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Randkulturen: Theorie Der Unanstandigkeit
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Displaying 1 - 2 of 2 reviews
June 18, 2019
Rein auf inhaltlicher Informationsebene betrachtet wäre das hier ein 3-4* Buch. Drei Punkte sprechen jedoch dafür, dass dieses Buch deutlich mehr ist als dies.
1: Das Buch ist ein exzellentes Beispiel dafür, was für ein Unikat der österreichische Soziologe Roland Girtler ist. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Wissenschaft fernab vom Elfenbeinturm funktionieren kann und soll.
2: Die von Girtler an sich selbst auferlegte Bürde, ein wissenschaftliches und doch gut lesbares Buch zu schreiben, wird erfüllt. Girtler schreibt so, dass es auch die einfachen Leute verstehen, um die es in diesem Buch inhaltlich geht, fernab von irgendwelchem sinnlosen Wissenschaftsjargon. Dadurch gibt er jenen Randgruppen auch die Würde, die ihnen zusteht. Für Girtler sind Gesprächspartner (er selbst betreibt primär Feldforschung) in erster Linie Menschen, keine exotischen Untersuchungsobjekte. Er lässt sich auf die Menschen unvoreingenommen ein, und das kommt hervorragend an. Das heißt im Umkehrschluss übrigens überhaupt nicht, dass Girtler nicht wissenschaftlich vorgeht. Im Gegenteil, hier ist vom Aufbau bis hin zu den Belegen her alles mustergültig aufgebaut.
3: Das Buch besitzt zwei sehr interessante Anhänge. Der zweite Anhang ist ein kleines Wörterbuch der Gaunersprache. Ziemlich interessant und ziemlich derb, ohne PC und teils mit Herleitung der Wörter. Der erste Anhang hingegen ist eine Reflexion über den Zustand der Soziologie. Schnell wird klar, das Girtler ganz und gar kein Freund dem modernen Treiben der universitären Soziologie ist, die sich in immer höhere Reflexion und Theoretisierung begibt und dabei das Kernsubjekt, den Mensch, und die klassische Methode, die Feldforschung, immer mehr vergisst. Betrachtet man den aktuellen Zustand (die Originalausgabe des Buches stammt aus dem Jahr 1995), so hat sich bis heute nichts im Elfenbeinturm der Universitäten geändert, und der von Girtler verwendete Begriff der „Verandasoziologen“ trifft (auch aus eigener Erfahrung) voll und ganz zu.
Aus dieser Sicht betrachtet ist dieses Buch ein Lehrbeispiel für ein gelungenes wissenschaftliches Werk. Sowohl Inhalt als auch Vermittlung des Wissens finden hier sehr gut statt.
Inhaltlich wird nicht wirklich Unerwartetes angegangen. Nach einer Einleitung über Forschungsgegenstand — Randkulturen und Forschungsansatz — primär, aber nicht nur, Feldforschung. Girtler teilt die untersuchten Randkulturen in vier Gruppen ein. Die erste ist die Gruppe des Schutzes und des Überlebens. Hier werden Vagabunden (= Obdachlose oder Sandler) der Großstadt und deren Alltag vorgestellt. Die zweite hier vorgestellte Gruppe sind die Gefängnisinsassen. Beide Gruppen werden anhand Feldforschungen sowie historischen Analysen gemäß untersucht und vorgestellt.
Die zweite Gruppe bilden die Randkulturen der Revolution und der Rebellion. Hier werden Wilderer vorgestellt — die es heute in der Form nicht mehr gibt. Es wird auf die historischen Hintergründe des „Rechts“ auf Wilderei gut eingegangen und verschiedene Regionen und deren Brauchtum dargestellt. Als zweite Randkultur in diesem Kapitel dienen „jugendliche Fußballfans als wilde Stämme“. Interessanterweise arbeitet Girtler hier nicht nur als Feldforscher, sondern tritt auch als Kulturanthropologe auf und vergleicht die jugendlichen Fußballfans mit Kriegern in Stämmen — wobei sich in den Initiationsriten erstaunliche Parallelen ergeben.
Die dritte Gruppe bilden die Randkulturen des illegalen und verpönten Geschäftes. Hier werden Dirnen und Zuhälter einerseits sowie „die Herren des verbotenen Glückspiels“ (gemeint ist das klassische „Stoß“-Spiel) vorgestellt. Auch Schmuggler (darunter auch Drogendealer) fallen in diese Kategorie. Interessant ist, dass Girtler sowohl bei den Prostituierten als auch bei den Schmugglern die in den 1990er Jahren eintretenden Veränderungen aufgrund der Öffnung des ehemaligen Ostblocks bereit anspricht und erste Erfahrungen berichtet.
Die letzte in diesem Buch behandelte Gruppe ist die Gruppe der Randkulturen der gemeinsamen Herkunft. Hier werden stellvertretend die Landler vorgestellt, eine Gruppe von Protestanten, die unter Maria Theresia nach Siebenbürgen verbannt wurden und dort seitdem zusammen mit sächsischen Protestanten eine lokale Einheit bildet. Diese Einheit war allerdings bereits bei Erscheinen des Buches und der Feldforschung Anfang der 1990er Jahre vom Aussterben bedroht.
Girtler gibt diesen Gruppen also Namen und Gesichter. Führt ein in deren Alltag und in deren Bräuche. Und das alles ganz und gar nicht romantisierend. Das ist, wie bereits in der Einleitung geschrieben, gelungene Darstellung von Forschung par excellence.
