissenschaftliche und philosophische Disziplinen wurden durch den Evolutionsgedanken wesentlich bereichert; das wird in diesem Buch an mehr als 50 Disziplinen deutlich. In den Wissenschaften reicht das Spektrum von Evolutionären Algorithmen bis zur Frage nach einer Evolutionären Theologie, in der Philosophie von der philosophischen Anthropologie über die Evolutionäre Erkenntnistheorie bis zur Zukunft des Menschen. Allerdings ist der Bezug zur Evolution dabei nicht immer derselbe: Es kann sich um biologische Evolution handeln, aber auch um Evolution in einem weiteren Sinne, manchmal sogar nur im Sinne einer Metapher.
Die einzelnen Kapitel dieses Sachbuchs sind für jeden Interessierten, also auch für Fachfremde lesbar. Es ist ein Buch zum Schmökern, in dem man unendlich viel Wissenswertes, Überraschendes, manchmal auch Kurioses erfährt.
Im Lichte der Evolution ist kein klassisches Sachbuch, sondern eher ein umfangreiches Handbuch. Gerhard Vollmer versammelt hier alphabetisch nahezu alles, was in Wissenschaft und Philosophie unter dem Stichwort "Evolution" diskutiert wird.
Der Evolutionsbegriff wird dabei sehr weit gefasst: Evolution erscheint als Methode (z. B. evolutionäre Algorithmen), als heuristisches Erklärungsmuster (etwa in der Biotechnologie), als Erklärung der Entstehung ganzer Gegenstandsbereiche aus evolutionären Prozessen (z. B. in der Anthropologie), als programmatische Forderung (evolutionärer Humanismus) – und gelegentlich auch als bloß modisches Etikett, wo der Bezug eher fragwürdig ist.
Gerade der wissenschaftliche Teil wirkt dadurch stellenweise wie eine Materialsammlung. Vollmer referiert gründlich und bewertet meist zurückhaltend. Das macht das Buch nützlich als Nachschlagewerk, aber mühsam als fortlaufende Lektüre.
Deutlich lebendiger wird das Buch dort, wo Vollmer selbst Stellung bezieht – insbesondere im philosophischen Teil. Hier tritt sein naturalistisches und evolutionär-erkenntnistheoretisches Selbstverständnis klar hervor, der Ton wird erzählerischer, und die Lektüre gewinnt spürbar an Zugänglichkeit. Dieser Teil war für mich der mit Abstand interessanteste.
Die kurzen Einführungen jeweils zum wissenschaftlichen und zum philosophischen Teil halfen mir nur begrenzt, da sie meist nur verschiedenste Positionen aufzählen, ohne selbst je einen Standpunkt zu benennen. So beklagt er zwar das Fehlen einer klaren, über die biologische Evolution hinausgehenden Theorie – lässt uns Leser dann aber mit dieser Diagnose allein, ohne selbst einen systematischen Vorschlag zu entwickeln. Eine explizite, allgemeine Definition nichtbiologischer Evolution und ihre konsequente Anwendung hätte dem Buch mehr Schärfe gegeben – die begrifflichen Bausteine sind vorhanden, werden aber nicht als verbindlicher Maßstab genutzt.
Insgesamt ist das Buch ein solides, sehr umfassendes Referenzwerk für Leserinnen und Leser mit Vorkenntnissen, die gezielt nach evolutionären Perspektiven in verschiedenen Disziplinen suchen. Wer jedoch eine stringente Theorie und ihre Anwendung in den Wissenschaften sucht, wird eher enttäuscht sein und eher ihre Anwendung in der Philosophie mögen.
Rating: 3/5 Sprache gelesen: Deutsch Gelesen im Jahr: 2025