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Ich fahre nach Madrid

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Eine Dienstreise, eine Flucht aufs Land oder doch ein Stadttrip nach Madrid? Sandro Litscheli verschwindet und sagt allen, er fahre weit weg. In Wirklichkeit begibt er sich in die Obhut eines alten Freundes, eines Arztes. Bei ihm kann er dem Alltag entfliehen, bis dieser ihn nicht mehr vor der Realität bewahren kann.
»Ich fahre nach Madrid« wurde 1982 in einer Literaturzeitschrift publiziert und sorgte für großes Aufsehen. Zugleich wurde der Text zur »Besten Erzählung des Jahres« gekürt. Jörg Sundermeier schreibt in seinem Nachwort ausführlich darüber. Heute lässt sich der Text wie damals als eine Form der Regimekritik lesen, aber überraschenderweise genauso als eine Geschichte über die heutigen Anforderungen der Arbeitswelt – und wie man ihnen entfliehen kann. Zugleich ist die Novelle ein glühendes Plädoyer für die Kraft der Fantasie.

120 pages, Hardcover

Published February 20, 2018

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Michael Bohli.
1,107 reviews56 followers
August 30, 2018
Bevor in Zofingen die Literaturtage mit dem Gastland Georgien beginnen, kann man sich noch etwas weiterbilden. Gut also, werden in diesem Jahr viele Bücher aus dem Land endlich auf Deutsch übersetzt und gedruckt. Danke Buchmesse!

Mit "Ich fahre nach Madrid" kommt man nun endlich in den Genuss der ersten Kurzgeschichte von Naira Gelaschwili, ein Talent, dass in vielen Disziplinen strahlt. Mit ihrem ersten Text schuf sie nicht nur eine wunderbare Betrachtung der menschlichen Psyche, dem Fernweh und der Frage nach Verwurzelung, sondern auch eine Aussage gegen das sowjetische System. Die Fragen nach Weltoffenheit und Freiheit werden gestellt und mit viel Fantasie behandelt. Zwar ist die Lektüre sehr kurz, aber immer eindringlich und wundervoll geschrieben.
Profile Image for miss.mesmerized mesmerized.
1,405 reviews42 followers
July 7, 2018
Sandro Litscheli ist ein Reisender, in der Sowjetrepublik Georgien ist dies jedoch nur in seinen Gedanken möglich. Da sieht er sich nach Madrid fahren und singen, die Haare im Wind, die Gitarre in der Hand, ein Lied von der Freiheit. Oder doch auf eine der Inseln im Ozean? Die Phantasie kennt keine Grenzen, im Gegensatz zur Realität, die ihm, trotz seiner Pflichtbewusstheit, zunehmend schwerer zu ertragen fällt. Wie also flüchten vor den Menschen? Er erinnert sich an einen Kindheitsfreund, der bereit ist, ihn in seiner Klinik aufzunehmen und ihm dort zwei Wochen Erholung in der Einsamkeit zu ermöglichen. Nur abends gesellt sich der Professor zu ihm und bei einem oder auch zwei bis drei Gläschen Cognac rufen sie sich die gemeinsame Kindheit ins Gedächtnis und blühen auf mit ihren Gedanken. Doch dann muss der Professor für zwei Tage die Klinik verlassen und das Personal will sich bestens um den Privatpatienten kümmern, den bislang niemand sehen durfte...

Naira Gelaschwili lehrte an der Universität von Tiflis Germanistik und arbeitet als Übersetzerin und Redakteurin. In ihrer Heimat wurde sie wiederholt für ihre literarischen Werke ausgezeichnet und genießt entsprechend hohes Ansehen. Auch ihre Erzählung „Ich fahre nach Madrid“ erhielt den Preis des georgischen Schriftstellerverbands, allerdings eher aus der Not geboren. Nachdem der Chefredakteur der Zeitschrift „Ziskari“ über ein Jahr gezögert hatte, sie zu veröffentlichen, fand der Text dennoch Anfang der 1980er Jahre zugleich großen Zuspruch. Allerdings folgte die absehbare Reaktion des Zentralkomitees der KP: man drohte ihm mit der Entlassung. Der Grund ich nachvollziehbar: der Protagonist träumt vom Reisen in ferne Länder, bewundert die spanische, fremde Kultur und auch wenn er seine georgische Heimat tatsächlich nie verlässt, ist doch schon der Gedanke daran ein Affront und widerspricht eindeutig den sowjetischen Idealen.

Leider findet sich der Hinweis auf die Entstehungsgeschichte erst im Nachwort, ich denke sie unter diesem Gesichtspunkt zu lesen wäre nochmals interessant. Auch war mir tatsächlich der Entstehungszeitpunkt nicht bekannt, der jedoch im Gesamtkontext ein wesentlicher Faktor darstellt. Unabhängig von den Rahmenbedingungen ist jedoch leicht nachzuvollziehen, weshalb die Autorin den Nerv der Leser traf. Zwar scheint Sandro Litscheli etwas verschroben mit seinen Phantasiereisen, jedoch sind diese die einzige Möglichkeit der Flucht vor dem Alltag, den man unabhängig von den Gedankenexperimenten ja immer noch nachkommen kann. Wenn weder Geld noch Möglichkeit des Reisens gegeben sind, kann man nur den Träumen nachhängen. Auch dass man den Punkt erreicht, an dem man niemanden mehr sehen möchte und eine Auszeit vom Leben braucht, ist gar nicht so weit hergeholt.

Was die Erzählung jenseits der Geschichte interessant macht, ist die Gestaltung des Erzählers, der munter mit dem Leser plaudert, sich durchaus auch über seinen Protagonisten amüsiert, aber immer auf seiner Seite steht, ihn sogar gegen verleumderische Angriffe verteidigt – Angriffe, die er als Erzähler überhaupt erst anführt. So entsteht eine Novelle, die mit einer gewissen Melancholie und Ironie gewürzt zeitlos wird und auch in anderen Kontexten genauso gut funktioniert wie 1982 in Georgien.
Profile Image for Isaschnell.
36 reviews
March 5, 2024
Ich fand's super! Ich mochte sehr den Stil der Autorin, mit etwas Witz und Selbstanklage hat sie immer wieder die Widersprüche sichtbar gemacht, die sich Menschen sagen oder in die sie sich begeben um nicht einsehen zu müssen, dass sie eigentlich alle Möglichkeiten haben um ihr Leben zu verändern.
Wie man sich selbst alles mögliche vormacht und glaubt, nur weil man etwas anderes nicht wahrhaben will.

Dazu ging es für mich in dem Buch um den schon fast verzweifelten Wunsch nach Freiheit von Menschen und wie wichtig, eigentlich notwendig Fantasie und Sehnsucht sein können. Besonders in Situationen von Not, zum Träumen in andere Welten oder von anderen Lösungen.

Unbedingt Nachwort lesen!
Profile Image for Jennifer [LeseninLeipzig].
129 reviews11 followers
March 30, 2019
Beeindruckend, wenn auch in für mich ungewohntem Stil erzählt Gelaschwili von Freiheit und Träumen.
Ich kann mir vorstellen, warum diese Novelle in einem totalitären system weniger beliebt war...
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