1: Das Buch ist ein exzellentes Beispiel dafür, was für ein Unikat der österreichische Soziologe Roland Girtler ist. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Wissenschaft fernab vom Elfenbeinturm funktionieren kann und soll.
2: Die von Girtler an sich selbst auferlegte Bürde, ein wissenschaftliches und doch gut lesbares Buch zu schreiben, wird erfüllt. Girtler schreibt so, dass es auch die einfachen Leute verstehen, um die es in diesem Buch inhaltlich geht, fernab von irgendwelchem sinnlosen Wissenschaftsjargon. Dadurch gibt er jenen Randgruppen auch die Würde, die ihnen zusteht. Für Girtler sind Gesprächspartner (er selbst betreibt primär Feldforschung) in erster Linie Menschen, keine exotischen Untersuchungsobjekte. Er lässt sich auf die Menschen unvoreingenommen ein, und das kommt hervorragend an. Das heißt im Umkehrschluss übrigens überhaupt nicht, dass Girtler nicht wissenschaftlich vorgeht. Im Gegenteil, hier ist vom Aufbau bis hin zu den Belegen her alles mustergültig aufgebaut.
3: Das Buch besitzt zwei sehr interessante Anhänge. Der zweite Anhang ist ein kleines Wörterbuch der Gaunersprache. Ziemlich interessant und ziemlich derb, ohne PC und teils mit Herleitung der Wörter. Der erste Anhang hingegen ist eine Reflexion über den Zustand der Soziologie. Schnell wird klar, das Girtler ganz und gar kein Freund dem modernen Treiben der universitären Soziologie ist, die sich in immer höhere Reflexion und Theoretisierung begibt und dabei das Kernsubjekt, den Mensch, und die klassische Methode, die Feldforschung, immer mehr vergisst. Betrachtet man den aktuellen Zustand (die Originalausgabe des Buches stammt aus dem Jahr 1995), so hat sich bis heute nichts im Elfenbeinturm der Universitäten geändert, und der von Girtler verwendete Begriff der „Verandasoziologen“ trifft (auch aus eigener Erfahrung) voll und ganz zu.
Aus dieser Sicht betrachtet ist dieses Buch ein Lehrbeispiel für ein gelungenes wissenschaftliches Werk. Sowohl Inhalt als auch Vermittlung des Wissens finden hier sehr gut statt.
Inhaltlich wird nicht wirklich Unerwartetes angegangen. Nach einer Einleitung über Forschungsgegenstand — Randkulturen und Forschungsansatz — primär, aber nicht nur, Feldforschung. Girtler teilt die untersuchten Randkulturen in vier Gruppen ein. Die erste ist die Gruppe des Schutzes und des Überlebens. Hier werden Vagabunden (= Obdachlose oder Sandler) der Großstadt und deren Alltag vorgestellt. Die zweite hier vorgestellte Gruppe sind die Gefängnisinsassen. Beide Gruppen werden anhand Feldforschungen sowie historischen Analysen gemäß untersucht und vorgestellt.
Die zweite Gruppe bilden die Randkulturen der Revolution und der Rebellion. Hier werden Wilderer vorgestellt — die es heute in der Form nicht mehr gibt. Es wird auf die historischen Hintergründe des „Rechts“ auf Wilderei gut eingegangen und verschiedene Regionen und deren Brauchtum dargestellt. Als zweite Randkultur in diesem Kapitel dienen „jugendliche Fußballfans als wilde Stämme“. Interessanterweise arbeitet Girtler hier nicht nur als Feldforscher, sondern tritt auch als Kulturanthropologe auf und vergleicht die jugendlichen Fußballfans mit Kriegern in Stämmen — wobei sich in den Initiationsriten erstaunliche Parallelen ergeben.
Die dritte Gruppe bilden die Randkulturen des illegalen und verpönten Geschäftes. Hier werden Dirnen und Zuhälter einerseits sowie „die Herren des verbotenen Glückspiels“ (gemeint ist das klassische „Stoß“-Spiel) vorgestellt. Auch Schmuggler (darunter auch Drogendealer) fallen in diese Kategorie. Interessant ist, dass Girtler sowohl bei den Prostituierten als auch bei den Schmugglern die in den 1990er Jahren eintretenden Veränderungen aufgrund der Öffnung des ehemaligen Ostblocks bereit anspricht und erste Erfahrungen berichtet.
Die letzte in diesem Buch behandelte Gruppe ist die Gruppe der Randkulturen der gemeinsamen Herkunft. Hier werden stellvertretend die Landler vorgestellt, eine Gruppe von Protestanten, die unter Maria Theresia nach Siebenbürgen verbannt wurden und dort seitdem zusammen mit sächsischen Protestanten eine lokale Einheit bildet. Diese Einheit war allerdings bereits bei Erscheinen des Buches und der Feldforschung Anfang der 1990er Jahre vom Aussterben bedroht.
Girtler gibt diesen Gruppen also Namen und Gesichter. Führt ein in deren Alltag und in deren Bräuche. Und das alles ganz und gar nicht romantisierend. Das ist, wie bereits in der Einleitung geschrieben, gelungene Darstellung von Forschung par excellence.
February 24, 2020
Einige interessante Einblicke in sogenannte Randkulturen, das Buch liest sich allerdings größtenteils wie eine Sammlung von Anekdoten aus Girtlers Reisetagebuch.
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